Sturmflut
Emssperrwerk: Minister kommt zum Krisengespräch
Wenn beim Emssperrwerk bei Sturmfluten früher die Schotten dichtgemacht würden, könnten Schäden wie jetzt in Jemgum verhindert werden. Der Bürgermeister hofft auf ein Gespräch mit dem Umweltminister.
Jemgum - Die Auswirkungen des Sturmtiefs „Nadia“ am Wochenende haben im Hafen von Jemgum zu massiven Schäden geführt: Auf dem Spielplatz war Land unter und im neuen Vereinsheim des Seglervereins „Luv up“ stand das Wasser. „Das Wasser ist durchs Mauerwerk ins Gebäude eingedrungen. Wie hoch der Schaden ist, kann man jetzt noch nicht sagen“, sagt Jutta Simmering, Vorsitzende des Vereins. Jemgums Bürgermeister Hans-Peter Heikens fordert daher, dass das Sperrwerk bei Sturmfluten künftig rechtzeitig geschlossen wird und hat sich an den niedersächsischen Umweltminister Olaf Lies gewandt. „Mein Hinweis ist offenbar ernst genommen worden“, freut sich Heikens. Bereits für den kommenden Montag hat sich Lies zu einem Ortstermin in Jemgum angekündigt.
Was und warum
Darum geht es: Immer wieder kommt es bei Sturmfluten zu Schäden im Hafenbereich von Jemgum. Nach dem Sturm am vergangenen Wochenende wurde die Diskussion, das Emssperrwerk künftig frühzeitiger zu schließen, erneut entfacht.
Vor allem interessant für: alle, die sich für den Küstenschutz interessieren.
Deshalb berichten wir: Wir wollten wissen, ob es möglich ist, spontan „die Schotten dicht zu machen“, wenn die Wasserstände höher als prognostiziert ausfallen. Die Autorin erreichen Sie unter: t.gettkowski@zgo.de
Warum werden die Tore des Emssperrwerks in Gandersum bei Sturmfluten nicht früher geschlossen, um Schäden zu vermeiden? Das ist die zentrale Frage, die sich in Jemgum nach Sturmfluten immer wieder stellt. Denn es ist nicht das erste Mal, dass Wasser ins „Luv up“-Gebäude dringt. 2016 stand die braune Brühe in der damaligen Gaststätte fast einen halben Meter hoch. Ein Jahr darauf gelang es nur durch einen mit Sandsäcken erhöhten Wall, das Eindringen des Wassers zu verhindern.
Kein Anlass zur Sperrung
Geschlossen wird das Sperrwerk aber immer erst, wenn dort ein Pegelstand von deutlich mehr als zwei Metern erreicht wird. Der NLWKN beruft sich bei diesem Wert auf den Planfeststellungsbeschluss aus dem Jahr 2002, der rechtlich bindend sei. Am Wochenende hatte der Sturmflutwarndienst Pegelstände von zwei Metern vorhergesagt, daher bestand kein Anlass zur Schließung des Sperrwerks. Tatsächlich stieg das Wasser dann aber 30 bis 40 Zentimeter höher als prognostiziert. „Bei solchen Naturereignissen bleibt immer eine gewisse Unsicherheit bestehen“, erklärt Carsten Lippe, Pressesprecher des NLWKN.
Warum kann in solchen Fällen nicht einfach schneller reagiert werden, fragt man sich in Jemgum. „Spontane Schließungen des Emssperrwerks sind nicht umsetzbar“, so Carsten Lippe. Informationen über eine eventuell bevorstehende Schließung müssten bereits deutlich frühzeitig übermittelt werden. „Beispielsweise an die Schifffahrt, N-Ports und die Häfen.“ Denn durch die Sperrwerksschließung kann es zu einer Flutwelle kommen, die wiederum Auswirkungen auf die Häfen von Ditzum und Emden haben kann, beispielsweise bei Be- und Entladen von Schiffen. „Man nimmt dafür bei uns und in Jemgum Schäden billigend in Kauf“, ärgert sich der Bingumer Ortsvorsteher Sönke Eden. „Mir geht bei dem Thema die Hutschnur hoch.“ Er denkt vor allem an die Landwirte, die das Deichvorland als Weideflächen nicht nutzen können.
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Eine ganz normale Sturmflut
Der Jemgumer Bürgermeister Hans-Peter Heikens hat einen Ansatzpunkt für eine mögliche Lösung. Eine Änderung des Planfeststellungsbeschlusses sei seiner Ansicht nach gar nicht erforderlich. Er will bei dem Ortstermin am Montag kommender Woche mit dem Umweltminister unter anderem über die Auslegung der sehr dehnbaren Definition „deutlich über zwei Meter“ sprechen. Wie dramatisch die Situation gewesen sei, zeige sich in Soltborg, wo das Wasser durch das geschlossene Deichgatt gelaufen sei. „Das ist seit dem Bau des Sperrwerks tatsächlich zum ersten Mal passiert“, bestätigt Oberdeichrichter Meint Hensmann. An dieser Stelle habe der Wasserstand bei 9,06 Meter gelegen, in Jemgum seien es neun Meter gewesen – für Hensmann dennoch „eine ganz normale Sturmflut“. „Es waren die starken Windböen, die das Wasser vor sich hergedrückt haben.“ Die Sicherheit der Deiche sieht er durch die Sturmfluten aber nicht in Gefahr.
Fisch essen geht manchmal nur mit Gummistiefeln
Darf das Emssperrwerk die Leda bei Leer aufstauen? Jein
Die Gemeinde Jemgum geht in Sachen Gefahrenabwehr mit gutem Beispiel voran. „Wir haben die Bohrinsel Dyksterhusen gesperrt“, teilte Hans-Peter Heikens mit. Die Sperrung erfolgte nicht nur, weil sich dort jede Menge Sedimente und Treibgut angesammelt haben. Verhindert werden soll auch, dass abenteuerlustige Autofahrer sich auf der Bohrinsel vom Wasser einschließen lassen und dabei in Gefahr geraten.