Kommentar zur Woche

Aus der Zeit gefallen

Günter Radtke
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Ein Kommentar von Günter Radtke
| 18.12.2021 09:07 Uhr | 2 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Über die plattdeutsche Sprache wird zurzeit in Ostrhauderfehn diskutiert. Foto: Archiv
Über die plattdeutsche Sprache wird zurzeit in Ostrhauderfehn diskutiert. Foto: Archiv
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Traditionell wird im Oberledingerland während der letzten Ratssitzungen vor dem Jahreswechsel Plattdeutsch gesprochen. Zugezogene Ratsmitglieder fühlen sich deshalb ausgegrenzt. Zu Recht?

Platt oder nicht platt? Die Frage, ob die Tradition, derzufolge während der letzten Gemeinderatssitzung des Jahres alle Sitzungsteilnehmer plattdeutsch reden und verstehen sollen, erhitzt seit einigen Tagen im Oberledingerland so manches Gemüt. Seinen Ursprung hatte der Konflikt diesmal im Ostrhauderfehner Rat, wo sich der nicht Plattdeutschsprechende und nicht Plattdeutschverstehende Grünen-Ratsherr Manfred Cybalski ausgegrenzt fühlte, weil er die Wortbeiträge seiner Ratskolleginnen- und kollegen nicht verstand.

Günter Radtke. Foto: Ortgies
Günter Radtke. Foto: Ortgies

Diese Diskussion ist nicht neu. Vor Jahren wurde sie bereits im Westoverledinger Gemeinderat geführt.

Gänzlich unverständlich stehen sich nun auch wieder beide Lager gegenüber: Hier, die waschechten Ostfriesen, denen das Plattdeutsche mit in die Wiege gelegt wurde, denen die traditionelle Plattdeutsch-Ratssitzung Freude bereitet. Dort, die in Ostfriesland Zugezogenen aus anderen Teilen Deutschlands, von denen erwartet wird, dass sie gefälligst einen Plattdeutschkurs zu absolvieren haben, wenn sie sich ehrenamtlich im Gemeinderat engagieren wollen.

Eine Lapalie? Einerseits ja; andererseits nein. Denn genau dort, wo die Freude an dieser Tradition endet, beginnt tatsächlich die Ausgrenzung. Es steht ja nirgendwo geschrieben, dass in Ostfriesland Plattdeutsch-Kenntnisse vonnöten sind, dass sozusagen ein Migranten-Sprachkurs zu absolvieren ist, um sich hier politisch zu betätigen. Und eine Ratssitzung ist keine Karnevalsveranstaltung, bei der man sich als Zugezogener einmal im Jahr in die Bütt stellt und sich zur Erheiterung der anderen radebrechend im Plattdeutschen versucht.

Während einer Ratssitzung geht es um weitreichende Beschlüsse, wie jetzt in Ostrhauderfehn zum Beispiel um den Gemeindehaushalt, um Hunderttausende Euro, um Millionen Euro. Da sollte man die Argumente der Ratskollegen sprachlich schon verstehen können.

Eines sollten die hier schon immer ansässigen Ostfriesen bei dieser Diskussion auch bedenken: Sie sind hier nicht mehr wie einst ganz unter sich. Seit Jahrzehnten gibt es in allen drei Oberledingerland-Gemeinden einen enormen Zuzug von außerhalb. Viele, viele Menschen aus anderen Regionen leben, wohnen und arbeiten hier. Kaum jemand von ihnen spricht Plattdeutsch und muss es auch nicht.

So gesehen sind Ratssitzungen auf Plattdeutsch mittlerweile aus der Zeit gefallen.

Den Autor erreichen Sie unter g.radtke@ga-online.de

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