Alles Kultur

Ramponierte Schönheiten

Annie Heger
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Eine Kolumne von Annie Heger
| 07.02.2022 09:12 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Annie Heger
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Auf unserem Online-Auftritt veröffentlichen wir an sechs Tagen pro Woche eine Kolumne. Montags geht es um Kultur.

Ich war in den letzten zwei Wochen auf der Suche nach einem „verlorenen Ort“. Für einen Musikvideodreh hatten wir die romantische Vorstellung in einem absoluten Abbruchhaus zu drehen – mit Graffiti an den Wänden, kaputten Treppengeländern und tausend unerzählten Geschichten unter dem Staub. Diese Orte sind alle nicht besonders sicher für Menschen, die beim Filmen keinen Bauhelm, aber dafür hohe Schuhe tragen.

Zur Person

Annie Heger (38), geboren in Aurich und heute hauptsächlich in Berlin lebend, ist abgebrochene Religionslehrerin, abgebrochene Diätassistentin und geprüfte Heilpraktikerin für Psychotherapie, aber vor allem ist sie als Künstlerin bekannt. Sie singt, ist Schauspielerin und moderiert Shows, Festivals, Varietés und Galas. Außerdem ist sie Plattdeutsch-Aktivistin, unter anderem als Intendantin des „PLATTart“-Festivals.

Wir sagen hier in Deutschland „Lost Place“, doch reiht sich der Begriff ein mit anderen falschen Pseudoanglizismen wie „Public Viewing“ oder „Oldtimer“. Korrekterweise müsste es „abandoned premise“ heißen, also „verstoßenes Gebäude“. Die Suche war nicht einfach, wir wollten doch eigentlich im Norden, bestenfalls in Ostfriesland drehen, fanden aber unzählige Halbruinen und verlassene Orte im Osten Deutschlands. Beeindruckende Orte wie die Beelitzer Heilstätten in Brandenburg oder den Kristallpalast in Magdeburg. Und dabei immer die Frage, wie es so weit kommen konnte, dass so etwas Imposantes fallen gelassen worden ist.

Fantasie und Grusel

Je mehr Bilder ich von diesen Orten anschaute, umso mehr entstand in mir der Ausdruck einer „Broken Beauty“. Schönheit liegt manchmal viel mehr im Zerbrochenen, im Verstaubten, Ramponierten und Vergessenen als im Makellosen. Es löst eine Faszination bei uns aus. Und die liegt wohl manchmal auch im Grusel und in der Fantasie, die sich versucht auszumalen, was hier alles passiert ist, im Reiz des Verbotenen und wie sich die Natur nach und nach ihren Raum zurücknimmt.

Wir haben dann in unseren Netzwerken nach Tipps gefragt, wo wir an diesem Tag drehen könnten. Die Zeit drängte. Wir telefonierten mit Infrastrukturgesellschaften wegen Geisterbahnhofstationen, Gebietseigentümern von ehemaligen Luftmunitionsanstalten und Genossenschaftsmitgliedern von Truppenkinos der britischen Armee. Ein paar dieser Orte waren jedoch nicht mehr ganz so verloren, verborgen und verboten – und wir wurden fündig. Wo? Das verrate ich noch nicht.

Kontakt: kolumne@zgo.de

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