Kolumne: Artikel 1, GG
Was derzeit passiert, ängstigt mich
Auf unserer Internetseite veröffentlichen wir sechs Mal pro Woche eine Kolumne. Mittwochs geht es um die Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft.
Es geht mir nicht gut. Und das liegt nicht daran, dass der Himmel über Hanau grau ist. Mich bekümmern die jüngsten Ereignisse hierzulande; Schändung von muslimischen Gräbern auf einem Friedhof in Iserlohn wie auch das Video von einer Protestaktion vor dem ZDF-Studio in Berlin, bei der Menschen „Lügenpresse“ skandieren. Wer wie ich die Entwicklungen in der Türkei beobachtet, weiß um Medien, die von der Regierung vereinnahmt werden. Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen kommentiere ich daher mit Kopfschütteln. Ich denke: Die Demonstranten haben keine Ahnung, wie es ist, wenn Medien staatlich gelenkt werden und die Freiheit, die Meinung zu äußern, eingeschränkt wird.
Zur Person
Canan Topçu (56) ist als Tochter türkischer Arbeitsmigranten in Hannover aufgewachsen. Nach der Ausbildung bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wechselte die Journalistin zur Frankfurter Rundschau. Seit 2012 ist die Hanauerin freiberuflich als Autorin sowie als Referentin und Dozentin tätig.
Was Einschränkung von Freiheiten wirklich bedeutet, wissen auch die nicht, die neuerdings montags auf die Straße gehen. Konflikt- und Demokratieforscher weisen darauf hin, dass hinter diesen als „Spaziergänge“ getarnten und bundesweit stattfindenden Protesten rechte Akteure stecken und diese aus einem antidemokratischen Motiv heraus organisiert werden. Wer also an den Demos teilnimmt, sollte sich bewusst machen, welche Geister er unterstützt. Es sind eben nicht harmlose Aktionen und harmlose Proteste gegen die Pandemie-Politik der Regierung.
Berichten – oder nicht berichten?
Sollten Medien über diese Proteste noch berichten? Wird dadurch nicht Menschen, die nur einen gemeinsamen Nenner haben, nämlich der Unmut über die Corona-Maßnahmen, mehr Bedeutung beigemessen, als sie haben und haben sollten? Berichten oder nicht berichten? Wenn ja, wie berichten? Ein Dilemma, den der seriöse Journalismus kaum lösen kann. Wenn nicht berichtet wird, folgt darauf wieder der Generalangriff „Lügenpresse“.
Ich neige nicht dazu, historische Vergleiche zu ziehen. Und trotzdem werde ich ihn nicht los, den Gedanken an Zeiten, die ich glücklicherweise nicht erleben musste. Was derzeit in deutschen Städten und auf Friedhöfen passiert, beängstigt mich.
Kontakt: kolumne@zgo.de