Osnabrück

Darf man „Das Leben des Brian“ noch witzig finden?

Burkhard Ewert
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Von Burkhard Ewert
| 22.12.2021 13:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
1979 wurde der Film-Klassiker „Das Leben des Brian“ von Monty Python gedreht. Foto: imago images/Mary Evans
1979 wurde der Film-Klassiker „Das Leben des Brian“ von Monty Python gedreht. Foto: imago images/Mary Evans
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Am Wochenende habe ich mal wieder „Das Leben des Brian“ gesehen - jenen berühmten Film der Monty-Python-Komiker, in dem sie sich über Jesus Christus lustig machen. Jedenfalls dachte ich, dass sie das getan hätten. Aber diesmal fiel mir auf, dass die Briten in Wahrheit nicht Jesus und die Religion verspotten, sondern jeden, der sich zu ernst nimmt oder unkritisch einem Idol oder einer Lehre folgt.

In Westdeutschland war dieser Film lange Zeit obligatorisches Wissen in Sachen Humor. Ziemlich zu Beginn soll jemand gesteinigt werden, weil er Gott „Jehova“ genannt hat - streng verboten. Unbedacht sagt der Priester selbst „Jehova“, woraufhin die Menge auf ihn die Steine niederprasseln lässt. Unwillkürlich musste ich an die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock denken und wie sie neulich „Neger“ sagte, um vom Gebrauch des Wortes durch jemand anderen zu berichten. Prompt bekam auch sie verbale Steine ab.

In einer anderen Szene diskutieren die Mitglieder der Volksfront von Judäa, ob Männer das Recht haben, Babys zu bekommen. „Jeder Mann hat das Recht, Babys zu gebären“, einigt sich die Gruppe und legt Wert darauf, dass ein Recht unabhängig von der Möglichkeit der Realisierung bestehe; alles andere sei Unterdrückung.

Die Komiker nehmen die Menschen und ihre Schwächen aufs Korn, etwa, wenn vermeintlich friedliebende Frauen als Männer verkleidet heiß auf Steinigungen sind, wenn judäische Revolutionäre doch Otternasen der römischen Imperialisten statt heimische Nüsse naschen, wenn sie sich in sophistischen Schleifen rund um ihre Selbstbezeichnung ergehen, wenn sie Abspaltungen aus dem eigenen Lager noch intensiver bekämpfen als die Besatzer aus Rom, wenn sie im Chor skandieren, dass sie Individuen seien, wenn einer erst bei den Revolutionären und dann unter Brians Jüngern mitmischt, weil es ihm nicht um den Inhalt geht, sondern ums Bestimmen, oder wenn sie Brian zum Messias ausrufen, nur weil ihm im entscheidenden Moment das Ende eines Satzes nicht einfällt und sie das offene Ende für ein Rätsel halten.

Ob religiöse oder sexuelle Orientierung, Körpermerkmale oder Sprachfehler: Hier wird niemand verschont. Zugleich haben die Pythons viele Woke-Anwandlungen der heutigen Zeit wunderbar vorweggenommen und karikieren sie - was mich allerdings zweifeln ließ, wie kompatibel der Film mit dem Humor und Menschenbild der Gegenwart noch ist. Mit einer Bekannten habe ich in diesen Tagen darüber diskutiert. „Brian“ sei Kult, befand sie, und warf mir vor, der Woke-Szene eine Humorlosigkeit zu unterstellen, die der Realität nicht entspreche. Ich hoffe, dass sie recht hat. Aber ich befürchte das Gegenteil, und Python-Legende John Cleese geht es ebenso. Einen Film wie „Brian“ zu drehen sei heute unmöglich, hat er neulich wissen lassen. Niemand würde sich noch trauen, so etwas zu finanzieren. Einen woken Kritiker kanzelte er als „hypersensiblen, narzisstischen Puritaner“ ab.

Python-Kollege Terry Gilliam stößt ins gleiche Horn, wenn er klug anmerkt, „die beste Komik basiert auf Ehrlichkeit und Wahrheit - politische Korrektheit tut es oft nicht“.

So gesehen, funktioniert dieser im besten Sinne ehrliche Film noch immer. Vielleicht ist er sogar wichtiger denn je. Wenn Sie an den Feiertagen ein bisschen Zeit haben, bilden Sie sich doch selbst eine Meinung.

Ich wünsche schöne Weihnachtstage, und dass Sie über Schwächen lachen können, die von allen Menschen und vor allem die eigenen.

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