Kolumne Intern
Das Problem der falschen Abwägung
Die Aufgaben des Journalisten sind kompliziert: Er soll nicht nur berichten, sondern auch entscheiden, was berichtenswert ist und was nicht. Manche Leser finden das ärgerlich.
Eigentlich machen wir Lokaljournalisten es immer falsch. Warum wir über die großartige Nachbarschaftshilfe in x nur einen kurzen Text gebracht haben, über ein ähnliches Projekt in y aber eine halbe Seite, das verstehen die Leser in x nicht, und es ärgert sie auch. Völlig verständlich, uns Journalisten ginge es vermutlich ähnlich, aber eine Lösung haben wir nicht.
Es sind immer die Umstände: Ist genügend Platz auf den Lokalseiten oder gibt es gar ein anderes Thema, das wichtiger ist, und auch wer kümmert sich um die Nachbarschaftshilfe? All dies sind Faktoren, die die Länge des Artikels mitbestimmen. Und natürlich die Tatsache, dass unsere Redaktion nicht zentral organisiert ist, sondern die jeweiligen Lokalressorts in eigener Verantwortung ihre Themen bewerten. Das ist auch gut so, denn wenn alles reguliert wäre, würden wir sehr unflexibel werden, wie eine Behörde.
Zur Person
Joachim Braun (56) ist Chefredakteur der Ostfriesen-Zeitung, des General-Anzeiger und der Borkumer Zeitung. Davor leitete er die Redaktionen der Frankfurter Neuen Presse und des Nordbayerischen Kurier in Bayreuth. 2012 wurde er von einer Fachjury zu Deutschlands „Regional-Chefredakteur des Jahres“gewählt.
In diesen unruhigen Zeiten bekommt dieses Thema aber einen neuen Aspekt. In der Fachwelt wird dieser als „false balance“ beschrieben, als „fehlerhafte Ausgewogenheit“. Konkret: Fast jeden Tag beschweren sich Leser, wir würden über Corona und die Folgen einseitig berichten. Einseitig heißt: Regierungsmaßnahmen gut heißen, Ungeimpfte stigmatisieren, Impfrisiken verschweigen und Demos als von Rechtsradikalen und Reichsbürgern unterwandert beschreiben. Sie fordern deshalb, dass wir alles gleichwertig darstellen, es sei schließlich unsere Aufgabe alle Meinungen abzubilden.
Ich gebe zu, anfangs, als auch wir völlig verunsichert waren und der Druck hoch war, dachten wir darüber intensiv nach. Aber: Es wäre falsch, eine „false balance“. Denn dass, wie Andreas Ellinger gerade recherchierte, zwei Drittel der Covid-Patienten in den Krankenhäusern ungeimpft sind, dass der Rhauderfehner Spaziergang-Organisator Johann Redenius zum bewaffneten Widerstand aufrief, und dass das Risiko von Impfschäden sehr viel geringer ist, als schwer an Covid zu erkranken, sind einfach Tatsachen. Es ist eben nicht alles gleichwertig, auch wenn es manchen Leuten so scheinen mag.
Kontakt: j.braun@zgo.de