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Tichtplicht klingt besser als Lockdown

Henk Wolf
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Von Henk Wolf
| 30.01.2022 07:39 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Henk Wolf
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Auch die Westfriesen kennen das Wort Lockdown. Aber sie kennen noch einen anderen Begriff für diesen Zustand: tichtplicht. Im Deutschen klingt das ungewöhnlich. Doch das Wörtchen hat Vorteile.

Jetzt, wo ich dies schreibe, sind in den Niederlanden alle Geschäfte wieder zu. Wegen Corona müssen sie geschlossen bleiben. Lockdown heißt dieser Zustand auf Niederländisch. Auch auf Deutsch, Plattdeutsch und Saterfriesisch wird dieses englische Wort verwendet.

Zur Person

Henk Wolf (geb. 1973) arbeitet als Sprachwissenschaftler für die Rijksuniversiteit Groningen und als wissenschaftlicher Beauftragter für Saterfriesisch bei der Oldenburgischen Landschaft. Er hat ein Büro im Rathaus der Gemeinde Saterland in Ramsloh und schreibt für den GA in einer wöchentlichen Kolumne über Saterfriesisch.

Auch unter Westfriesen hört man Lockdown, aber inzwischen setzt sich auch ein anderes Wort durch: tichtplicht. In den friesischsprachigen Medien wird es eifrig als Alternative für das englische Lehnwort verwendet. Zuerst mochte ich es eigentlich nicht leiden, denn auf Friesisch werden solche abstrakten Begriffe meistens vermieden. Man würde eher „de winkels binne ticht“ (die Geschäfte sind zu) sagen, statt von einem ‚Lockdown‘ zu reden. Die Medien wollen es jedoch immer gerne kurz und knapp, insbesondere, wenn sie fürs Internet schreiben. Dann geht es oft nicht ohne solche kurzen Wörter.

Tichtplicht ist ein merkwürdiges Wort: zu-Pflicht oder geschlossen-Pflicht würde man auf Deutsch nicht so schnell sagen. Adjektive wie ticht oder geschlossen verschmelzen nicht so einfach mit Substantiven. Man würde eher ein Verb verwenden: Schließ-Pflicht hört sich schon normaler an (ohne Bindestrich natürlich, den habe ich nur für die Lesbarkeit eingefügt). Aber: tichtplicht hat sich trotzdem durchgesetzt, und das Wort hat zwei große Vorteile. Erstens: die Wortteile reimen sich. Und zweitens: es lässt sich einfach in die anderen friesischen Sprachen übertragen und ist somit ein richtiges interfriesisches Wort. Auf Saterfriesisch wäre es auch Tichtplicht (nur großgeschrieben) und auch Nordfriesisch wäre es tachtplacht (mit dem üblichen i-a-Wechsel).

So können wir die friesischen Sprachen gemeinsam weiter ausbauen. Wenn genügend Saterfriesen dies ein interessantes Projekt finden und mitmachen wollen, können wir hoffentlich in wenigen Monaten irgendwo unweit der Sagter Ems hören, wie dank gelungener Impfung kein Sküüldouk und keine Tichtplicht mehr nötig ist.

Kontakt: Seeltersk@ga-online.de

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