Stockholm

Ausgetrockneter Impfstoff: Revolution im globalen Pandemiekampf?

André Anwar
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Von André Anwar
| 06.01.2022 20:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Eine Frau aus Mosambik wird gegen Covid-19 geimpft. Ausgetrocknete Impfstoffe könnten die Pandemiebekämpfung in Entwicklungsländern revolutionieren. Foto: imago images/Le Pictorium
Eine Frau aus Mosambik wird gegen Covid-19 geimpft. Ausgetrocknete Impfstoffe könnten die Pandemiebekämpfung in Entwicklungsländern revolutionieren. Foto: imago images/Le Pictorium
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Knapp die Hälfte der Weltbevölkerung hat bis heute keine einzige Corona-Impfdosis erhalten, häufig wegen Logistikproblemen. Eine schwedische Firma macht flüssige Impfstoffe nun zu einem transportfähigen Pulver.

Transportrobuste Impfstoffe sind wichtiger, als man in der westlichen Welt annehmen könnte. Denn gern wird vergessen: Knapp die Hälfte der Weltbevölkerung, laut Schätzungen der Universität Harvard 47,7 Prozent, hat bisher keine einzige Impfdosis gegen Covid-19 erhalten und leidet unter schlecht funktionierenden Gesundheitssystemen.

Nach Ansicht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist niemand wirklich sicher, solange nicht Jeder auf der Welt gegen das Virus geimpft ist. Mit der Verbreitung ansteckenderer und tödlicherer Mutationen wie Omikron oder Delta könnte sich für Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern eine gigantische Katastrophe am Horizont zusammenbrauen. Sollten sich solche Varianten dort im großem Stil ausbreiten, droht ein Massensterben, wie einst bei Hungersnöten.

„Wir versagen bei der Impfgerechtigkeit“

Harvard Epidemiologe William Hanage hat versucht, die Auswirkungen neuer ansteckenderer oder gefährlicherer Mutationen auf nicht geimpfte Personen zu quantifizieren. Dabei ergab sich ein erschreckendes statistisches Szenario. Er stellte fest, dass die gefährliche Deltavariante in Florida, wo es viele ältere nicht geimpfte Personen gab, verheerende Auswirkungen auf die Todesrate hatte. Und das in einem Land wie den USA, mit einem modernen Krankenwesen.

Was aber, wenn ansteckendere oder gefährlichere Mutationen die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung erreichen? Vor diesem Szenario warnt der Forscher im britischen Sender BBC mit Blick auf die ärmeren Teile der Welt, ohne ein belastbares Gesundheitswesen. WHO-Chef Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus sagte im April: „Impfgerechtigkeit ist die Herausforderung unserer Zeit...und wir versagen“.

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Pulverförmige Impfstoffe: Hoffnung für Entwicklungsländer?

Doch nun kommt eine Lösung aus Schweden: Das Biotechunternehmen „Ziccum“ kann Impfstoffe durch ein Austrocknungsverfahren transport- und lange lagerfähig machen, damit sie auch in ärmere Länder gelangen können. Selbst wenn dort die Verteilung lange dauert, bleibt der Impfstoff einsetzbar. Die kleine schwedische Firma kooperiert bereits mit dem riesigen US-Pharmakonzern Johnson & Johnson.

Das Trockenverfahren selbst ist komplex, aber preiswert. Es trocknet flüssige Covid-Impfstoffe und andere Vakzine, ohne deren Wirksamkeit zu beeinträchtigen. So halten sie lange Lagerzeiten und Temperaturen bis zu 40 Grad aus, sagt das Unternehmen. Direkt am Impfungsort angelangt, etwa in der brennend heißen Westsahara, wird das Pulver mit destilliertem Wasser verdünnt und funktioniert genauso gut wie das penibel umsorgte, gekühlt transportiert und gelagerte Vakzin beim Hausarzt in Deutschland.

„Das Wasser in Impfstoffen macht sie empfindlich und unbrauchbar bei falschen Temperaturen oder zu langer Lagerung. Deshalb entfernen wir es“, sagt Firmenchef Göran Conradson dieser Zeitung. Nicht nur im Kampf gegen Corona. Auch gegen viele andere Krankheiten könnte die Impfstoffverbreitung auf diese Weise revolutioniert werden. Das hofft auch die schwedische Eliteuniversität Karolinska Institut (KI), die den Medizin-Nobelpreis vergibt. „Das eröffnet völlig neue Möglichkeiten für abgelegene Regionen und erspart den Menschen vielleicht endlich das Schleppen von Minikühlschränken auf Fahrrädern und Kamelen“, kommentierte KI-Professor Stefan Petersen, Ex-Leiter medizinischer Programme beim UN-Kinderhilfswerks.

Verfahren auch für Industrieländer relevant

Gerade bei der Entwicklung neuer Impfstoffe, die auch gegen Mutationen helfen sollen, könnte das Verfahren auch für westliche Länder relevant werden. Denn auch bei der ersten Impfstoff-Generation gab und gibt es selbst in Industrieländern tödliche Logistikprobleme. Sowohl in Industrie- wie auch Entwicklungsländern mussten die bislang sehr empfindlichen Impfstoffe massenweise vernichtet werden, weil sie zu lange unter falschen Bedingungen lagerten und unbrauchbar wurden.

Pulverisierte Impfstoffe, gemäß dem schwedischen Verfahren, könnten das ändern. Die Impfstoffe können mit dieser Technologie überall auf der Welt preiswert pulverisiert werden, so die Firma. Beispielsweise an Häfen, Flugplätzen oder anderen Verkehrsknotenpunkten in Entwicklungsländern. Also dort, wo sie heute oft ankommen, dann aber nicht in die entfernten ländlichen Gebiete gelangen. Selbst in besonders hilfsbedürftigen Ländern mussten gespendete Covid-Impfstoffe weggeworfen werden, weil sie falsch oder zu lange gelagert wurden.

Erfindung könnte Gesundheitssysteme weltweit revolutionieren

Laut der WHO hat in Ländern mit niedrigerem Einkommen bisher nur einer von 21 Menschen (rund fünf Prozent der Bevölkerung) eine Dosis erhalten. Die Lufttrocknungstechnologie könnte jedoch nicht nur bei COVID-19-Impfstoffen, sondern auch bei anderen Impfstoffen hilfreich sein.

Nach Angaben der WHO erhält eines von fünf Kindern weltweit noch immer nicht die notwendigen Grundimpfungen. So sterben jedes Jahr rund 1,5 Millionen Kinder an durch Grundimpfungen vermeidbaren Krankheiten. Die Gesundheitsorganisation schätzt außerdem, dass jedes Jahr weltweit mehr als 50 Prozent der Impfstoffe aufgrund von Problemen bei der Temperaturkontrolle, der Logistik und dem Versand verschwendet werden.

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