Kolumne: Alles Kultur
Stück im Rasen
Auf unserer Internetseite veröffentlichen wir sechs Mal pro Woche eine Kolumne. Montags geht es um Kultur.
Ich verbringe gerade viel Zeit in Ostfriesland, da meine Konzerte ja aus bekannten Gründen abgesagt sind. Und als meine Tante und ich uns beim Tee über ihren neu bestellten Kalender für das neue Jahr unterhielten, sagte ich, sie solle auf den freien Seiten hinten schon für 2023 meinen 40. Geburtstag eintragen. Meine Tante fragte mich mit ernster Miene, wo sie dann in Berlin den Bogen dran machen sollen.
Zur Person
Annie Heger (38), geboren in Aurich und heute hauptsächlich in Berlin lebend, ist abgebrochene Religionslehrerin, abgebrochene Diätassistentin und geprüfte Heilpraktikerin für Psychotherapie, aber vor allem ist sie als Künstlerin bekannt. Sie singt, ist Schauspielerin und moderiert Shows, Festivals, Varietés und Galas. Außerdem ist sie Plattdeutsch-Aktivistin, unter anderem als Intendantin des „PLATTart“-Festivals.
Die Bilder in meinem Kopf entwickelten sich unaufhaltsam und in meinem Kopf entspann sich ein Szenario mit ostfriesischer Nachbar- und Verwandtschaft, die sich beim Bogenmachen und Zollstockgeradetrinken in meinem Berliner Innenhof treffen. Dabei würden sich meine Berliner Nachbarn ihre Nasen an den Fensterscheiben plattdrücken – und dieses Völkchen, welches dazu noch so eine fremde Sprache spricht, die fast holländisch anmutet, mit großen Augen bestaunen. Ein Spektakel, das mir sehr gefallen würde.
Zu vielen Anlässen gibt es Ehrenbögen, meist aus Tannengrün mit Papierblumen. Zum Einzug, zur grünen, hölzernen, silbernen, goldenen Hochzeit, zu Jubiläen, runden Geburtstagen – und mich würde es wundern, wenn sie nicht noch sehr viel mehr Anlässe finden würden. Es werden gemeinsam Tannenzweige klein geschnitten und dann mit Draht um ein Holzgerüst gewickelt, oft dann noch ein Schild mit Anlass beziehungsweise Zahl der überstandenen und zu feiernden Jahre der Ehe, Arbeit oder des Lebens. Die Aufgaben sind recht klar auf zwei Geschlechter verteilt: Männer hämmern und wickeln Tannengrün, Frauen basteln Blumen. Begleitet von selbstgedichteten und lustigen Liedern wird der Ehrenbogen dann überreicht.
Meine Großeltern bekamen zur goldenen Hochzeit einen Sonnenblumentürbogen von der Familie und ein goldenes Kronen- und Papierblumenfeuerwerk mit mehreren die Auffahrt überspannenden Bögen, unter denen unsere riesige Patchworkfamilie für ein Foto zusammenkam.
Am liebsten habe ich aber das sogenannte Stück im Rasen. Wo ich jetzt in Berlin die Saat ausstreue, damit es pünktlich zu meinem 40. auch einen Rasen gibt: Das muss ich jetzt noch sehr genau überlegen.
Kontakt: kolumne@zgo.de
Hallo Du!
Proost Neeijahr!
Beim Schöfeln haben sich Theo und Gertrud verguckt
Wie trägt man das Vaterland korrekt?