Osnabrück

Als Hagestolz bezeichnete man im Postkutschenzeitalter den Single

Stefan Lüddemann
|
Von Stefan Lüddemann
| 03.02.2022 12:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Ausstellung "Carl Spitzweg" Foto: dpa
Ausstellung "Carl Spitzweg" Foto: dpa
Artikel teilen:

Alte Wörter: In der Sprachkolumne „Wortklauber“ geht es Sprachschätze, die in Gefahr sind, verloren zu gehen. Das Wort dieses Mal: Der Hagestolz.

Hagestolz. Das Wort klingt so knarzig, kantig, knirschend wie die Person, die er bezeichnet, den Mann, der lieber unverheiratet bleibt, als sich zu binden. Der Hagestolz ist nicht mehr jung, er hat entsagt, folgt aber einem selbst gewählten Lebensentwurf. Das unterscheidet ihn von seinem weiblichen Pendant, der alten Jungfer. Die gilt vormals als sitzengeblieben und gibt treffliche Zielscheiben des Spotts. Der Hagestolz hingegen war nicht verschmäht worden, er hatte gewählt. Sein singulärer Lebensentwurf stand quer zu einem Umfeld, das aus lauter soliden Eheständen bestand. Ob mancher braver Ehemann seinerzeit einmal neidisch zum Hagestolz und dessen Unabhängigkeit herüberschielte? Gleichviel. Zum Hagestolz gehört der Stolz auf die Freiheit, einer scheinbar unausweichlichen Lebenskonvention nicht folgen zu müssen.

Der erste Bestandteil des Wortes liefert den versteckten Hinweis auf die ländlichen Lebenskontexte, in denen der Hagestolz einst anzutreffen war. Hag, das ist die Hofstelle, die zu klein ist, um eine Familie zu ernähren. Das Wort, das eigentlich nur eine Person und ihren Lebensentwurf bezeichnet, trägt auf diese Weise die Erinnerung an die Geschichte ganzer Sozialordnungen mit sich. Der Maler Carl Spitzweg bringt den Hagestolz im 19. Jahrhundert immer wieder ins Bild, als einsamen Spaziergänger, der glücklichen, jungen Paaren hinterherschaut und dabei wohl über verpasste eigene Lebenschancen nachsinnt. Der Dichter Adalbert Stifter macht das Wort mit seiner 1845 publizierten Novelle „Der Hagestolz“ unsterblich. Der junge Victor will lieber nicht heiraten. Sein Oheim, so heißt der Onkel damals noch, redet ihm das aus. Als Hagestolz weiß er, was Einsamkeit in älteren Lebenstagen bedeutet. Also ehelicht Victor die Tochter seiner Pflegemutter. Brav, der junge Mann.

Den Hagestolz gibt es wohl nicht mehr. Er wurde vom Junggesellen abgelöst, der selbst längst seinen zeitgemäßen Nachfolger hat – den Single. Das Unisexwort passt für Männer und Frauen wie zu ihrem unabhängigen Stadtleben. Single ist ein Lebensentwurf wie Patchworkfamilie und sicher kein Schicksal mehr. Anders als den Hagestolz umweht ihn nicht mehr die leise Tragik von Einsamkeit und verpasster Lebenschance. Oder vielleicht doch?

Ähnliche Artikel