Kirche

Leeraner Pastorin nach Wirbel um Segen: „Worte sensibel nutzen“

Nikola Nording
|
Von Nikola Nording
| 10.02.2022 10:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der Segen sollte Mut machen, doch „Er liegt auf dir“ sorgte für Diskussion. Foto: Ortgies
Der Segen sollte Mut machen, doch „Er liegt auf dir“ sorgte für Diskussion. Foto: Ortgies
Artikel teilen:

Die Leeraner Pastorin Ina Jäckel hat einen Segen geschrieben, der in der Corona-Zeit Mut machen sollte. Durch einen zweideutigen Titel entzündete sich eine Debatte.

Leer - Eine junge Frau betrachtet sich im Spiegel. Ihre Wimperntusche ist verschmiert. Sie betrachtet sich – mal lächelnd, mal skeptisch. Eine Stimme spricht dazu einen Text: „Segen von oben liegt auf dir. Halb angezogen? Fettige Haare? Ist dein Lippenstift verschmiert? Bist du voller Lust auf alles, was kommt? Oder angeödet?“, diese und weitere Zeilen sind zu hören und zu lesen. Ein Segen, den die Leeraner Pastorin Ina Jäckel im vergangenen Jahr geschrieben hat. Orientiert habe sie sich an den Erfahrungen aus dem Lockdown. „Viele Menschen, vor allem Frauen, haben mir berichtet, wie gern sie sich wieder hübsch machen wollen“, sagt Jäckel. Sie habe damit sagen wollen: „Gott ist bei dir, auch wenn du gerade in der Wohnung versumpfst“, sagt sie.

Was und warum

Darum geht es: Die Pastorin Ina Jäckel hat einen Segen geschrieben, der Mut machen sollte. Wegen eines zweideutigen Titels entstand eine Diskussion. Die Geistliche stellt klar: Kirche muss sensibel mit Worten umgehen.

Vor allem interessant für: Menschen, auf der Suche

Deshalb berichten wir: Das Angebot des Projektes „Basis: Kirche“ ist neu. Die Debatte um den Segen der Leeraner Pastorin Ina Jäckel haben wir zum Anlass genommen, über das Projekt zu berichten.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.nording@zgo.de

Doch das Video bekam den Titel „Er liegt auf dir“ und wurde so im neuen Online-Angebot „Basis: Kirche“ der Evangelischen Kirche beworben. In Kombination mit dem Video der jungen Frau mit dem verschmierten Make-Up entstand für einige Internetnutzer schnell ein anderes Bild. „Ich hab da ein gewisses Unbehagen. Vielleicht sollte man halbangezogen und Lust und der Segen liegt auf dir in diesen Zeiten einfach mal – doppelt und dreifach überlegen. Das kann sehr falsch verstanden werden“, schrieb ein Nutzer unter das Video. Die Verbindung zum Thema Missbrauch war da. Doch Jäckel stellt klar: „Das Wort ,er‘ steht nicht für einen Partner, sondern für den Segen“, sagt sie. Der Titel sei von ihr nicht so gewählt und das Video von ihr nicht produziert worden. Sie habe nur den theologischen Inhalt geliefert. Eine Verbindung zum Thema Missbrauch habe sie nie gewollt. „Ich finde den Gedanken ganz furchtbar, dass dieser Segen eben auch ganz anders verstanden werden kann“, sagt sie. Sie habe niemanden verletzen wollen. Sie habe auch nicht provozieren wollen.

Ina Jäckel ist als Pastorin im Netz mit Gläubigen im Gespräch. Foto: privat
Ina Jäckel ist als Pastorin im Netz mit Gläubigen im Gespräch. Foto: privat

Keine Provokation

Das bestätigt auch Lukas Schienke, stellvertretender Chefredakteur des „Basis: Kirche“-Projekt gegenüber dieser Zeitung. „Wir wollen mit unserem Angebot auch mal provozieren. Aber beim Thema Missbrauch ganz sicher nicht. Der Titel des Videos war sehr unglücklich gewählt“, sagt er. Mittlerweile wurde der Titel in „Segen legt sich auf das Zerknitterte“ geändert. Ebenfalls ein Zitat aus dem Gebet. Die Diskussion um den Titel habe Ina Jäckel gezeigt, wie sensibel gerade Kirche beim Thema Sprache sein müsse. Die Formulierung „Segen liegt auf dir“ sei Jahrhunderte alt. Wenn aus „Segen“ allerdings „Er“ wird, verfälscht sich der Kontext. Sie sei dankbar, dass darauf aufmerksam gemacht wurde, sagt sie.

Die Lust, im Netz ihren Glauben und ihre Segensprüche zu teilen, habe sie dadurch aber nicht verloren. „Ich finde, Kirche muss unbedingt rausgehen“, sagt sie, „dorthin, wo die Menschen sind.“ Das seien die sozialen Netzwerke. Seit der Corona-Pandemie komme sie auf ihrem Instagram-Profil mit Gläubigen in Kontakt. „Zunächst habe ich das nur auf Instagram gemacht, um mit meiner Gemeinde in Kontakt zu bleiben“, sagt sie. Schnell merkte die Pastorin: Sie erreicht damit eine ganz andere Zielgruppe. „Gerade für die 20 bis 40-Jährigen gibt es in den meisten Gemeinden kein passendes Angebot“, sagt sie. Im Netz treffe man diese Gruppe sehr viel besser.

Kirche auf Abruf

Die Idee, eine Kirche auf Abruf zu kreieren, die auch das „Basis: Kirche“-Projekt verfolge, unterstützte sie. Nicht für jeden sei der Gottesdienst am Sonntag um 10 Uhr das Richtige, um den Glauben zu leben. Im Netz könne man ganz in Ruhe mit der Kirche und den Impulsen auf Tuchfühlung gehen. „Man kann in ein Video reinklicken und wenn es einem nicht gefällt, weiterklicken. Das geht im Gottesdienst nicht“, sagt sie.

Deswegen wurde das Projekt „Basis: Kirche“ ins Leben gerufen. Auf dem neuen Kanal gebe es Inhalte für Körper, Geist, Seele und Herz. „In Talks und Reportagen sowie kurzen Gebetsclips nehmen Theologinnen und Theologen die User:innen mit auf die Suche nach Sinn und Spiritualität“, erklärt Schienke. Mit dabei ist aus Ostfriesland nicht nur Ina Jäckel. Auch Künstlerin Annie Heger und der Wiesmoorer Pastor Quinton Ceaser werden in den kommenden Monaten zu sehen sein. Zu sehen sind die Videos unter https://aktion.oz-online.de/Basis:Kirche.

Ähnliche Artikel