Osnabrück
Ohne Kükentöten? So werden Verbraucher im Supermarkt getäuscht
Edeka wirbt mit der „Initiative Lebenswert“ und zwei flauschigen Küken auf Eierkartons. Bei Aldi und Lidl heißt es „Ohne Kükentöten“. In allen drei Fällen bedeutet das aber nicht zwangsläufig, dass kein Küken getötet worden ist. Ist das Verbrauchertäuschung?
Zu jeder Henne gibt es statistisch gesehen auch einen Hahn. Die Natur hat es so eingerichtet, dass das Geschlechterverhältnis beim Schlupf in etwa fifty-fifty ist. Bei den Tieren der Masthähnchen-Rassen ist das kein Problem für die Tierhalter. Beide Geschlechter werden gemästet und dann geschlachtet.
Bei den Legehennen-Rassen indes ist das anders. Während die weiblichen Küken in Ställe gebracht werden und hier die Eier legen, die wir essen, sind die männlichen Tiere aus wirtschaftlicher Sicht überflüssig. Sie legen weder Eier noch setzen sie schnell genug Fleisch an. Die Aufzucht lohnt sich nicht.
40 Millionen Küken getötet
Bislang wurden die Brüder der zukünftigen Legehennen routinemäßig direkt nach dem Schlupf in den Brütereien vergast - rund 40 Millionen Küken im Jahr in Deutschland. Zum Jahreswechsel wird das aber untersagt. Wer dann noch Küken tötet, macht sich strafbar. Im Sommer 2020 kündigte die damalige Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner an, das entsprechende Verbot auf den Weg zu bringen. Zum Jahreswechsel 21/22 tritt es nun in Kraft.
Die von Klöckner angepriesene Alternative der Geschlechtsbestimmung im Ei war damals und ist bis heute keine vollwertige Alternative. Die Maschinen können noch nicht ausreichend schnell befruchtete Eier auf das Geschlecht der Embryonen hin untersuchen, sodass die männlichen Tiere weit vor dem Schlupf aussortiert werden.
Werbewettrennen auf Umwegen
Trotzdem setzte bei den Handelskonzernen damit ein „Werbewettrennen ums Tierwohl“ ein. So nennt es ein Brancheninsider, der namentlich nicht genannt werden will. Er will - wie auch andere Gesprächspartner im Zuge dieser Recherche - unerkannt bleiben. Die Angst vor Konsequenzen scheint groß. Teilweise ist von Verschwiegenheitsklauseln in Verträgen die Reden.
Handel und Eier-Branche wissen offenbar sehr genau, dass jenes „Werbewettrennen“ auf Umwege geführt hat, die mindestens grenzwertig sind. „Das hat Skandalpotenzial. Deswegen will und deswegen soll niemand darüber reden“, sagt ein anderer Insider.
Es geht um das, was seit einigen Monaten auf den Eier-Kartons steht - egal, ob die Eier im Karton nun aus Bio-, Freiland oder Bodenhaltung kommen. Aldi und Lidl beispielsweise werben jeweils mit einem Küken-Logo und dem Schriftzug „Ohne Kükentöten“.
Bei Edeka heißt das Pendant „Initiative Lebenswert“. Maskottchen sind zwei flauschige gelbe Küken. „Schützt mich!“ scheinen sie dem Verbraucher vom Karton entgegen zu rufen. „Unsere Initiative Lebenswert setzt sich für den Schutz männlicher Küken ein“, verspricht Edeka weiter. Auch bei Marktkauf und Netto finden sich entsprechende Eierkartons.
Dabei ist bei allen drei Handelskonzernen eines nicht klar: Was mit den Brüdern der Legehennen passiert ist, deren Eier der Kunde hier kauft. Im Zweifelsfall wurden sie eben doch vergast, bestätigen mehrere Gesprächspartner unserer Redaktion. Von diesem Umstand erfährt der Verbraucher auf dem Karton aber erst einmal nichts.
Selbst wer sich die Mühe macht, auf die Internetseite der Edeka-„Initiative Lebenswert“ zu gehen, muss sehr genau lesen. Der Umstand, dass eben doch Küken getötet worden sein können, verbirgt sich hinter folgender Formulierung: „Wir stellen sicher, dass der durchschnittlichen Legeleistung einer Legehenne mindestens eine Junghahn-Aufzucht gegenübersteht.“
Das Äquivalenz-Prinzip
Übersetzt bedeutet das: Legehenne Berta legt eine Durchschnittszahl X an Eiern. Für diese Durchschnittszahl X wird nun irgendwo Hahn Carlo eingestallt. Carlo muss aber nicht aus derselben Brüterei wie Berta oder gar aus demselben Schlupf stammen. Und er muss auch nicht in Deutschland aufgezogen und geschlachtet werden.
Bertas Bruder Bert kann nach wie vor vergast worden sein. Trotzdem heißt es auf den Eierkartons über den beiden Küken „Schützt mich!“ In der Branche wird dieses Vorgehen „Mengenäquivalenz“ genannt.
Aldi, Lidl, aber auch andere Supermarktketten wie Globus, verfahren in Teilen nach einem ähnlichen Konzept. Das wird allerdings Kopfäquivalenz genannt. Hier ist nicht die Legeleistung von Berta Maßstab, sondern Huhn Berta selbst: Für jede Henne Berta wird irgendwo ein Hahn Carlo eingestallt. Auch hier gilt nach Angaben der Branchenkenner: Bertas Bruder Bert ist im Zweifelsfall längst tot.
Es ist also ein bisschen so, als würde ein Bauherr in Osnabrück einen Baum fällen und dafür einen Ersatz in Schwerin pflanzen - oder irgendwo anders in Europa - und vor sein Bauprojekt das Schild stellen: Ohne Baumfällung. Nur, dass es im konkreten Fall um ein Tier geht.
Auf der Internetseite zur Aldi-Initiative „Ohne Kükentöten“ ist davon nichts zu lesen. Auf Anfrage bestätigt ein Sprecher von Aldi Nord, dass das Kopf-Äquivalent „aus praktischen Gründen“ unter anderem bei Bio-Eiern zum Einsatz kommt. Lidl schreibt, „zur leichten Verständlichkeit“ werden alle Eier unabhängig davon, welche Methode denn nun zum Einsatz kam, „mit dem ,Ohne Kükentöten‘-Logo auf der Verpackung gekennzeichnet.“
Rewe ließ eine Anfrage unserer Redaktion zu dem Thema unbeantwortet. Ob hier ähnlich verfahren wird, ist unklar. Wirklich transparent informiert nur die Supermarkt-Kette Globus. Auf der Internetseite zur hauseigenen Initiative „Ohne Kükentöten“ berichtet das Unternehmen, so schnell wie möglich aus der sogenannten Kopfäquivalenz aussteigen zu wollen - inklusive verständlicher Erklärung, was darunter zu verstehen ist.
Was erwartet der Verbraucher?
Bei der Verbraucherzentrale beobachtet man das Agieren der Handelskonzerne und der Eierbranche rund um Kopf- und Mengenäquivalenz kritisch. Eier-Markt-Expertin Christiane Kunzel sagt: „Das ist nicht akzeptabel, da dieses Verfahren in keinster Weise den Erwartungen der Verbraucher entspricht.“
Die Verbraucherzentralen hatten vor einiger Zeit eine Umfrage zum Ausstieg aus dem Kükentöten in Auftrag gegeben. Das Ergebnis zeigt, was Supermarktkunden eigentlich erwarten: Die biologischen Brüder der Legehennen aus dem jeweiligen Schlupf - also Bert und Berta - sollen tatsächlich auch beide aufgezogen werden.
Die Branche nennt das „Schlupf-Äquivalenz“. Auch solche Eier finden sich in den Ohne-Kükentöten-Kartons. Auch die Aufzucht wird praktiziert. Aber eben nicht flächendeckend. Aldi Nord und Lidl teilen mit, ihr Ziel sei die Umsetzung der Schlupfäquivalenz.
Aus der Branche heißt es, mangelnde Stallkapazitäten seien ein Grund für den Umstand. Hühnerhalter in Deutschland haben sich in der Regel entweder auf Legehennen oder Masthühner spezialisiert. Für die Aufzucht von Junghähnen wie Bert wären Anpassungen im Stall und bei der Fütterung notwendig. Zudem bleibt das Problem, dass die Mast von Tieren aus Legehennenrassen nicht wirtschaftlich ist.
Im Zuge der Kopf- und Mengenäquivalenz werden auch in Osteuropa Junghähne großgezogen, die höchstens auf dem Papier eine Verbindung zur Henne Berta in Deutschland haben. Aldi Nord bestätigt: „Aufgrund fehlender Kapazitäten im Inland wird derzeit ein Teil der Hähne auch im umliegenden EU-Ausland aufgezogen.“ Edeka will das zumindest nicht ausschließen.
Innerhalb der Eier-Branche selbst ist das Vorgehen umstritten. Laut aussprechen will die Kritik aber niemand. Im Stillen hat man sich darauf verständigt, die Praxis mit einem Auslaufdatum zu versehen. Das geht aus einem sogenannten Leitfaden des „Vereins für Kontrollierte Alternative Haltungsformen“, kurz KAT, hervor, der unserer Redaktion vorliegt.
Carlo darf weit vor Berta schlüpfen
Wer in Deutschland Schaleneier im Supermarkt verkaufen will, muss bei KAT mitmachen. Der Verein organisiert beispielsweise die Stempel auf Eiern. Über diese kann der Verbraucher nachschauen, von welchem Betrieb das Ei stammt. Was mit dem Bruder der Legehenne geschehen ist, ist hier bislang noch nicht nachzuvollziehen.
Der KAT-Leitfaden erlaubt explizit die Kopfäquivalenz. Sicherzustellen sei dabei, heißt es im Leitfaden, dass die Junghähne maximal ein Jahr vor dem Schlupf der Legehennen geschlüpft sind. Bedeutet: Es besteht nicht einmal ein zeitlicher Zusammenhang zwischen dem Schlupf von Henne Berta und dem ihres falschen Bruders Carlo in einem anderen Stall.
KAT schreibt vor, dass diese Praxis des Verrechnens noch bis zum 31. Dezember 2022 erlaubt ist - also bis zu einem Jahr nach dem das Verbot des Kükentötens in Kraft getreten ist. Bereits ab Mai 2022 soll aber sicher gestellt werden, dass Hahn „aus dem gleichen Schlupf und derselben Brüterei wie die weiblichen Küken“ stammen, heißt es weiter.
Die Fristen dürften vor allem Brütereien und Eier-Produzenten in den Niederlanden von Interesse sein: Das Nachbarland ist in Sachen Import Hauptlieferant junger Legehennen und frischer Schaleneier. Das Kükentöten wird hier nicht verboten.
Im Zweifelsfall werden also noch bis weit ins Jahr 2023 hinein Legehennen wie Berta Eier legen, deren Brüder in der Vergangenheit vergast worden sind. Und auf dem Eierkarton wird trotzdem mit dem Verzicht aufs Kükentöten geworben.