Münster

Henri Matisse und seine Künstlerfreunde in Münsters Picasso-Museum

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 04.01.2022 12:59 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Mit den Farben des Südens: Besucher vor dem Gemälde „Jeanne auf dem Balkon“ von 1905 von Henri Manguin. Foto: Hanna Neander/Picasso-Museum Foto: Hanna Neander/Picasso-Museum
Mit den Farben des Südens: Besucher vor dem Gemälde „Jeanne auf dem Balkon“ von 1905 von Henri Manguin. Foto: Hanna Neander/Picasso-Museum Foto: Hanna Neander/Picasso-Museum
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Vier brechen auf, nur einer schafft den Weg zum Ruhm: Das Picasso-Museum Münster präsentiert Henri Matisse und seine Malerfreunde – als Lehrstück über Erfolg und Prominenz.

Sie sind zu viert an der Pariser Kunstakademie, die jungen Talente Henri Matisse, Charles Camoin, Henri Manguin und Albert Marquet. Ihr Lehrer ist Gustave Moreau, ein Maler, der mit Gemälden der männermordenden Salome um 1900 dem Mythos der Femme Fatale ein künstlerisches Gesicht gibt. Seine Studenten haben auch etwas vor. Was genau, das zeigt sich gleich zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als sie mit schreiend bunten Bildern das Publikum schockieren. Als die Fauves, die Wilden, gehen sie in die Kunstgeschichte ein. Einst ein Schrecken, heute eine Freude: Die Gemälde vom Mittelmeer in glühend starken Farben gelten heute als populäre Visionen des Lebensglücks. Welch ein Wandel. Hier weiterlesen: „Picasso ist immer noch ein Triple-A-Künstler“: Markus Müller im Interview.

Mit dem Hauch der Revoluzzer

Markus Müller inszeniert die Revoluzzer von einst in seinem Münsteraner Picasso-Museum als vier Freunde, die zu Beginn ihrer Karriere ein Hauch von verwegenem Kampfbund umweht. Sie werfen sich nicht nur auf neue Motive, sie schwärmen vor allem aus in die Landschaften und an die Küsten des Mittelmeers, entdecken die explosive Kraft reiner Farben. In Münster leuchten ihre Bilder nun regelrecht um die Wette - als Fanale einer Lebensfreude, die die Kunst der Moderne als großes Projekt der Befreiung ausweist. Auf diesen Bildern ist der Himmel so weit, das Meer so blau wie sie es nur in der Kunst dieser Maler sein können. Hier weiterlesen: Kunst mitten in der City - das Picasso-Museum in Münster.

Die Entdeckung lohnt

Die Münsteraner Präsentation bereitet nicht nur das Vergnügen der starken Farbe mitten in trister Jahreszeit, sie weitet vor allem den Blick für Künstler, die hierzulande weniger bekannt sind - mit der Ausnahme des Superstars Henri Matisse. Charles Camoin, Henri Manguin und Albert Marquet hingegen haben eher in Frankreich selbst ihr Publikum. Dabei lohnen ihre Werke die Entdeckung, weil sie höchste Malkultur zeigen und mit Motiven aufwarten, die plausibel machen, wie Frankreichs Süden im 20. Jahrhundert zum Sehnsuchtsziel unzähliger Sonnensucher werden konnte - nämlich mit seiner Stilisierung in der Kunst. Vor allem die sensiblen Porträts und Landschaften von Henri Manguin zeigen Frankreichs von ihrer besten, weil unüberbietbar sensiblen Seite.

Lehrstück über den Ruhm

Auch wenn diese Schau ein Fenster zu einer Kunst öffnet, die in Deutschland eher wenig gezeigt worden ist, so ist sie in anderer Hinsicht noch instruktiver - als Lehrstück über Ruhm und Prominenz in der Kunst. Diese vier Maler unternehmen die gleichen Reise, malen an den gleichen Küsten, verwenden alle starke und intensive Farben. Könner sind sie allesamt. Aber nur einer schafft den Weg ganz bis an die Spitze: Henri Matisse, dessen Name zur Skyline der Kunst der Moderne gehört. Alles nur Zufall? Nein und die Münsteraner Ausstellung zeigt auch warum. Henri Matisse mag der geschicktere Selbstvermarkter gewesen sein und die besseren Kontakte zu Galeristen gehabt haben. Ein anderer Grund für seine Ausnahmestellung ist aber wichtiger.

Frei schwebende Artisten

„Im Grunde gibt es nur einen: Matisse“. Das sagte ausgerechnet Pablo Picasso, der vielleicht größte Egomane unter den Künstlern der Moderne. Aber sein Kompliment gilt einem Künstler, der sich nicht damit begnügte, ein Fauve, ein Wilder zu sein. Er führte die Gruppe an, ließ sie dann aber auch zurück und machte, was wirklich große Künstler auszeichnet - er ging seinen Weg weiter, durch mehrere Stufen der Erneuerung. Matisse stilisiert und abstrahiert seine Motive zu eleganten Linien und vielfach gebrochenen Räumen. Er denkt das Medium des Bildes weiter als seine Künstlerkameraden, die ihren Anfängen treu bleiben. Matisse hingegen geht in eine neue Dimension mit den Scherenschnitten der letzten Jahre. Münster zeigt Henri Matisse´ Künstlerbuch „Jazz“ mit seinen wie frei schwebenden Artisten und Zirkusszenen. Eine Kunst als Gleichnis für das Geheimnis des wirklich freien Lebens. Sie erklärt, warum nur einer der vier französischen Künstler den Weg zum Ruhm wirklich geschafft hat.

Münster, Kunstmuseum Pablo Picasso: Rendezvous der Freunde. Charles Camoin, Henri Manguin, Albert Marquet, Henri Matisse. Bis 16. Januar 2022. Di.-So., 10-18 Uhr. Zur Information geht es hier. 

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