Ärger

Sturmflut drang nach Jemgum: Sperrwerk blieb dennoch offen

Vera Vogt
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Von Vera Vogt
| 31.01.2022 19:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Das neue Vereinsheim Luv-Up hat durch das Wasser Schaden genommen. Foto: Wolters
Das neue Vereinsheim Luv-Up hat durch das Wasser Schaden genommen. Foto: Wolters
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Nicht nur Bäume wurden am Wochenende umgeknickt. Sturmtief „Nadia“ drückte auch Wassermassen nach Jemgum. Das Emssperrwerk, das das Wasser hätte aufhalten können, blieb offen. Warum?

Jemgum - Das Sturmtief „Nadia“ hat am Wochenende nicht nur Bäume entwurzelt, es hat auch am späten Sonnabend und am Sonntagmorgen Sturmfluten verursacht. Der Hafen in Jemgum war überflutet, wer zur Gaststätte Luv-Up wollte, musste sich den Weg durchs Wasser bahnen, in den Keller lief Wasser. Das Emssperrwerk, das die Orte vor dem Wasser schützen sollte, blieb allerdings offen.

Die Jemgumer fragten sich, warum. „Bei mir gingen die Meldungen ab Sonntagmittag schon ein“, erklärt Bürgermeister Hans-Peter Heikens. Zu diesem Zeitpunkt sei aber bei der zuständigen Behörde, dem Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN), niemand zu erreichen gewesen. „Daraufhin habe ich mich gleich Montagmorgen an den NLWKN gewandt und von dort die Aussage erhalten, dass das Ausmaß der Sturmflut in den Vorhersagen nicht erkennbar gewesen sei“, so Heikens. Das bestätigt NLWKN-Sprecher Carsten Lippe auf Nachfrage. „Der überregionale Sturmflutwarndienst des NLWKN wertet Pegel- und Winddaten aus dem gesamten Nordseegebiet aus“, sagt er. Wie bei der Wettervorhersage würden die Prognosen genauer, je näher das Ereignis rückt. „Es bleibt aber wie bei allen Vorhersagen von Naturereignissen eine gewisse Unsicherheit bestehen“, so Lippe. Das habe man auch bei den beiden Sturmfluten des Wochenendes erlebt: Das Wasser sei mehrere Dezimeter höher gestiegen als prognostiziert.

Was und warum

Darum geht es: Am Wochenende sorgte das Sturmtief Nadia auch für Überschwemmungen in Jemgum. Dabei blieb das Sperrwerk offen – das führt zu Ärger.

Vor allem interessant für: Die, die sich für Hochwasserschutz interessieren.

Deshalb berichten wir: Jemgumer wollten wissen, warum das Sperrwerk offen blieb.

Die Autorin erreichen Sie unter: v.vogt@zgo.de

Pegelstand entscheidend

Der Pegelstand sei entscheidend, wenn es darum geht, ob das Sperrwerk geschlossen wird oder nicht, so Lippe: Im Planfeststellungsbeschluss sei das festgelegt. „Im aktuellen Fall wurde ein Schließen aufgrund der Vorhersage von zwei Metern über dem Mittleren Tidehochwasser nicht durchgeführt.“ Liegen die Prognosen nur knapp in diesem Bereich entscheide der Einsatzstab im Einzelfall, so Lippe. So eine Einzelfallentscheidung gab es am Wochenende. Dabei spielen laut NLWKN verschiedene Faktoren eine Rolle: „Die Ems ist eine wichtige Bundeswasserstraße, aber das war am Wochenende nicht entscheidend“, so Lippe. Wegen der Sturmflut-Prognosen waren die sechs Sperrwerke des Landesbetriebs im Bereich der Tideelbe am Wochenende zum Beispiel vorsorglich geschlossen worden, ebenso das Hunte- und das Ochtumsperrwerk. Das Emssperrwerk blieb dagegen geöffnet. Man müsse natürlich auch die Auswirkungen einer Schließung auf Anlagen oberhalb und unterhalb des Sperrwerkes berücksichtigen“, so Lippe.

Der Jemgumer Hafen stand unter Wasser. Foto: Wolters
Der Jemgumer Hafen stand unter Wasser. Foto: Wolters

„Wenn das Mittlere Tidehochwasser bei deutlich mehr als zwei Metern liegt, sollen die Tore schließen“, sagt auch Bürgermeister Heikens. Leider sei das ein sehr dehnbarer Begriff. „Es war am Wochenende nicht das erste Mal, dass diese Angabe zu unseren Ungunsten ausgelegt wurde“, sagt er. Fakt sei, dass die ersten Warnmeldungen ein Tidehochwasser von 1,75 Metern voraussagten. Diese seien jedoch im Laufe der Nacht und des Sonntagmorgens immer neu nach oben korrigiert worden. „Um 8.30 Uhr wurde ein Wert von 2,25 Metern gemeldet, tatsächlich aufgelaufen sei das Wasser dann nach Angaben des NLWKN auf 2,24 Meter, sagt Heikens. Zum Zeitpunkt, als die Meldung mit 2,25 Metern kam, sei es angeblich zu spät gewesen, die Tore zu schließen, weil dies eine Welle im Binnenland, vor allem aber eine Flutwelle im Außenbereich erzeugt hätte, so Heikens. „Dies habe man nicht in Kauf nehmen wollen, da dann Ditzum und insbesondere der Hafen Emden hiervon betroffen gewesen wären, wurde mir mitgeteilt.“

Unverständnis bleibt in Jemgum

„Bei allem Verständnis für den Spielraum, den Vorhersagen lassen – das Sperrwerk ist zunächst einmal zu einem Zweck für Millionen von Euro gebaut worden: nämlich zum Schutz der Menschen und zum Schutz von Hab und Gut“, so Heikens. „Ich habe hierzu eine ganz einfache Meinung: Lieber zweimal zu viel schließen, als einmal zu wenig, egal, was im Planfeststellungsbeschluss steht.“

„Erschreckend ist für mich vor allem, dass erstmals seit Bau des Sperrwerkes, und das ist ja inzwischen 20 Jahre her, das Wasser in Soltborg durch das Deichschart gelaufen ist. Dies zeigt meiner Meinung nach ganz deutlich, dass da mächtig was schief gelaufen ist“, so Heikens. Das neue Vereinsheim des Luv up sei in Mitleidenschaft gezogen worden, Wasser sei in den Keller eingedrungen und das Wasser stand über Stunden am Mauerwerk, was schnell zu Schäden führen kann. Der Spielplatzbereich habe über Stunden unter Wasser gestanden. „Die Sedimente setzen sich an den Spielgeräten ab, schlimmer aber noch setzt es die gesamte Drainage des Platzes dicht. Die Beseitigung der Schäden führt bei uns zwangsläufig wieder zu neuen finanziellen Belastungen“, so Heikens. Nach dem Druck der gestrigen Wassermassen befürchte er zusätzlich, dass in den kommenden Monaten die Straße und auch die neue Pflasterung am Vereinsheim wieder versacken werden.

Heikens möchte die Sache nicht auf sich beruhen lassen: „Ich habe die Ereignisse mit den Fraktionsspitzen besprochen. Ich werde mich mit einer entsprechenden Beschwerde an Umweltminister Olaf Lies wenden und diesbezüglich auf ein Gespräch drängen“, kündigt er an. Wenn man höre, dass die Meyer Werft Ende März die nächste Schiffspassage plane und das Sperrwerk zum Einsatz komme, „dann muss ich angesichts der Ereignisse in Frage stellen, ob gewisse Stellen vergessen haben, wofür das Sperrwerk eigentlich gebaut worden ist“.

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