Umweltbelastung

Babys schlucken viel mehr Mikroplastik als Erwachsene

Karin Lüppen
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Von Karin Lüppen
| 26.01.2022 18:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Tjark ist sechs Wochen alt. Wie alle Säuglinge nuckelt er gerne auf etwas herum. Foto: Ortgies
Tjark ist sechs Wochen alt. Wie alle Säuglinge nuckelt er gerne auf etwas herum. Foto: Ortgies
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Säuglinge und Kleinkinder nehmen große Mengen Mikroplastik auf. Die winzigen Partikel, die im Verdacht stehen gesundheitsschädlich zu sein, wurden bei einer Studie im Inhalt der Windeln aufgespürt.

Ostfriesland - Das Ergebnis einer Studie der New York University dürfte viele Eltern beunruhigen: In Stuhlproben von Neugeborenen und einjährigen Kindern wiesen die Forscher deutlich höhere Belastungen mit Mikroplastik nach als bei Erwachsenen. Die Kleinstpartikel bestanden am häufigsten aus Polyethylenterephthalat (PET) und Polycarbonat (PC). Unklar ist bislang, ob diese Stoffe gesundheitliche Risiken bergen.

Was und warum

Darum geht es: Kleinkinder sind bis zu zehnmal so stark mit Mikroplastik belastet wie Erwachsene. Die winzigen Partikel stehen im Verdacht, gesundheitsschädigend zu sein.

Vor allem interessant für: Eltern von Kleinkindern und Menschen, die sich Sorgen wegen der zunehmenden Verschmutzung mit Kleinstpartikeln machen.

Deshalb berichten wir: Es gibt eine neue Untersuchung zu diesem Thema.

Die Autorin erreichen Sie unter: k.lueppen@zgo.de

„Insgesamt sind keine Erkrankungen – akut oder chronisch – direkt auf Mikroplastik zurückzuführen beziehungsweise bekannt“, gibt der Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Leer, Dr. Daniel Schüler, zumindest in diesem Punkt Entwarnung. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) gehe bislang nicht davon aus, dass Plastikpartikel in Lebensmitteln gesundheitliche Risiken mit sich bringen.

Mikroplastik ist einfach überall

Andererseits sind die winzigen Partikel inzwischen überall. Sie wurden sogar an den tiefsten Punkten des Ozeans nachgewiesen, ebenso im ewigen Eis an den Nord- und Südpolen. Wie sie dorthin gelangen, ist offen. Klar ist dagegen, wieso Babys und Kleinkinder so stark belastet sind: Sie sind eigentlich umgeben von Plastik. „Es macht das Leben der Eltern leichter“, bestätigt Ute Nobel. Die Journalistin aus Leer hat vor sechs Wochen ihren Sohn Tjark zur Welt gebracht, der ältere Bruder Tebbe ist fast vier Jahre alt.

Beide Kinder, vor allem der Neugeborene, kommen oft mit Plastik in Berührung, sagt ihre Mutter. Angefangen bei Windeln über Saugflaschen, Becher, Löffel bis zu Spielzeug. „Beide Kinder haben einen Schnuller“, sagt Ute Nobel. Bevor Gläser oder Teller aus Porzellan beim Essen zu Bruch gehen, nehme sie natürlich lieber Kunststoffbecher und -teller. „Tebbe hat viel Spielzeug aus Holz, das finde ich einfach schöner“, sagt die Mutter. „Aber klar: Sobald er in den Kindergarten kommt, geht es bestimmt nicht mehr ohne Playmobil und Lego. Da muss man mit Holz nicht mehr kommen.“

Ein Schnuller ist für Tjark beruhigend. Doch wie jedes Kunststoffteil sondert dieser Mikropartikel ab. Foto: Ortgies
Ein Schnuller ist für Tjark beruhigend. Doch wie jedes Kunststoffteil sondert dieser Mikropartikel ab. Foto: Ortgies

Beim Nuckeln auf Schnullern oder Beißringen entsteht ständig Abrieb, den die Kinder unweigerlich über den Mund oder die Atemluft aufnehmen. „Ob das Mikroplastik geschluckt oder inhaliert wird, ist sicher ein Unterschied. Magen-Darm-Trakt und Atemwegstrakt unterscheiden sich beim Aufbau ihrer Schleimhäute“, sagt Dr. Schüler, Kinderarzt und Allergologe am Klinikum.

Belastung schon im Mutterleib

Bei der Studie in den USA wurden in den sechs Stuhlproben von Kleinkindern im Mittel 36 Mikrogramm PET-Mikroplastik pro Gramm Trockengewicht nachgewiesen. Bei den Erwachsenen enthielten acht von zehn Stuhlproben PET-Mikroplastik – wobei der mittlere Gehalt mit 2,6 Mikrogramm pro Gramm Trockengewicht mehr als zehnmal niedriger war als bei Kleinkindern. Die Polycarbonat-Konzentration im Stuhl war bei Kleinkindern und Erwachsenen ähnlich, mit durchschnittlich 78 Nanogramm bei Kleinkindern und 110 Nanogramm bei Erwachsenen.

Darüber hinaus wurden Mikropartikel schon im ersten Stuhlgang von Neugeborenen (Mekonium) nachgewiesen. Sie nehmen diese also bereits im Mutterleib auf. „Bereits Anfang des Jahres wurde in einer Studie Mikroplastik in der menschlichen Plazenta nachgewiesen“, teilt Dr. Schüler dazu mit. Wahrscheinlich seien die Partikel über den Magen-Darm-Trakt oder die Atemluft aufgenommen worden. „Die Plazenta dient eigentlich als Barriere und soll Ungeborene vor schädlichen Einflüssen schützen. Das potentiell schädliche Mikroplastik konnte diese Barriere allerdings überwinden“, so Schüler.

Bedenklich: Bisphenol A gefunden

Bedenklich ist für den Mediziner, dass im Stuhl eines Babys sowie in zwei der Mekonium-Proben Bisphenol A nachgewiesen werden konnte. Dieses wirke ähnlich wie das weibliche Hormon Östrogen und habe in Tierversuchen schon in geringer Konzentration zu Organmissbildungen oder Beeinträchtigungen der Gehirnentwicklung geführt. Deshalb sei der Stoff in Babyflaschen seit 2011 verboten. Dagegen sei die Schädlichkeit von Mikroplastik noch ungeklärt, aber akute Erkrankungen daraus nicht bekannt.

Ute Nobel findet die Studienergebnisse zwar besorgniserregend, will sich aber deshalb „nicht verrückt machen“. Die Mikroplastikbelastung sei aber da und lasse sich nicht mehr beseitigen. Deshalb sollte man sich schon Gedanken darüber machen, wo sich Plastik vermeiden lasse. „Es ist ein ständiges Abwägen“, sagt sie. Schließlich sind die Vorteile da: Kunststoff ist leicht, gut zu reinigen und robust. Wären da nur nicht die kleinsten Teile, die sich ständig davon lösen und in der Umwelt landen – oder im Mund von kleinen Kindern.

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