Literatur
Faszination Krimis: Schöne Landschaften und brutale Verbrechen
Sie bringen die dunkle Seite der Menschheit zu uns und füllen Bücherregale – Krimis. Doch was fesselt Leser an blutigen Geschichten und warum ist Ostfriesland der perfekte Ort für einen fiktiven Mord?
Aurich - Jemand schreit. Im Sand sind Fußspuren zu sehen. Ein lebloser Körper liegt am Strand einer ostfriesischen Insel. Ein Mord. Das zentrale Motiv des Krimis ist der gewaltsame Tod, der viele Leser fesselt. Vor allem das ländliche Idyll Ostfriesland wird oft Schauplatz grausamer, fiktiver Verbrechen. Krimibuchautor Klaus-Peter Wolf erklärt, was den besonderen Reiz dieses Unterhaltungsgenres ausmacht und wie uns fiktive Geschichten einiges beibringen können.
„In einem Krimi will ich die Abgründe der menschlichen Seele und der Gesellschaft erzählen. Ihre Lügen, Sorgen und Ängste. Die fiktiven Verbrechen könnten nämlich auch im echten Leben passieren. Und das ist der Knackpunkt“, sagt Wolf. Er erforsche für seine Bücher, wie und warum Menschen moralische Grenzen überschreiten und zum Mörder werden können. „Jeder kann ein Mörder werden. Ein Beispiel: Der Vorzeige-Familienvater – er raucht und trinkt nicht, ist seiner Frau treu, lieb zu den Kindern, einfach ein guter Mensch. Doch er würde jemanden umbringen, wenn er sich an seinen Kindern vergreift. Und das ist nachvollziehbar und real“, beschreibt Wolf, der Autor der Ostfriesenkrimi-Reihe.
Ängste durch Krimis verarbeiten
Die fiktiven Geschichten spiegeln oft die realen Ängste der Menschen wider. Manche lebten durch das Lesen von Krimis ihre Ängste aus, sagt Wolf. So würden sie das Verbrechen verstehen können und lernen, wie man sich verhält, wenn es ihnen im echten Leben passiert. „Wenn in einem Roman ein Einbruch geschildert wird und das Opfer sich nicht bewaffnet und schreit, sondern still das Haus verlässt und dann mit dem Leben davonkommt, werden sich viele Leser bei einem realen Einbruch dazu entscheiden, dasselbe zu machen“, vermutet Wolf.
Doch nicht nur die Auseinandersetzung mit den eigenen Ängsten spiele bei der Faszination für Verbrechen eine Rolle – auch die Identifikationsmöglichkeit mit den Figuren eines Romans, egal ob Opfer, Kommissar oder Täter, müsse der Autor in seinen Büchern einbauen. Bei Lesern wecke es schnell das Interesse, wenn die Figur dieselben Erfahrungen wie zum Beispiel eine Scheidung oder unglückliche Liebe durchgemacht habe.
Kontrast zwischen friedlich und brutal
Laut Wolf scheint es zwei zentrale Schauplätze für Krimis zu geben: Island und Ostfriesland. Das liege an der „Kunst des Kontrasts“. „Eine Leiche oder ein Verbrechen kann man als Autor nicht in eine ‚schlechte Landschaft‘ legen. Sie müssen an den schönsten Orten der Welt passieren oder in bekannten Urlaubsorten“, sagt Wolf. Das liege daran, dass bei den Lesern dann ein „Aha-Moment“ einsetzt, wenn die Leiche beispielsweise am Strand von Borkum auftaucht. „Man kennt diesen Ort und hat eine gewisse Vorstellung davon im Kopf, wie idyllisch die Landschaft und wie freundlich die Menschen sind. Das ist wichtig. Dadurch können Leser die Geschichte nicht so einfach von sich weghalten“, so Wolf.
Er wendet aber noch einen weiteren Trick bei der Wahl seiner Kulisse an. „Meine Literatur ist überprüfbar. Einen Standort oder ein Gebäude beschreibe ich genau so, wie es auch in der Realität ist. Damit ziehe ich die Geschichte ins Reale und die Leser können sich selbst ein Bild davon machen an welchen realen Orten die fiktiven Verbrechen stattgefunden haben.“
Doch ganz so friedlich wie Ostfriesland scheint, ist es dann doch nicht: Laut dem Landeskriminalamt gab es 2020 im Bereich der Polizeidirektion Osnabrück insgesamt 62 Straftaten gegen das Leben, neun mehr als im Jahr zuvor. Dazu zählen Mord, Totschlag, Tötung auf Verlangen und die fahrlässige Tötung. In der Stadt Emden waren es sechs Taten, im Landkreis Wittmund zwei, im Landkreis Leer vier und im Auricher Landkreis insgesamt acht. Die Aufklärungsquote dieser Verbrechen lag bei 64,28 Prozent. „Im Landkreis Aurich konnten in den letzten zehn Jahren alle Straftaten gegen das Leben aufgeklärt werden“, sagt Wiebke Baden von der Auricher Polizei. Die letzte Mordkommission wurde 2018 im Landkreis durch den Dwarsglupe-Mord tätig.