Georgsmarienhütte/Hagen/Dielingen/Bad Neuenahr-Ahrweiler
Der lange Arm der Flut: Wie die Katastrophe zwei Unternehmen aus der Region betrifft
Die Flutkatastrophe in NRW und Rheinland-Pfalz betrifft auch Unternehmen in der Region. Während die GMH Gruppe die Schmiedag GmbH in Hagen wieder aufgebaut hat, wird ZF das Gebäude in Bad Neuenahr-Ahrweiler perspektivisch aufgeben und sucht nach einem neuen Standort.
Klong, klong, klong - die dumpfen, regelmäßigen Schläge des großen Hammers der Schmiedag GmbH in Hagen hört man schon von der kleinen Stahlbrücke aus, die die Gebäude des Schmiedestandorts rechts und links der Volme miteinander verbindet. Vor fünf Monaten war das anders, da war nicht nur der Hammer der zur GMH Gruppe gehörenden Schmiede plötzlich stumm. In der Fertigungshalle, in der die Öfen und der Hammer der Schmiede stehen, stand bis zu 1,80 Meter hoch das Wasser.
Geschäftsführer Heinz Klenen war zu dem Zeitpunkt im Schwesterwerk des Unternehmens, der Wildauer Schmiede- und Kurbelwellentechnikg GmbH, in Brandenburg.
„Das war schon sehr bedrückend“, erinnert sich Klenen an den 14. Juli, als Tief „Bernd“ heftige Unwetter nach Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz brachte. „Wir wussten ja nicht, wann das Wasser aufhören würde zu steigen. Erst gegen Mitternacht kam die erste Entwarnung“, sagt der Geschäftsführer, der per Handy mit 17 Mitarbeitern Kontakt gehalten hat. Sie hatten es nicht mehr aus der Fertigungshalle herausgeschafft und mussten die Nacht auf dem Dach des Meisterbüros ausharren.
Bislang 30 Millionen Euro Hochwasserschaden
Fünf Monate sind nun seit der verhängnisvollen Nacht vergangen, in der der Schmiedestandort der GMH Gruppe aus Georgsmarienhütte völltig zerstört wurde. Auf rund 30 Millionen Euro schätzt Heinz Klenen den Schaden - bis jetzt. Dabei habe man noch Glück im Unglück gehabt. „Glücklicherweise waren aufgrund von Reparaturmaßnahmen unsere großen Öfen zu dem Zeitpunkt außer Betrieb. Sonst wäre der Schaden noch größer gewesen. Ich weiß nicht, ob man dann noch irgendetwas hätte retten können“, sagt Klenen.
Dass die Schmiedag GmbH mit ihren mehr als 180 Mitarbeitern heute bereits wieder produziert, verdankt sie Klenen zufolge auch ihrer Zugehörigkeit zur GMH Gruppe. „Hier wollten zwar alle wieder aufbauen, als einzelner Mittelständler hätten wir das aber so schnell nicht geschafft“, ist sich der Geschäftsführer sicher. Die Herausforderungen, nach der Flut den Betrieb wieder zum Laufen zu bekommen, sieht man an anderen Stellen in Hagen. „Es ist noch viel zu tun“, sagt Ralf Geruschkat, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer vor Ort, und verweist unter anderem auf die beiden großen Einkaufszentren der Stadt, die bis heute geschlossen sind.
Wichtiger Aufbau: Bei 50 Prozent der Produkte Alleinlieferant
Bei der Schmiedag in Hagen wurden bereits fünf Wochen nach der Flut wieder die ersten Teile geschmiedet. Wie wichtig der schnelle Wiederaufbau war, macht Heinz Klenen an einer Zahl deutlich: „Bei 50 Prozent der Produkte, die wir produzieren, sind wir der alleinige Lieferant. Es gab also keine Alternative zu uns.“ Und obwohl das gesamte Werk unter Wasser stand und von Holz, Matratzen, Schlamm und Ähnlichem geräumt werden musste, habe bei keinem Kunden die Produktion stillgestanden.
Auch weil das Schwesterwerk in Brandenburg bis heute mit einspringt und Produkte, die sonst aus Hagen kommen, auf ihren Anlagen mitproduziert. „Schon zwei Wochen nach der Flut wurden die ersten Produkte in Wildau gefertigt. Heute arbeiten wir parallel. Unser Werk in Hagen liegt etwa bei 75 Prozent der normalen Leistung“, sagt Klenen.
Ähnlich ist die Situation am ZF-Standort in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Auch dort läuft die Produktion - wenn auch eingeschränkt - wieder. Mit seinen 280 Mitarbeitern ist der Standort, der zur Division Pkw-Fahrwerktechnik gehört und vom Dümmer aus gesteuert wird, der mit Abstand größte industrielle Arbeitgeber am Ort, sagt Arne Rössel, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Koblenz. Zurzeit hat der Standort sogar einen erhöhten Personalbedarf, ergänzt Ralf Hunke, seit sieben Jahren Leiter des Werkes.
Bei ZF sind viele Prozesse derzeit Handarbeit
Der Grund: Die Maschinen laufen noch nicht wieder, vieles ist Handarbeit, berichtet Hunke. Und nicht alle Arbeitsschritte zur Produktion der Ventile für verstellbare Dämpfer, auf die sich der Standort spezialisiert hat, werden im Werk ausgeführt. Ein Teil der Vormontage findet weiterhin in der Türkei statt, ein anderer in der Slowakei. Die Endmontage passiere mittlerweile wieder in Bad Neuenahr-Ahrweiler, ergänzt Divisionschef Peter Holdmann.
Zwischenzeitlich hatte diese der Standort Schweinfurt übernommen. „Die Mitarbeiter in Ahrweiler haben herausragendes Engagement bewiesen und trotz der schwierigen Situation, in der viele von ihnen persönlich waren, die Räum- und Aufbauarbeiten im Werk vorangetrieben“, so Holdmann. Auch die Werksfeuerwehren aus Passau, Schweinfurt und Saarbrücken haben unterstützt. Deshalb hat es gerade einmal drei Wochen gedauert, bis im Ahrtal wieder produziert werden konnte. „Die größte Herausforderung war es, die Strom- und Gasversorgung wiederherzustellen. Die Produktion läuft bis heute mit Notstromaggregaten“, so Holdmann.
Obwohl sowohl die Fertigung bei der Schmiedag GmbH als auch bei ZF nach der Flut wieder angelaufen ist, unterscheiden sich beide Unternehmen in einem Punkt deutlich: Anders als in Hagen ist das Ende der Produktion in Bad Neuenahr-Ahrweiler, einige Hundert Meter vom Ufer der Ahr entfernt, abzusehen. Zum 1. Januar 2024 will ZF einen neuen Standort beziehen. „Wir geben zwar das Gebäude auf, schließen aber nicht das Werk“, betont Divisionschef Holdmann. Denn dort, wo sich derzeit die Hallen von ZF befinden, eingezäunt von einem Bauzaun, kann die Produktion nicht bleiben. Die Grenze des vom Land Rheinland-Pfalz definierten Überschwemmungsgebiets verläuft direkt durchs Werksgelände.
Wo soll der neue ZF-Standort hin?
Dass ZF seinen Standort in dem Gebiet, das am schlimmsten von der Flut getroffen wurde, verlassen will, wird vor Ort emotional diskutiert - auch deshalb, weil der Automobilzulieferer auf dem Gelände seines Werkes in Koblenz Flächen hätte, um die Produktion dorthin zu verlagern. Doch Betriebsratsvorsitzender Rainer Stenz betont: „Wir sind seit ’63 hier, hier wollen wir bleiben.“ Zumal ZF zu den größten Gewerbesteuerzahlern im Ort gehört, der noch immer von der Flut gezeichnet ist.
Für Divisionschef Holdmann führt an einer Verlegung des Werkes jedoch kein Weg vorbei. „Unsere Mitarbeiter, unsere Kunden und auch wir als Unternehmen brauchen Sicherheit, dass die Produktion nicht wieder überschwemmt wird“, sagt er.
Trotz der Entfernung vom Ufer stand Mitte Juli noch im ersten Stock wadenhoch das Wasser, die Maschinen im Erdgeschoss hätten nur noch verschrottet werden können. Die Linie, die das Hochwasser an den weißen Wänden der Kantine hinterlassen hat, ist noch deutlich zu sehen. Die Ahr hingegen sieht man aus dem Fabrikfenster nicht mehr - noch nicht einmal aus dem zweiten Stock, wo sieben Mitarbeiter in der Nacht zum 15. Juli ausharren mussten, bis sie gerettet werden konnten. Wohnhäuser versperren die Sicht.
Jobgarantie für die Mitarbeiter im Ahrtal
Dass - anders als es Betriebsvereinbarungen zurzeit zum Beispiel für die Dümmer-Werke des Automobilzulieferers vorsehen - alle Arbeitsplätze erhalten bleiben sollten, habe man von Anfang an betont, so Holdmann. „Es ist für uns selbstverständlich, dass wir die Produktion nicht beispielsweise nach Osteuropa verlagern. Wir haben schon wenige Tage nach der Flut eine Jobgarantie für alle Mitarbeiter ausgesprochen.“ Man fühle sich ihnen verpflichtet, brauche sie und ihre Kompetenz. „Daran ändert die Tatsache, dass wir den Standort innerhalb der Region verlegen müssen, nichts.“ Das sei lediglich ein Gebäude.
Nur wo dieses künftig stehen soll, bleibt offen. Bis Mitte Juni kommenden Jahres sollen mögliche Alternativen geprüft werden. Auch in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Parallel laufen die Planungen, wie ein solcher Standort baulich aussehen könnte. Für IHK-Hauptgeschäftsführer Arne Rössel wird die Standortverlegung des Industriebetriebs ein Lackmustest für die Politik. „Hier können die Behörden mal zeigen, was sie draufhaben, und mit gesundem Menschenverstand versuchen der Stadt zu helfen, einen alternativen Standort für ZF zu finden“, so Rössel.
Denn: Was sonst zwei Jahre dauere, müsse nun innerhalb von einem Dreivierteljahr erledigt werden: Ein neues Gewerbegebiet muss ausgewiesen und erschlossen werden. Das gehe nur, wenn Bund, Land und Kommune an einem Strang zögen.
Möglichkeiten in Bad Neuenahr-Ahrweiler begrenzt
Die Möglichkeiten, in der Stadt etwas Neues auf die Beine zu stellen, seien begrenzt, das machte Bürgermeister Guido Orthen jüngst nach einer Betriebsversammlung deutlich. „Wir haben alles, nur keinen Platz. Aber wir haben großes Interesse daran, jeden Arbeitsplatz und jedes Unternehmen in der Stadt zu halten“, so Orthen, dem zufolge 80 Prozent der Firmen vor Ort von der Flut betroffen sind. Das Land Rheinland-Pfalz hat eine Mittlerfunktion bei der Standortsuche zugesagt, so Alexander Schweitzer, Staatsminister im Ministerium für Arbeit, Soziales, Transformation und Digitalisierung des Landes Rheinland-Pfalz. Es sei der Landesregierung viel daran gelegen, dass der ZF-Standort im Ahrtal erhalten bleibe.
Bis Entscheidungen zur Zukunft getroffen werden, geht die Produktion in Bad Neuenahr-Ahrweiler weiter. Schließlich brauchen die weltweiten Kunden des Automobilzulieferers auch weiterhin die Ventile für die Fahrzeugdämpfung. Wobei auch nach der Flut bei keinem Kunden die Bänder hätten stillstehen müssen, betont Holdmann. Noch vor Weihnachten soll die erste vollautomatische Produktionsmaschine wieder im Werk stehen. Die letzte Anlage soll bis Ende 2022 aufgebaut sein.
Zwei Jahre später ist der Standort dann Geschichte. Man habe sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, betont Holdmann. „Hier spielen auch Faktoren eine Rolle, auf die wir keinen Einfluss haben. Beispielsweise führt der aktuelle Standort zu massiv verschlechterten Versicherungskonditionen für ganz ZF. Und unsere Kunden erwarten von uns zurecht, dass ein solcher Ausfall nicht noch einmal passiert. Darum müssen wir dringend die Produktion absichern.“
Schmiedag-Standort wird immer in der Gefahrenzone liegen
Auch in Hagen hat die GMH Gruppe die Entscheidung zum Weiterbetrieb nicht leichtfertig getroffen. Zumal das Werk immer in einer Gefahrenzone liegen wird - auch wenn der dienstälteste Mitarbeiter, der seit 47 Jahren im Betrieb ist, noch nie ein solches Hochwasser erlebt hat. Man habe ganz nüchtern die wirtschaftlichen Vor- und Nachteile des Standorts rechts und links der Volme abgewogen, sagt Schmiedag-Geschäftsführer Heinz Klenen. „Am Ende des Tages ist die Entscheidung schnell für den Standort Hagen gefallen.“ Klenen sagt aber auch: „Wenn wir die Gruppe nicht im Rücken gehabt hätten, ich weiß nicht, ob wir den Betrieb überhaupt hätten aufbauen können.“
Wobei IHK-Hauptgeschäftsführer Ralf Geruschkat auch zu bedenken gibt: Ausweichflächen für Industriebetriebe, die in Hagen historisch vor allem um den Flusslauf herum gewachsen seien, gebe es nicht. Und: „Die Betriebe sind so groß, dass eine Verlegung nicht so einfach funktioniert“, so Geruschkat. Zumal einige Betriebe ihren Eigenstrom teils mit Wasserkraft produzieren würden.
Etwas Positives gewinnt Klenen der Flut trotz allem ab: Sie habe sowohl die Unternehmensgruppe als auch das Industrienetz in Hagen näher zusammengeschweißt. Denn dass die Schmiedag ihre Kunden in Industrie und Infrastruktur so kurz nach der Katastrophe schon wieder so beliefern kann, hat sie auch Wettbewerbern zu verdanken. Zum Beispiel hätten Mitarbeiter der Schmiedag mit eigenen Werkzeugen auf den Maschinen eines kleinen, mittelständischen Betriebes in der Nähe arbeiten dürfen.
Finanzielle Hilfen sind ein einkalkuliert
„Das ist keine Selbstverständlichkeit“, betont Klenen, der mit der Schmiedag 2024 das 200-jährige Bestehen des Betriebes feiern will. Erst Mitte kommenden Jahres rechnet der Geschäftsführer damit, im eigenen Werk wieder volle Leistung liefern zu können. Der große Hammer, den man schon außerhalb der Fertigungshallen hört, ist seit Ende Oktober wieder in Betrieb.
Finanzielle Hilfen der Politik hat die Schmiedag bislang nicht erhalten. Insgesamt zählt die IHK Hagen erst eine zweistellige Zahl an Hilfsanträgen, sagt Hauptgeschäftsführer Geruschkat. „Viele haben zurzeit einfach noch andere Sorgen. Zumal Anträge noch lange möglich sind.“ Bei der Schmiedag rechnet man aber fest mit den Geldern. „Für die Investitionen in den Wiederaufbau sind sie fest eingeplant“, betont Klenen. Ein Teil der Versicherungssumme ist allerdings schon ausbezahlt worden.
Und sie wird gleich wieder investiert, unter anderem in den Hochwasserschutz. Mit einer gut siebenstelligen Summe rechnet Heinz Klenen allein dafür. Räume, in denen Schaltanlagen stehen, werden nun beim Wiederaufbau wasserdicht abgedichtet. Und Schaltanlagen für Maschinen werden auf Bühnen in 2,5 Meter Höhe wieder aufgebaut.
Auch bei ZF hat das Hochwasser - abgesehen von der Standortverlagerung - Konsequenzen. „Wir werden diversifizieren“, sagt Peter Holdmann mit Blick auf die Ventilproduktion. In Mexiko wird die Division einen weiteren Produktionsstandort aufbauen. Auf die Volumen des Werkes im Ahrtal wird das keinen Einfluss haben, betont der Divisionschef. „Die Nachfrage steigt.“