Osnabrück
Brüterei-Chef: Verbot des Kükentötens gefährdet meine Existenz
In der Brüterei von Markus Brormann starben bislang gut eine Million männliche Küken pro Jahr. Ab 2022 ist das Kükentöten verboten. Brormann hält das für falsch – nicht nur, weil sein Unternehmen vor dem Aus steht.
Im Interview berichtet Brormann, was bislang mit den männlichen Küken aus seinem Betrieb im Kreis Gütersloh geschehen ist. Und er erzählt, warum sein Plan B - den Schlupf ins Ausland zu verlagern - wohl gescheitert ist.
Herr Brormann, ab dem 1. Januar ist das Töten männlicher Küken in Deutschland, nur in Deutschland verboten. Sie betreiben eine Brüterei. Was hat das für Auswirkungen auf Ihren Betrieb?
Tja. Stand jetzt war’s das für uns. Zumindest für den Betriebszweig der Brüterei. Da kann ich die Tür wohl dichtmachen. Ich habe für unseren Betrieb durchkalkuliert, was die Geschlechtsbestimmung im Ei kosten würde, die ja als Alternative zum Kükentöten gilt: fünf Euro pro Henne müsste ich bekommen. Derzeit bekomme ich 70 bis 80 Cent von meinen Kunden. Diesen Preissprung geht doch kein Kunde mit, gerade wenn die Küken im Ausland weiter billig zu bekommen sind, weil da weiter männliche Küken getötet werden.
Wie viele Küken schlüpfen bei Ihnen im Jahr?
Wir verkaufen etwa eine Million Hennenküken im Jahr, die in unserer Brüterei schlüpfen. Abnehmer sind bislang Aufzuchtbetriebe, die die ausgewachsenen Hennen vor allem an bäuerliche Direktvermarkter oder Hobbyhalter verkaufen, die gerne ein paar Hühner haben wollen. Wir verkaufen keine Hochleistungshühner, sondern seltenere Rassen.
Das bedeutet, Sie haben bislang auch eine Million Hähne nach dem Schlupf getötet?
Ja, genau. Zunächst werden die Küken auf ihr Geschlecht hin untersucht. Bei den meisten unserer Rassen erkennt man das Geschlecht an der Farbe des Tieres. Ein kleinerer Teil unserer Tiere kann nur anhand der Flügelfedern oder der Kloake unterschieden werden. Dafür kommen Spezialisten in unseren Betrieb, die ursprünglich aus Asien stammen.
Haben Sie die männlichen Tiere geschreddert?
Nein, nie! Wir haben eine Maschine im Betrieb; ,Elevator‘ heißt die. Da kann man oben 1200 Küken reinstellen, die dann langsam runterfahren. Im Gerät selbst ist eine sehr hohe Kolenstoffdioxidkonzentration, sodass die Küken erst binnen Sekunden das Bewusstsein verlieren und dann sterben. Unten kann man dann die toten Küken entnehmen.
Und dann?
Geben wir die toten Küken an Falkner oder Wildvogelstationen ab, die damit beispielsweise verletzte Greifvögel aufpeppeln. Also zumindest bislang noch. Jeder zweite Anruf, der derzeit bei mir eingeht, kommt von solchen Stationen: Die brauchen dringend solche Futtertiere, aber mit der Verbotsankündigung versiegt das Angebot natürlich Stück für Stück. Unter den Anrufern sind übrigens auch solche Stationen, die von Naturschutzorganisationen unterhalten werden, die sich gegen das Kükentöten eingesetzt haben…
Haben Sie mit dem männlichen Küken Geld verdient?
Es blieben am Ende vielleicht ein oder zwei Cent pro Tier übrig. Es ging mir dabei nicht ums Geld, sondern um die sinnvolle Verwertung der Tiere.
In der Diskussion der vergangenen Jahre wurden die männlichen Küken häufig als Abfallprodukt der Eierproduktion bezeichnet…
Sie wurden aber nicht weggeworfen, sondern sinnvoll eingesetzt. Die Küken werden ja dringend benötigt. Greifvögel sind auf ganze Küken inklusive Federkleid angewiesen in der Ernährung. Ist es denn wirklich besser, wenn zum Beispiel Mäusekadaver aus dem Ausland importiert werden?
War’s das jetzt für Ihr Unternehmen?
Ich hatte einen Plan B: Unsere Überlegung ist, Brütereien in Belgien oder den Niederlanden damit zu beauftragen, Eier für uns einzulegen. Wir würden dann die weiblichen Küken von dort importieren und in Deutschland weiterverkaufen. Aber diesen Plan macht gerade die Vogelgrippe kaputt.
Wieso?
Die meisten meiner Kunden liegen in Vogelgrippe-Sperrzonen. Da dürfen derzeit keine Küken eingestallt werden oder Tiere entsprechend transportiert werden. Meine Geschäftsidee ist also so ziemlich dahin. Früher gab es vielleicht alle zehn Jahre mal einen Seuchenzug der Vogelgrippe. Mittlerweile ist das fast jährlich so. Ich weiß noch nicht, wie es weiter gehen soll. Die Lage ist gerade ziemlich hoffnungslos.
Hätte man aus Unternehmersicht nicht früher umsteuern müssen? Die Diskussion lief ja schon einige Zeit und das Verbot hat sich abgezeichnet.
Ich hätte nicht gedacht, dass auch das Töten von Futterküken verboten wird. Die werden ja benötigt. Und diese Tötung widerspricht meiner Meinung nach nicht dem Tierschutzgesetz. Es ist doch ein vernünftiger Grund, ein Küken, dessen Aufzucht teuer und dessen Fleisch beim Kunden nicht gefragt ist, an verletzte Greifvögel zu verfüttern. Dass es diese Ausnahme nicht gibt im deutschen Gesetz, ist ein Fehler. Die gesamte Diskussion in Deutschland… ich habe den Eindruck, Politik und Gesellschaft haben immer noch nicht verstanden, was das Verbot anrichtet.
Woran machen Sie das fest?
Kürzlich hat der neue Bundeslandwirtschaftsminister Özdemir ja seine Sorge darüber geäußert, dass offenbar viele Legehennen Brustbeinbrüche im Laufe ihres Lebens erleiden. Dabei handelt es sich um Tiere aus den Hochleistungsrassen, die nur auf Leistung hin gezüchtet worden sind. Ja, Mensch. Wir haben doch die robusten Rassen gezüchtet, die weniger Eier legen! Das wird aber jetzt quasi unmöglich gemacht. Aber mit dem Verbot bleiben in Deutschland eben nur solche Brütereien über, die Hochleistungsrassen anbieten.
Was ist denn mit der nahe liegendsten Lösung: die Aufzucht der Hähne?
Das ist im kleinen Maßstab einer Hobbyhaltung vielleicht noch eine Option. Aber wenn Sie beispielsweise 100 Hennen halten wollen und da 100 Hähne draufkommen, verteuert das die Haltung der Tiere enorm. Zumal das Fleisch der Hähne dann später auch nicht sonderlich gefragt ist. Selbst für bäuerliche Direktvermarkter lohnt sich das kaum.
Was machen Sie jetzt mit dem Elevator?
Der bleibt erstmal stehen. Ein kleines bisschen Hoffnung habe ich dann doch noch. Wir steuern zum Jahreswechsel auf einen Notstand zu, was die Versorgung verletzter Greifvögel angeht. Vielleicht muss ja doch noch einmal das Kükentöten genehmigt werden, damit verletzte Uhus nicht verhungern.