Kunst
Bei Brandts liebt nur einer Hausmusik: der Vater
Der Schriftsteller Jan Brandt, der aus Ihrhove stammt, hat für das Rock-Magazin Rolling Stone über Hausmusik geschrieben. Er erinnert sich daran, wer in seiner Familie daran scheiterte und wer nicht.
Ihrhove/Berlin/Gozo - „So“, sagt mein Vater, „ich glaube, jetzt ist Zeit für ein Lied“: Mit diesen Worten beginnt eine Geschichte über „Hausmusik und Lieder fürs Leben“, die Schriftsteller Jan Brandt aus Ihrhove für das Musikmagazin Rolling Stone geschrieben hat. Der Text steht im Internet unter link.zgo.de/pdwBAM.
Denn das Rock-Magazin hatte bei dem 47-Jährigen angefragt, ob er zu Weihnachten nicht etwas über Hausmusik schreiben wolle. Die Redaktion hatte nämlich die musikalischen Auftritte von Brandt Senior bei den Lesungen von Brandt Junior in den sozialen Medien verfolgt. Aber in seinem Elternhaus hätte nur einer leidenschaftlich und gekonnt Hausmusik gemacht, schreibt Jan Brandt: sein Vater Erich-Anton, heute 94 Jahre alt. Die Kinder hätten eher mitgebrummt.
Rock war die Musik der Stunde
In dem humorvollen Text, der sich, wie man gern sagt, so runterliest, macht der Wahl-Berliner deutlich, dass er und seine Geschwister Heiko und Silke das Liedgut ihres Vaters schon als Kinder und Jugendliche nicht mehr zeitgemäß fanden: Rock, Rock ’n’ Roll und Blues war damals die Musik der Stunde. Und auch ihre Bemühungen, selbst ein Instrument zu lernen, blieb bei den Söhnen in den Anfängen stecken.
Allerdings stellte der Jüngste, Jan, auch fest, dass sein Vater mit seiner Musik und seinen deutschen Volksliedern fast jede Feier in einen Raum mit schunkelnden, fröhlichen, glücklichen Menschen verwandeln konnte. Ihm, merkte der Schriftsteller trocken an, sei das nie passiert.
Auftritte aus dem Stehgreif
Aber nicht nur Anton-Erich Brandt hatte ein Talent zum Entertainer, sondern auch sein damaliger Nachbar und bester Freund, Walter Buskohl. Der Viehhändler war der Vater des Gitarristen, Songwriters und Produzenten von internationalem Rang, Carl Carlton alias Karl Walter Buskohl. Mit Walter Buskohl sang Anton-Erich Brandt im Ihrhover Männergesangverein. Das Duo konnte auch aus dem Stehgreif einen komödiantischen Auftritt hinlegen und ein Gesangsfest unterhalten. Dennoch: Immer hätten er und seine Geschwister sich gefragt, „was drüben bei Buskohls abgegangen war, was Walter gemacht hatte, um die Leidenschaft für diese, unsere Musik in seinem Sohn zu wecken“, so Jan Brandt.
„Ich glaube, damit hatte mein Vater nicht viel zu tun“, sagt Carl Carlton, der Jan Brandt gut kennt, auf Anfrage. Der Musiker ist gerade auf dem Weg von Münster zu seinem Hauptwohnsitz auf der Insel Gozo, als man ihn ans Telefon bekommt. Vielleicht habe er aber ein musikalisches Gen mitbekommen, fügt der 66-Jährige hinzu.
Laute Musik, lange Haare
Seine Mutter Hiltrud hatte in den 1960er Jahren nichts dagegen, dass die Beatles und die Rolling Stone laut durchs Haus schallten. Dagegen habe sein Vater die „laute Musik und die langen Haare“ vielleicht nicht gemocht, aber stillschweigend toleriert. Zu Weihnachten habe er sogar erst eine klassische, dann eine Akustikgitarre bekommen, erinnert sich Carlton. „Es gab keinen Konflikt“, sagt der Musiker, der später mit den Songdogs seine eigene Band hatte, aber auch bei Mink DeVille, Robert Palmer, Manfred Mann‘s Earth Band, Udo Lindenberg und vielen anderen spielte.
Der Konflikt sei erst ausgebrochen, als die Musik wichtiger wurde als die Schule. So landete er im Internat auf Langeoog. Die Maßnahme war kontraproduktiv: Dort hätten nämlich die „älteren bösen Jungs die richtige Musik“ eingeschleppt. Seinen Erfolg als Rockmusiker hätten seine Eltern, die in den 1980er Jahren starben, noch mitbekommen, so Carlton. Sein Vater habe seine erste Goldene Schallplatte stolz im Gesangverein herumgezeigt – auch wenn er die teuren Schlitten, mit denen ihn sein Sohn beeindrucken wollte, „augenrollend“ zur Kenntnis nahm. Dagegen wollte seine Oma wissen, ob er noch immer in der „Tingeltangel-Band“ sei, erinnert sich Carlton gut gelaunt.
Anton-Erich und seine Band
Zurück zu Jan Brandt und seinem Vater, den die Musik nach dem Tod seiner Frau Helene vor einem Jahr hilft, die Trauer zu bewältigen. Denn der 94-Jährige tritt noch mit der Band Mare auf. Mit dabei sind auch Reemt Neemann (74 Jahre) aus Ihrhove und Manfred Bohle aus Ihrenerfeld (81). Eigentlich hätte Mare jetzt viele Auftritte in sozialen Einrichtungen gehabt, sagt Anton-Erich Brandt.
„Aber Corona . . .“ 24 Stücke – von „Macht euch bereit“ bis „Frohe Weihnachtszeit“ hatte Neemann zusammengestellt. Er und Brandt senior haben trotzdem eine Methode gefunden, zusammen Mundharmonika zu spielen: übers Telefon.