Friedensarbeit

Kriegsgräberpflege ist Arbeit für den Frieden

Christine Schneider-Berents
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Von Christine Schneider-Berents
| 26.12.2021 10:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Folkert Laupichler interessiert sich sehr für Geschichte. Foto: Schneider-Berents
Folkert Laupichler interessiert sich sehr für Geschichte. Foto: Schneider-Berents
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Folkert Laupichler engagiert sich für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Dafür wurde der Ostrhauderfehner geehrt. Das freut den 72-Jährigen. Wichtiger ist ihm jedoch etwas ganz anderes.

Ostrhauderfehn - Es gibt viele Möglichkeiten, sich für den Frieden einzusetzen: Fremde tolerieren und ihr Anderssein akzeptieren, den Glauben anderer respektieren, dafür Sorge tragen, dass alle Menschen Zugang zu frischem Wasser und genug zu essen haben. Oder man macht es wie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge: Sie kümmern sich um die Friedhöfe im Ausland, auf denen die deutschen Kriegstoten begraben sind. Einer, der sich für den Erhalt dieser besonderen Gedenkstätten einsetzt, ist Folkert Laupichler.

Was und warum

Darum geht es: Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge widmet sich im Auftrag der Bundesregierung darum, dass die Gräber der deutschen Kriegstoten im Ausland erfasst, erhalten und gepflegt werden. Vor allem interessant für: alle Menschen

Deshalb berichten wir: Folkert Laupichler aus Ostrhauderfehn ist Geschäftsführer der Volksbund-Kreisgruppe Leer. Für sein ehrenamtliches Engagement wurde er kürzlich ausgezeichnet.

Die Autorin erreichen Sie unter: schneider-b@zgo.de

Der Ostrhauderfehner ist Geschäftsführer des rund 180 Mitglieder zählenden Volksbund-Kreisverbandes Leer. Zu seinen Aufgaben gehört unter anderem die Organisation von Spendenaktionen anlässlich des Volkstrauertages. Für sein Engagement wurde er kürzlich vom Landkreis Leer und vom Volksbund-Bezirksverband geehrt. Für den 72-Jährigen kam das überraschend. Er habe sich gefreut, doch so hoch wolle er die Auszeichnung mit der Madonna-von-Stalingrad-Medaille nicht hängen. Er sei nur einer von vielen, die sich der Pflege von Kriegsgräbern widmeten. Er sei nur ein kleines Rädchen auf lokaler Ebene in einer großen, weltweit agierenden Organisation, mehr nicht.

Mahnung zum Frieden

Die Silbermünze, die er für seine ehrenamtliche Arbeit erhielt, zeigt eine sitzende Frauengestalt. Unter ihrem Mantel hält sie ein Kind beschützend in ihren Armen. Die Darstellung trägt die Umschrift „1942 Weihnachten im Kessel – Festung Stalingrad – Licht, Leben, Liebe.“ Die Stalingradmadonna geht auf eine Zeichnung zurück, die der deutsche Lazarettarzt Kurt Reuber (1906–1944) zu Weihnachten 1942 in Stalingrad (heute Wolgograd) anfertigte. Zum Gedenken an die Opfer der Schlacht und als Mahnung zum Frieden befindet sich das Original seit 1983 in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin.

Die Vorderseite der Madonna-von-Stalingrad-Medaille zeigt eine Frauengestalt, die ein Kind schützend in ihren Armen hält. Foto: Schneider-Berents
Die Vorderseite der Madonna-von-Stalingrad-Medaille zeigt eine Frauengestalt, die ein Kind schützend in ihren Armen hält. Foto: Schneider-Berents

„Dass wir seit 76 Jahren in Deutschland in Frieden leben, ist für viele Menschen selbstverständlich geworden. Das ist es aber nicht. Und dass Europa eines der größten Friedensbündnisse überhaupt ist, wird nicht genug geschätzt und gewürdigt. Das halte ich für falsch“, sagt Laupichler. Man schaue sich nur einmal in der Welt um, rät er. Weltweit sei 2020 die Zahl der Kriege von 15 auf 21 gestiegen, stelle das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung (HIK) in seinem neuesten Bericht fest.

Menschenwürde wahren

Dabei seien die Folgen der beiden großen Weltkriege noch gar nicht bewältigt. Tausende von Kriegsopfern – Soldaten, Zivilisten, Zwangsarbeiter – hätten kein menschenwürdiges Grab, lägen nach wie vor irgendwo verscharrt. Ihm selbst sei das lange Zeit auch nicht bewusst gewesen, doch die Begegnung mit einem sogenannten Umbetter habe ihn für dieses Thema sensibilisiert.

Auf einer Reise nach Brandenburg Anfang der 1990er Jahre lernte Laupichler Erwin Kowalke kennen. Der stellte sich der Aufgabe, die sterblichen Überreste der während des 2. Weltkrieges bei Seelow gefallenen Soldaten zu erfassen und auf Soldatenfriedhöfe umzubetten. „Wenn man auf das Oderbruch schaut, sieht man auf ein altes Schlachtfeld. Es war gigantisch groß. Dort, wo jetzt Wiesen und Äcker sind, Straßen verlaufen, Häuser stehen, kämpften im April 1945 deutsche und russische Soldaten gegeneinander“, so Laupichler. Viele Gefallene hätten bis heute keine richtige Ruhestätte, lägen immer noch dort, wo man damals ihre Leichen notdürftig begraben habe.

Zwei junge Frauen aus Weißrussland reinigen auf dem Soldatenfriedhof in Wismar (Mecklenburg-Vorpommern) einen Gedenkstein bei einem Arbeitseinsatz des Internationalen Workcamps Versöhnung über den Gräbern - Arbeit für den Frieden" des Landesverbandes des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Foto: Wüstneck/DPA
Zwei junge Frauen aus Weißrussland reinigen auf dem Soldatenfriedhof in Wismar (Mecklenburg-Vorpommern) einen Gedenkstein bei einem Arbeitseinsatz des Internationalen Workcamps Versöhnung über den Gräbern - Arbeit für den Frieden" des Landesverbandes des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Foto: Wüstneck/DPA

Kowalke und anderen sei es zu verdanken, dass die Identität vieler Verstorbener ermittelt wurde. „Immer dann, wenn das geschieht, ist ein Vermisstenfall geklärt. Angehörige haben Gewissheit und einen Ort für ihre Trauer“, erklärt Folkert Laupichler die Bedeutung der Recherche- und Umbettungsarbeit. Darüber hinaus gehe es auch um die Wahrung der Menschenwürde. Jeder habe das Recht auf eine würdige Bestattung, sagt der Volksbund-Vertreter. In diesem Zusammenhang zitiere er gerne den russischen General Fürst Alexander Suworow (1804-1882). Der habe einmal gesagt: „Ein Krieg ist erst vorbei, wenn der letzte gefallene Soldat menschenwürdig beerdigt ist.“

Für Frieden und Freiheit

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge wurde 1919 angesichts Millionen gefallener Soldaten des Ersten Weltkrieges aus der Gesellschaft heraus gegründet. Die Arbeit des Vereins umfasst die Sorge um die Gräber aller Toten von Krieg und Gewaltherrschaft, Soldaten wie Zivilisten, das öffentliche Erinnern, Gedenken und Mahnen für den Frieden sowie die auf Friedensfähigkeit und Verständigungsbereitschaft zielende Jugend-, Schul- und Bildungsarbeit, heißt es auf der Homepage der humanitären Organisation.

Ab 1946 legte der Volksbund mehr als 400 Kriegsgräberstätten in Deutschland an. 1954 wurde er von der Bundesregierung beauftragt, die deutschen Soldatengräber im Ausland zu suchen, zu sichern und zu pflegen. Heute erfüllt der Volksbund im Rahmen von bilateralen Vereinbarungen seine Aufgabe auch in Europa und Nordafrika. Er betreut 832 Kriegsgräberstätten in 46 Staaten, auf denen etwa 2,8 Millionen Kriegstote bestattet sind.

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