Berlin

Jeder fünfte Mensch mit Behinderung in Deutschland ist arm

Jan-Malte Wortmann
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Von Jan-Malte Wortmann
| 14.12.2021 17:38 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Eine Behindertenwerkstatt in Frankfurt am Main. Immer mehr behinderte Menschen sind von Armut betroffen. (Symbolbild) Foto: dpa/Felix Frieler
Eine Behindertenwerkstatt in Frankfurt am Main. Immer mehr behinderte Menschen sind von Armut betroffen. (Symbolbild) Foto: dpa/Felix Frieler
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Zwanzig Prozent der Menschen mit Behinderung sind in Deutschland von Einkommensarmut betroffen, junge Leute sind besonders gefährdet. Laut dem Paritätischen Gesamtverband wächst die Ungleichheit jedes Jahr weiter.

Der Anteil der Menschen mit Behinderung, die unterhalb der Armutsgrenze leben, nimmt in Deutschland in jedem Jahr zu. Zu diesem Ergebnis kommt der Paritätische Gesamtverband in seinem jährlichen Teilhabebericht. Außerdem gehe die Schere bei der Einkommensarmut zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen immer weiter auseinander.

„Es lässt sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen dem Vorliegen einer Behinderung und der Armutsbetroffenheit erkennen“, schreibt der Paritätische Gesamtverband in seinem Bericht. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Verbandes, erklärte weiter: „Die Analysen zeigen, dass in den vergangenen fünfzehn Jahren immer mehr Menschen mit Behinderung vom steigenden Wohlstand der Gesellschaft abgekoppelt worden sind“.

Schere zwischen behinderten und nicht-behinderten Menschen wächst

Den Daten aus dem Bericht zufolge lebte im Jahr 2018 knapp jeder fünfte Mensch mit Behinderung mit einem Einkommen unterhalb der Armutsschwelle. Die Armutsquote sei zwischen 2000 und 2018 von 12,1 Prozent auf 19,6 Prozent gestiegen, habe also über die Hälfte zugenommen.

Gleichzeitig seien die Unterschiede zwischen den Menschen mit und ohne Behinderung gewachsen. Bei nicht-behinderten Menschen hat sich die Armutsquote in der gleichen Zeitspanne von 10,6 auf 13,2 Prozent erhöht. Aber: Seit 2015, als er bei 14,6 Prozent gelegen hatte, geht dieser Wert kontinuierlich zurück. Bei Menschen mit Behinderung ist er dagegen in jedem Jahr weiter gestiegen.

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Jüngere Menschen sind noch stärker betroffen

Bei jungen Menschen ist der Trend sogar noch stärker zu erkennen. In der Altersgruppe der 26- bis 49-Jährigen lag die Armutsquote bei behinderten Menschen bei 27,8 Prozent. Damit hat sie sich seit dem Jahr 2000 fast verdoppelt. Bei Menschen ohne Behinderung in dieser Altersgruppe stieg die Quote von 8,7 auf 13,5 Prozent.

Der Aktivist Raul Krauthausen weist auf Twitter auf den Teufelskreis zwischen Armut und eine Behinderung hin

Verband fordert verbesserte Teilhabe am Arbeitsmarkt

Eine Behinderung dürfe nicht noch weiter zu einem Armutsrisiko werden, mahnt Ralf Rosenbrock. Barrieren müssten beseitigt und die Ungleichheit entschieden bekämpft werden. Der Verband fordert daher beispielsweise, dass Menschen mit Behinderung die Teilhabe am Arbeitsmarkt erleichtert wird.

Denn viele behinderte Menschen finden keine reguläre Anstellung oder Ausbildung, im Jahr 2020 waren lediglich 46,9 Prozent erwerbstätig. Vielen bleibt häufig nur die Arbeit in einer Behindertenwerkstatt. Dort verdienen sie nur sehr wenig Geld. Teilweise liegt der Lohn in diesen Werkstätten bei nur 1,35 Euro pro Stunde, wie die „Zeit“ berichtet. 

Im Jahr 2007 hat Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet. Darin ist festgehalten, dass Menschen mit Behinderung das Recht garantiert sein soll, ihren Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen und über Job und Ausbildung selbst entscheiden zu dürfen. Nach Ansicht des Paritätischen Gesamtverbands ist das in Deutschland so bisher nicht umgesetzt worden.

Freie Wahl von Wohnort und Wohnform gefordert

Zu den weiteren Forderungen des Verbands gehört, dass Menschen mit Behinderung selbst über ihren Wohnort und ihre Wohnform entscheiden dürfen sollen. Aktuell würden viele Menschen, besonders jüngere, gegen ihren Wunsch dazu gezwungen, in besonderen Wohnformen wie Pflegeheimen zu leben.

Die Ampel-Parteien hatten in ihrem Koalitionsvertrag angekündigt, die Arbeitsmarktintegration und die Ausbildung von Menschen mit Behinderungen weiter stärken zu wollen. Das Entgeltsystem in den Behindertenwerkstätten solle überarbeitet und die Werkstätten stärker auf die Integration auf den allgemeinen Arbeitsmarkt ausgerichtet werden. Soziale Leistungen sollen unbürokratisch und barrierefrei beantragt werden können und die politische Teilhabe von behinderten Menschen soll verbessert werden.

Der Paritätische Gesamtverband begrüßte die Vorhaben der neuen Bundesregierung, betonte aber auch, dass es in der Vergangenheit schon zahlreiche Versuche gegeben habe, die finanzielle Situation von Menschen mit Behinderung zu verbessern. Bisher reichten diese nicht aus und orientierten sich zu wenig an den Wünschen der Menschen.

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