Kolumne: Alles Kultur
24 Stunden on air
Sechsmal in der Woche veröffentlichen wir auf unserem Internet-Auftritt eine Kolumne. Montags geht es immer um Kultur.
Ich bin Künstlerin. Auch wenn ich nicht auf der Bühne stehe, wenn ich gerade kein Buch schreibe oder die Kameras an sind. Ich fühle mich einfach immer von Berufswegen verantwortlich für die Stimmung. Für mich ist es nahezu Normalität, dass es auf einer Feier irgendwann still wird und ich nur meine Stimme durch den Saal tönen höre. Auch bei kleinen Kaffee-Verabredungen erzähle ich unterhaltsame Anekdoten oder denkwürdige Geschichten. Wenn in einer kleinen Runde Stille aufkommt, kann ich das Unbehagen tief in mir aufsteigen fühlen und das muss ich durchbrechen. Auch wenn ich weiß, dass das nicht mein Job ist, fühle ich mich zuständig. In mir ist das stete Gefühl eines Unterhaltungsmarathons, den ich moderiere. Und ich nerve mich damit oft selbst, kann aber nicht aus meiner Haut.
Mein Beruf ist nun wirklich nicht mit dem Job eines Lehrers oder einer Dachdeckerin zu vergleichen. Beide würde man nie fragen, ob sie mitten auf einer Party mal kurz das Dach decken oder die binomischem Formeln erklären. Wobei das bei ausreichendem Bierkonsum immer noch im denkbar Möglichen wäre, gebe ich zu.
Zur Person
Annie Heger (38), geboren in Aurich und heute hauptsächlich in Berlin lebend, ist abgebrochene Religionslehrerin, abgebrochene Diätassistentin und geprüfte Heilpraktikerin für Psychotherapie, aber vor allem ist sie als Künstlerin bekannt. Sie singt, ist Schauspielerin und moderiert Shows, Festivals, Varietés und Galas. Außerdem ist sie Plattdeutsch-Aktivistin, unter anderem als Intendantin des „PLATTart“-Festivals.
Von Menschen meiner Zunft erwartet man Gesang, wenn ich zum Beispiel zum Geburtstag gratuliere oder wenn es auf einer Hochzeit Mitternacht wird. Manchmal werde ich vorher gefragt, andere Male drehen sich die Blicke im Saal wie selbstverständlich erwartungsvoll in meine Richtung. Und ich mach das gerne! Manchmal ist es mir unangenehm, obwohl es in der Natur der Sache liegt, dass wenn ich meinen Beruf ausübe, mir Menschen dabei zu gucken.
Vielleicht ist es auch ein bisschen das Klassenclown-Syndrom, das sich bei mir einfach nicht verwachsen hat. Ich werde regelrecht auf Knopfdruck zur Knallcharge. Sicherlich ist es eine Form der Begabung, mit einer kleinen Geschichte eine Situation auflockern zu können. Oft aus der Angst heraus entstanden, nicht Teil einer Gruppe werden zu können. Dann lieber mit Absicht herausstechen. Spannend wird es erst, wenn zwei „von uns“ auf einer Feier sind, wer es schafft, sich zuerst zu entspannen.
Kontakt: kolumne@zgo.de
Ich feiere die grüne Palme
Stück im Rasen
Kultur ist wichtig
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