Hamburg
Kreuzfahrt ohne Kreuzfahrtschiff: Drei Alternativen
Reisen per Boutique-, Frachtschiff oder Fähre: Hier kommen drei Alternativen für Luxussuchende, Schiffsnerds und Preisbewusste.
Kreuzfahrten sind für viele Menschen die beste aller Urlaubswelten: Glitzerndes Meer, immer neue Ziele an Land, und das, ohne das Hotelzimmer wechseln zu müssen - denn das kommt ja immer mit. Genau so allerdings wie die 2000 Mitpassagiere, mit denen man sich üblicherweise so ein Kreuzfahrtschiff teilt, morgens den Kampf um die Sonnenliegen aufnimmt oder abends um einen Tisch im Restaurant konkurriert.
Wer nicht auf eine Seereise verzichten will, wohl aber auf allzu viele Reisegefährten, für den gibt es je nach Budget einige spannende Alternativen.
Die Luxuriöse: Boutique-Kreuzfahrten
„Boutique“, das steht in der Hotellerie nicht für kleine Geschäfte, denn die gibt es auf den großen Kreuzfahrtschiffen ja auch. Boutique meint vielmehr das kleine, besondere: In Hotels etwa eine sehr individuelle Zimmereinrichtung und eine besondere persönliche Note.
Boutique-Schiffe sind folgerichtig kleinere Schiffe mit wenigen Passagieren. Expeditionsschiffe fallen unter diese Kategorie, Segelschiffe wie etwa die Sea Cloud II oder auch Megayachten. Entscheidend ist dabei die Qualität des Service: „Nach meiner Definition ist ein Boutique-Schiff eins mit maximal 300 Passagieren“, sagt Alexis Papathanassis, Professor für Cruise Management an der Hochschule Bremerhaven. „Es gibt natürlich auch kleinere Schiffe, die nicht luxuriös sind, das sind dann aber keine Boutique-Schiffe.“
Zu beobachten ist dabei durchaus ein Trend: „Man kann von einer Polarisierung des Marktes sprechen“, sagt Papathanassis. „Das Segment Boutique hat Potential für die nächsten Jahre, auch wenn es angesichts der Gesamtkapazität noch eine Nische ist.“
Das liegt natürlich auch am Preis, denn eine Seereise auf einem kleineren Schiff, bei der das Verhältnis von Crewmitgliedern zu Passagieren nicht selten bei 1:1 liegt, macht die Sache exklusiv. „Sowohl hohe Servicequalität an Bord als auch exklusive Erlebnisse an Land sind unerlässlich, denn man hat als Passagier auf kleineren Schiffen viel weniger Möglichkeiten, etwas zu machen“, sagt Papathanassis. Große Shoppingdecks, abendliche Riesenshows und die Auswahl aus zig Restaurants fallen auf kleineren Schiffen naturgemäß aus.
Der Vorteil hier allerdings: Routen und auch Landgänge können viel individueller geplant werden, oftmals werden Häfen angelaufen, die sonst etwas unter dem Radar liegen, weil übliche Kreuzfahrtriesen dafür zur groß sind.
Die Preise bei Boutique-Kreuzfahrten variieren dabei enorm: Während eine Expeditionsreise mit einem Hurtigruten-Schiff in die Antarktis zwischen 7000 und 12000 Euro Euro fälllig werden, ist eine einwöchige Segelkreuzfahrt im Mittelmeer zwischen Sardinien, Korsika und Monaco für um die 2500 Euro zu haben.
Für Nerds: Frachtschiffreisen
Eher rauhen Charme versprüht dagegen eine Frachtschiffreise. Hier reist man auf einem Arbeitsschiff mit, und das merkt man: Die Kabine ist funktionell, es gibt drei Mahlzeiten am Tag, Passagiere können sich aber auch in der Bordküche zwischendurch selbst mal einen Kaffee kochen oder eine Stulle schmieren.
Das Animationsprogramm fällt hier aus, und auch den Wellnesstempel sucht man vergebens: Allenfalls gibt es eine kleine Sauna. Dafür ist man ganz nah dran an dem, was Schifffahrt ausmacht, und darf auf Anfrage gerne auch mal mit auf die Brücke, wo einem der Kapitän alles erklärt.
Frachtschiffreisen sind günstig, im Schnitt muss man 100 Euro pro Tag rechnen. Digital Detox inklusive, denn Internet an Bord gibt es nicht. „Man muss sich gut mit sich allein beschäftigen können“, sagt Kerstin Ronai, Frachtschiffreisen-Expertin bei der Agentur ATPI Hamburg, die seit über 50 Jahren - früher unter dem Namen Hamburg Süd Reiseagantur, solche Reisen anbietet. Dass viele Reedereien überhaupt Passagiere mitnehmen, erklärt sie so: „Oftmals stehen Kabinen während der Fahrt leer, der Schiffsbetrieb läuft sowieso - also kann man auch jemanden mitnehmen.“ Inzwischen ließen sogar manche Reedereien bei Schiffsneubauten extra Kabinen für Passagiere einbauen.
Erste Reisen können wieder gebucht werden
Ohnehin verzeichnet auch die Frachtschiffreisen-Branche in den letzten Jahren einen deutlichen Zuwachs: „Früher war das ein reines Nischenprodukt, aber seit etwa 15 Jahren wächst auch hier das Interesse.“
Neben Schiffsnerds, Flugphobikern oder Abenteurern buchen Kerstin Ronai zufolge solche Reisen oft auch ehemalige Seeleute, die jetzt in Rente sind und nochmal Containerschiffsluft schnuppern wollen.
Die beliebtesten Strecken sind in Ronais Agentur Hamburg - New York, Hamburg - Halifax und Reisen nach Südamerika. Gerade auf dieser Route ist es oft auch möglich, das eigene Fahrzeug mitzunehmen: Wer etwa zu einer längeren Rundreise durch Südamerika aufbricht und die im eigenen Bulli absolvieren will, kann die Atlantiküberquerung auf einem Frachtschiff unternehmen.
Während die Corona-Pandemie auch diesen Sektor zunächst ausgebremst hatte - „Im Moment nimmt keine Reederei Passagiere mit“, sagt Ronai - können erste Reisen ab April/Mai 2022 jetzt wieder gebucht werden.
Für Sparsame: Fährüberfahrten
Eine Online-Umfrage des Verbandes der Fährschifffahrt und Fährtouristik (VFF) hat jüngst ergeben: Im Vergleich zum Jahr 2018 gibt es ein Plus von sechs Prozent unter den Interessenten an Fährreisen. Besonders überraschend für den Verband: Das Interesse ist besonders in der jüngeren Altersgruppe zwischen 18 und 39 Jahren deutlich gestiegen.
„Auch an Bord unserer Schiffe beobachten wir eine zunehmende Verjüngung der Passagiere, und die Zustimmung in dieser Zielgruppe wächst deutlich schneller und stärker als in jeder anderen Gruppe“, sagt Benoît Surin aus dem Vorstand des VFF. Der Grund: Auf Fähren kann das eigene Auto mit, es gibt keine Gepäckbegrenzung und den Zauber einer (kurzen) Seereise ziehen viele Menschen einer langen Autobahnfahrt vor. Aber auch Klimaschutzerwägungen spielen offenbar eine Rolle, denn viele Fährredereien setzen inzwischen auf umweltfreundlichere Hybridantriebe oder Rotorsegel wie etwa die dänische Reederei Scandlines.
Die Branche profitiert außerdem vom gestiegenen Interesse an nordischen Reisezielen: Skandinavien und das Baltikum sind per Fähre oftmals bequemer erreichbar als über Land.
Der Klassiker unter den hiesigen Fährreisen ist die Verbindung von Kiel nach Oslo mit der Color Line: Eine preisgünstige Minikreuzfahrt als Wochenendtrip. Aber auch Ziele im Baltikum werden immer beliebter und sind etwa ab Travemünde per Fähre gut zu erreichen. Zur frischen Ostseeluft kommt auf solchen Reisen ein günstiger Preis und das rustikale Flair eine Fähre - für viele ein gelungener Mix aus Transportmittel und Entschleunigung.