Osnabrück
Wo sind all die Bruderhähne hin? Vielleicht nach Afrika exportiert
In Deutschland dürfen ab dem 1. Januar keine männlichen Küken mehr getötet werden. Doch was passiert mit den kleinen Hähnen, die nicht mehr vergast, sondern aufgezogen werden? Eine Spurensuche bis nach Afrika.
Die Kühltruhe im Supermarkt in einer deutschen Großstadt ist kurz vor Weihnachten voll bis obenhin. Masthähnchen, Ente und Gans warten darauf, zu einem Festmahl weiterverarbeitet zu werden. Etwas abseits: das Suppenhuhn. Schmal von der Statur, wenig Fleisch auf den Knochen. Das reicht höchstens für die Feiertagssuppe.
Bevor der Henne der Kopf abgetrennt und die Federn gezogen wurden, legte sie in einem Stall Eier. Nach gut 1,5 Jahren ging es zum Schlachthof. Von einem fehlt hier in der Kühlung aber jede Spur: dem Bruder der Legehenne.
Der Bruderhahn und das Kükentöten
Das wäre eigentlich nicht weiter verwunderlich. Denn bislang war es geübte Praxis, die männlichen Tiere am Tag des Schlüpfens zu vergasen und dann beispielsweise an Zoos als Futtermittel zu verkaufen. Ihre Aufzucht lohnt sich nicht. Bis zum 31. Dezember ist das noch erlaubt. Am 1. Januar greift das Verbot des sogenannten Kükentötens.
Den Brütereien bleiben dann nur zwei Optionen: Entweder bestimmen sie das Geschlecht des Embryos noch im Ei, sodass männliche Tiere weit vor dem Schlupf aussortiert werden. Oder sie lassen die Hähne leben. Schon Monate vor dem Verbot wurde auf Eierkartons in Supermärkten intensiv mit den kleinen Tieren geworben: „Ohne Kükentöten“ oder „Initiative Lebenswert“ hieß es dazu.
Recherchen unserer Redaktion konnten bereits aufzeigen, dass mindestens ein Teil der Bruderhähne trotzdem getötet wurde und statt der biologischen Brüder aus demselben Schlupf dann andernorts „Leihbrüder“ aufgezogen werden.
Aber so oder so bleibt die Frage: Was geschieht eigentlich mit den Hähnen, die aufgezogen werden?
Die Maschinen zur Geschlechtsbestimmung im Ei sind noch nicht so weit, so viele Eier zu untersuchen, wie die Eierbranche Legehennen bräuchte. Also muss ein erheblicher Teil der männlichen Tiere bereits jetzt und erst recht nach Inkrafttreten des Verbots aufgezogen werden: Jedes Jahr mehrere Millionen Hähne. Mehrere Millionen Hähne bedeuten mehrere Millionen Kilogramm zusätzliches Fleisch.
Von denen ist in den Supermärkten bislang aber wenig zu sehen. Nur selten liegt ein ganzer Bruderhahn in der Tiefkühltruhe. Auf Anfrage verweisen Edeka, Lidl und Aldi Nord darauf, dass das entsprechende Hahnenfleisch etwa in Hühnerfrikassee verarbeitet werde. Aber in solchen Mengen?
Kaum jemand mag Bruderhahn-Fleisch
„Langfristig ist unser Ziel, das Bruderhahn-Fleisch auch in weiteren Produkten einzusetzen“, heißt es bei Aldi. Dazu stehe man mit den Produzenten in Austausch. Edeka teilt mit, dass das Angebot an Produkten mit Hahnenfleisch sukzessive steigern zu wollen, fügt aber hinzu: „Hier ist allerdings die Nachfrage der Verbraucher auch noch nicht so groß.“ Die Deutschen essen am liebsten das Brustfleisch der speziell darauf gezüchteten Masthähnchen. Der Bruderhahn indes hat fast nichts auf der Brust.
Wo landet sein Fleisch also dann, wenn nicht im Supermarkt? Die Spur führt ins Ausland. Aus der Geflügelbranche in Deutschland heißt es, ein erheblicher Teil der Bruderhähne werde in Polen aufgezogen und dort auch geschlachtet.
Einer der Gründe dem Vernehmen nach: In Deutschland gibt es keine Schlachthöfe, die auf die kleinen Hähne spezialisiert wären. Sie würden entweder aus den Halterungen fallen, in die die Hühner kopfüber gehängt werden. Oder ihr Kopf reiche nicht bis zum Strombad, durch das die Tiere im nächsten Schritt gezogen werden. Hier verlieren sie normalerweise vor der Tötung das Bewusstsein.
Offenbar gibt es in Polen Schlachthöfe, die kein Problem mit der Verarbeitung kleiner, magerere Hähne haben. Und offenbar hat die dortige Geflügelwirtschaft auch einen Absatzmarkt für deren Fleisch: Ein Zwischenhändler in Polen berichtet auf Anfrage unserer Redaktion, Junghähne aus Deutschland würden im Ganzen nach Afrika verkauft. Preis oder Menge will er aber nicht verraten.
Francisco Mari kennt den Geflügelfleischmarkt in Afrika ganz genau. Er arbeitet bei der Hilfsorganisation „Brot für die Welt“ und setzt sich kritisch mit Lebensmittelexporten auseinander. Mari sagt: „Unsere Partner vor Ort, besonders in Ghana und der Demokratischen Republik Kongo, beobachten, dass zunehmend ganze, gefrorene Hühner importiert werden.“
Export nach Afrika nimmt zu
Das sei Teil eines Gesamttrends, den er mit Sorge betrachtet: Insgesamt wird immer mehr Geflügelfleisch aus Europa nach Afrika exportiert. Amtliche Statistiken zeigen, dass unter den Gewinnern dieser Entwicklung besonders Polen ist - insgesamt in Sachen Geflügelfleisch aber eben auch bei ganzen, unzerteilten Hühnern, die tiefgefroren verschifft werden. Das Land hat seinen Anteil an dieser Exportrubrik binnen weniger Jahre verzehnfacht.
Von den 15.500 Tonnen unzerteilter Hühner, die allein im September aus der EU nach Afrika exportiert wurden, kamen 6700 aus Polen. Waren darunter auch die Bruderhähne der deutschen Legehennen? Schwer zu sagen.
Einerseits dürften jene mit dem Blick auf die Zeitachse zumindest in größerer Stückzahl noch nicht schlachtreif sein. Zum anderen unterscheiden die Exportstatistiken nicht weiter, ob das unzerteilte Huhn nun ein Suppenhuhn oder nicht doch ein Bruderhahn war.
„Sollten nun künftig auch die Bruderhähne in großer Zahl nach Afrika verkauft werden, würde das eine ohnehin extrem schlechte Entwicklung nur weiter befeuern“, sagt Brot-für-die-Welt-Vertreter Mari. Die EU-Exporte würden bereits jetzt die Landwirtschaft in Afrika unter Druck setzen. „Kein lokaler Erzeuger vor Ort kann mit den Preisen der Importprodukte mithalten. Überschussimporte aus Europa zerstören bäuerliche Landwirtschaft in Afrika.“