Internet

Die Zeit für Glasfaser-Ausbau läuft ab

| | 16.12.2021 18:28 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Moderne Glasfaserleitungen ermöglichen schnelles Surfen im Internet. Foto: Christian Schwier/AdobeStock
Moderne Glasfaserleitungen ermöglichen schnelles Surfen im Internet. Foto: Christian Schwier/AdobeStock
Artikel teilen:

Am Samstag endet die Nachfragebündelung der Deutschen Glasfaser für die Orte Westrhauderfehn, Collinghorst sowie die Gemeinde Ostrhauderfehn. Was Interessierte über die Technologie wissen sollten.

Rhauderfehn/Ostrhauderfehn - Die Zeit läuft für Internetnutzer im Oberledingerland: Am Samstag, 18. Dezember, endet die Nachfragebündelung des Unternehmens Deutsche Glasfaser für den Breitbandausbau. Wenn in den beiden Rhauderfehner Ortsteilen beziehungsweise in Ostrhauderfehn mindestens 40 Prozent das Angebot unterzeichnen, sollen die Leitungen verlegt werden. Ob Glasfaser wirklich benötigt wird, hängt von der Internetnutzung ab. Antworten zu den wichtigsten Fragen gibt es hier.

Ähnliche Artikel

Darum geht es

Die Deutsche Glasfaser bietet den Ausbau des Breitbandnetzes in den Orten Westrhauderfehn, Collinghorst und in der Gemeinde Ostrhauderfehn an. Die Bedingungen: Mindestens 40 Prozent der Haushalte in der jeweiligen Gemeinde müssen mitmachen und sich auf zwei Jahre verpflichten. Dann würden Glasfaser-Leitungen bei den Kunden bis ins Gebäude verlegt. Zum vergangenen Freitag waren in den beiden Rhauderfehner Orten 27 Prozent der Haushalte sowie 32 Prozent in Ostrhauderfehn dabei. Die nächsten und vermutlich letzten Zwischenstände werden am Freitag veröffentlicht.

Die wichtigsten Begriffe erklärt

Was bedeuten Smart-Home und Virtual Reality? Wofür steht Mbit/s? Wichtige Begriffe erklärt.

Download ist der englische Begriff für das Herunterladen. Also die Daten, die aus dem Internet auf den Rechner kommen. Das Gegenteil ist Upload. Das sind die Daten, die ins Internet geschickt werden.

Megabit pro Sekunde oder kurz Mbit/s gibt die Datenübertragungsrate, also die Geschwindigkeit der Internetverbindung, an. Zum Vergleich: Ein CD-Rohling, der mit etwa 700 Megabyte für eine Audio-CD reicht, ist 5600 Mbit groß.

Mit Smart-Home ist, grob übersetzt, intelligentes Heim gemeint. Dadurch wird unter anderem die Fernsteuerung über Smartphones und teils auch Sprachsteuerung von Lampen, Heizungen und Jalousien sowie anderen elektronischen Geräten ermöglicht.

VDSL ist eine Übertragungstechnik, die eine hohe Datenrate erzielt. Es kommen Kupfer- und Glasfaserkabel zum Einsatz.

Virtual Reality bedeutet direkt übersetzt: virtuelle Realität. Der Nutzer trägt dabei eine Brille mit Bildschirmen. Dadurch lassen sich Orte in digitalen Welten begehen. Wer so etwas erleben und ausprobieren möchte, kann beispielsweise bis Ende Februar die Vincent-Van-Gogh-Experience in Bremen besuchen. Dort lässt sich von einem Stuhl aus der Ort Arles im Süden Frankreichs begehen. Dabei verschmelzen Ortsansichten mit dem impressionistischen Stil des niederländischen Malers.

World Wide Web ist englisch und bedeutet weltweites Netz. Das ist der Teil des Internets, den wir überwiegend nutzen. Er basiert auf dem 1989 von Tim Berners-Lee in Genfentwickelten Programmiercode HTML.

Warum Glasfaser?

Im Vergleich zum herkömmlichen Kupferkabel bieten die Glasfaserleitungen deutlich höhere Geschwindigkeiten. „Diese Anschlusstechnologie gilt technisch als die potenziell leistungsfähigste Netzform, die sich den heutigen und zukünftigen Anforderungen optimal anpassen lässt“, schreibt Michael Reifenberg von der Bundesnetzagentur auf Nachfrage. Er spricht sich für Glasfaserleitungen bis mindestens in die Gebäude aus. Bei den herkömmlichen Kabelnetzen ist die sogenannte „letzte Meile“ das Problem. Bis zu einem Verteiler liegen in der Regel die Breitbandkabel. Anschließend geht es von dort über die alten Leitungen bis zu den Haushalten weiter. Je mehr Anschlüsse über die Kabel auf den selben Verteiler zugreifen, desto langsamer werden die Daten übertragen. Außerdem ist die Technologie eine andere.

Kabel für den Anschluss von Breitband-Internetverbindungen sind auf einer Baustelle zu sehen. Foto: Carsten Rehder/dpa
Kabel für den Anschluss von Breitband-Internetverbindungen sind auf einer Baustelle zu sehen. Foto: Carsten Rehder/dpa

Prof. Dr. Knut Barghorn, der in der Jade Hochschule in Wilhelmshaven unter anderem Internettechnologien unterrichtet, erklärt: „Die Kupferkabel, die in den 90er-Jahren genutzt wurden, waren nie für eine derart hohe Datenübertragungsrate ausgelegt.“

Ein Muss für jeden?

Benötigt jeder Haushalt einen Glasfaseranschluss? Prof. Dr. Knut Barghorn schreibt: „Wer heute und in absehbarer Zeit lediglich E-Mails abruft, oder mal im Shop ein paar Weihnachtsgeschenke kauft und etwas durchs World Wide Web surft, wird in naher Zukunft keinen Glasfaseranschluss benötigen. Wer aber mit mehreren Personen im Haushalt von mehreren Endgeräten gleichzeitig hochaufgelöste Videos schaut oder Online-Spiele spielt und nebenbei noch Musik über ein Musikportal im Internet hört, für den kann die Technologie bereits jetzt interessant sein. Wenn künftig noch weitere Angebote dazu kommen ist ein Glasfaseranschluss sicherlich sinnvoll. Beispielsweise könnte die Steuerung von Smart-Home-Technologien wie Heizungssteuerung oder Hausüberwachung mit Kamerasystemen zum Standard werden.“

Ähnlich sieht es auch Michael Reifenberg von der Bundesnetzagentur: „Welche Datenübertragungsrate für einen Internetzugang benötigt wird, hängt grundsätzlich von den individuellen Bedürfnissen ab.“ Weiter schreibt er allerdings: „So beobachtet die Bundesnetzagentur eine steigende Bedeutung breitbandiger Dienste und Anwendungen.“

Geschwindigkeiten

Eine Familie schaut am Abend über einen Streamingdienst auf jeweils zwei Fernsehern einen Film. Außerdem wird auf zwei Tablet-Computern im Internet gesurft. Wie hoch die Bandbreite in diesem Beispiel sein sollte, dazu macht die Deutsche Glasfaser keine genauen Angaben.

Der Streaming-Anbieter Netflix empfiehlt aber zum Beispiel für einen Film in höchster Qualität 25 Megabit pro Sekunde (Mbit/s). Der Online-Spiele-Dienst Stadia von Google funktioniert ähnlich wie ein Streaming-Anbieter für Filme. Dort wird eine Verbindungsgeschwindigkeit von mindestens zehn Mbit/s verlangt. Laufen mehrere Filme oder Spiele gleichzeitig wird auch eine höhere Datenleistung benötigt. Laut Sprecher Christian Backs würde sich das genutzte Datenvolumen alle zwei Jahre verdoppeln.

Die EWE hat zusammen mit der Telekom als Glasfaser Nordwest ein eigenes Angebot. EWE-Sprecher Radowski schreibt, dass dies problemlos mit einem VDSL-Anschluss möglich sei. Er ergänzt: „Deutlich besser und komfortabler ist dieses aber mit einem Glasfaseranschluss, der deutlich stabiler ist und die Bandbreite garantiert.“ Vodafone-Sprecher Helge Buchheister antwortet: „Für einen einzelnen Stream in 4K-Qualität reichen eigentlich rechnerisch schon 50 Megabit pro Sekunde aus. Wenn allerdings die gesamte Familie parallel streamt, surft und von zu Hause aus arbeitet, ist man mit 250 Mbit/s auf der sicheren Seite. Mit einer Geschwindigkeit von 1000 Mbit/s ist man für die nächsten Jahre auf jeden Fall ausreichend gerüstet und kann sich entspannt zurücklehnen, egal was da kommt.“

Leerrohre für Glasfaser-Leitungen schauen aus dem Boden. Foto: Christian Schwier/AdobeStock
Leerrohre für Glasfaser-Leitungen schauen aus dem Boden. Foto: Christian Schwier/AdobeStock

Entwicklung

Hohe Bandbreiten waren nicht immer erforderlich. In den frühen Internettagen waren die Datenmengen noch sehr gering. Prof. Dr. Knut Barghorn von der Jade Hochschule erklärt: „1998 wurde über die Kupferkabel ausschließlich telefoniert und hin und wieder mal eine, damals noch statische Seite, im World Wide Web abgerufen. Waren die Seiteninhalte beim Nutzer angekommen, wurden keine weiteren Daten übertragen. Mitte bis Ende der 2000er Jahre veränderte sich das Web. Man spricht auch vom Web 2.0. Die Nutzer beteiligten sich an der Bereitstellung von Inhalten. Die Internetseiten wurden auch zunehmend dynamischer. Mittlerweile haben sich die Nutzungsmöglichkeiten und damit auch das Nutzungsverhalten stark verändert. „Tagsüber wird in Videokonferenzen gearbeitet und abends wird noch ein Film über ein Streamingportal angesehen. Die Menge der Daten, die über das Netz geschickt werden, hat sich also in den letzten Jahren vervielfacht.“

Michael Reifenberg von der Bundesnetzagentur bestätigt dies: „Der Trend manifestiert sich in hohen Zuwächsen bei den Datenverkehrsmengen und hat sich in den vergangenen Jahren sowohl im Festnetz- als auch im Mobilfunkbereich verstetigt. Als ein Treiber dieser Entwicklung gilt das Streaming von audiovisuellen Inhalten in immer höherer Qualität“. Das werde auch in Zukunft so weitergehen. „Viele Studien gehen für die Zukunft von einer weiter steigenden Nachfrage durch Anwendungsfälle wie ultra-hochauflösende Medieninhalte, Virtual Reality oder Telemedizin aus“, so Reifenberg.

Mitbewerber

Die Deutsche Glasfaser ist nicht der einzige Internetanbieter in den beiden Gemeinden. Allerdings ist es wohnort-abhängig, welche Angebote am jeweiligen Haushalt nutzbar sind. Helge Buchheister von Vodafone teilt mit: „In den Gemeinden Rhauderfehn, Westoverledingen und Ostrhauderfehn bauen wir bislang nicht aus. Dort verfügen übergreifend schon heute rund 11.000 Haushalte über einen Anschluss an das Kabel-Glasfasernetz der Vodafone und können einen Gigabit-Tarif, sprich: bis zu 1000 Mbit/s, buchen. Allen anderen Haushalten ermöglichen wir eine Versorgung über DSL oder Mobilfunk.“

Leerrohr für Glasfaser Foto: Sina Schuldt/dpa
Leerrohr für Glasfaser Foto: Sina Schuldt/dpa

Auch die EWE bietet grundsätzlich Glasfaser an. Sprecher Mathias Radowski schreibt: „Auch EWE bietet in Rhauderfehn Glasfaseranschlüsse. Aktuell sind es über 2200 Haushalte in Rhauderfehn und Collinghorst, die einen Glasfaserhausanschluss und ein Glasfaserprodukt bei EWE mit bis zu 1000 Mbit/s im Download bestellen können. Darüber hinaus gibt es mehrere tausend VDSL-Anschlüsse in Rhauderfehn mit bis zu 100 Mbit/s im Download. Unter ewe.de/internet können Interessierte genau sehen, welche Produkte adressgenau verfügbar sind.“

Die EWE biete auch Glasfaser bis ans Haus an. Der Anschluss koste, bei bis zu 20 Metern normalerweise 399 Euro. Ab und an gebe es auch Aktionszeiträume.

Alternativen

Aus Sicht von Rhauderfehns Bürgermeister Geert Müller ist der Ausbau durch die Deutsche Glasfaser eine große Chance. Ein ähnliches Angebot erwarte er in den nächsten fünf Jahren nicht. Die kürzlich durch Land und Bund versprochenen Förderungen für den Ausbau gelten nicht im Zentrum: „Die vom Land Niedersachsen und dem Bund ausgesprochenen Förderungen konnten nur Gebiete gefördert werden, in denen keine 30 Mbit/s unabhängig vom Anbieter, möglich waren. Die Fördergebiete sind ganz überwiegend, wie bereits bei der letzten Fördermaßnahme, dezentral. In dem Kooperationsvertrag mit der Deutschen Glasfaser sind ausschließlich Gebiete aufgenommen worden, die weder durch Bund noch dem Land gefördert werden.“

Das bestätigt auch sein Ostrhauderfehner Kollege Günter Harders: „Der Ausbau der Deutschen Glasfaser findet in den Bereichen statt, in den der Ausbau nicht durch Dritte gefördert wird.“

Informieren

Nicht jeder weiß selbst, ob er einen großvolumigen Tarifvertrag benötigt. Kathrin Körber von der Verbraucherzentrale in Niedersachsen empfiehlt, sich Rat in der Verwandtschaft oder bei Nachbarn zu holen. Auch die Verträge sollten vor der Entscheidung in Ruhe durchgesehen und mit anderen Anbietern verglichen werden.

Wie geht es weiter?

Was ist, wenn die Anzahl der teilnehmenden Haushalte knapp verpasst wird? „Sofern wir als Unternehmen weiterhin die Chance sehen, die erforderliche Quote zu erreichen, besteht auch die Möglichkeit die Nachfragebündelung zu verlängern. Jedoch hängen verschiedene Faktoren von dieser Entscheidung ab“, teilt Christian Backs, Sprecher der Deutschen Glasfaser, auf Nachfrage mit. Nach dem Ablauf des Zwei-Jahres-Vertrages könnte auch der Anbieter gewechselt werden. Die Netze von Deutsche Glasfaser sind grundsätzlich ,offene Netze‘. Jedes interessierte Telekommunikationsunternehmen ist herzlich eingeladen, seine Produkte und Dienste über unser Netz an den Endkunden anzubieten“, so Backs.