Kriminalfall Högel

„Opfer sind vor Gericht in den meisten Fällen reine Beweismittel“

| | 07.12.2021 19:17 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Karsten Krogmann war Chefreporter der „Nordwest-Zeitung“, jetzt arbeitet er im Opferschutz. Foto: Ulrike Laufer
Karsten Krogmann war Chefreporter der „Nordwest-Zeitung“, jetzt arbeitet er im Opferschutz. Foto: Ulrike Laufer
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Karsten Krogmann hat als Reporter jahrelang den Fall des mordenden Krankenpflegers Niels Högel begleitet. Die Redaktion hat mit dem Journalisten über seine Arbeit gesprochen.

Oldenburg - Der ehemalige Krankenpfleger Niels Högel ist ein Mörder. Gerichtsfest bewiesen ist, dass er 91 Patienten in seiner Obhut getötet hat. Die Journalisten Karsten Krogmann und Marco Seng waren so dicht wie wahrscheinlich niemand sonst dran an den Gerichtsverhandlungen, Opfern und Ermittlern in diesem Fall. Kürzlich haben die beiden Autoren ein gemeinsames Buch veröffentlicht, es heißt „Der Todespfleger“ (ISBN 978-3-442-31612-0). Die Redaktion hat mit Krogmann über seine Arbeit gesprochen.

Frage: Herr Krogmann, Ihr Buch basiert auf Ihrer journalistischen Arbeit im Kriminalfall Högel?

Karsten Krogmann: Wir haben seit sieben Jahren mit diesem Fall zu tun – und es stimmt: Es gibt keinen anderen Fall, der mich und meinen Kollegen Marco Seng so beschäftigt hat, mit dem wir so massiv und regelmäßig zu tun hatten. Natürlich steckt da unheimlich viel Recherche drin. Es fängt in klassischer Reporter-Manier an, ganz ohne Recherche eigentlich: Da ist ein Gerichtsprozess, so und so viele Termine sind angesetzt. „Kann das einer von euch machen? Die anderen haben keine Zeit.“ Und dann geht da einer hin und ganz schnell merkst du: Da steckt mehr hinter. Und dann fängt die Recherche an. Wir haben anfangs Interviews geführt mit verschiedenen Beteiligten: Klinik-Chef, Generalstaatsanwalt, so etwas. Mit jeder Antwort und jedem Hinweis, die oder den man bekommt, kommen neue Fragen auf. Dann bekommst du hier mal eine Unterlage, dann fallen dir Sachen in einer ersten Anklageschrift auf und du sprichst mit Angehörigen der Verstorbenen. Im Lauf der Zeit haben wir dann Zehntausende von Ermittlungsakten oder Gutachten gelesen.

Zur Person

Karsten Krogmann (52) ist in Barßel im Landkreis Cloppenburg aufgewachsen, wo er auch seine ersten Texte für die Schülerzeitung „Moin Moin“ schrieb. Später arbeitete er als Journalist in Oldenburg, zuletzt als Chefreporter für die „Nordwest-Zeitung“. Für seine Recherchen wurde er wiederholt ausgezeichnet, unter anderem mit dem Theodor-Wolff-Preis und dem Nannen-Preis. 2020 wechselte er als Presse-Chef zum Weißen Ring, Deutschlands größter Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer.

Frage: Sie sprechen davon, Gutachten, Anklageschriften und Ermittlungsakten gelesen zu haben. Das sind Dinge, die eigentlich nur den Ermittlern und Prozessbeteiligten vorliegen. Wie wichtig ist es für Sie, sich nicht darauf zu verlassen, was Menschen Ihnen sagen, sondern sich auch solches – im Grunde nicht für Ihre Augen bestimmtes – Material zu besorgen?

Krogmann: Journalismus sollte sich immer von der Frage leiten lassen: Gibt es ein öffentliches Interesse und wie groß ist das? Ich war sehr früh der Meinung, dass es am Fall Högel ein extrem hohes öffentliche Interesse gibt, weil noch nie da gewesene Dinge passiert sind und weil der Fall Schwachstellen in verschiedenen Systemen offengelegt hat. Wir haben den Schutzbereich Krankenhaus, wo Menschen hingehen, die Hilfe brauchen. Wo Angehörige Kranke voller Vertrauen in die Obhut von Ärzten und Pflegern geben. Und in diesem Schutzbereich konnte ein Pfleger fünf Jahre lang in zwei verschiedenen Häusern ungestoppt Menschen töten. Mindestens 91, vielleicht Hunderte. Wenn es gerade im Kriminalbereich um Auskünfte geht, kommt von den Behörden oft der Hinweis, zu laufenden Verfahren könne man nicht sagen. Der Fall Högel ist ein laufendes Verfahren seit 2005 bis jetzt noch. Das würde immer dagegen sprechen, dass wir berichten dürfen, dass wir Informationen bekommen. Aber ich wiederhole mich: Das öffentliche Interesse ist riesig und da muss ich mir als Journalist eben auch mit investigativen Mitteln Informationen besorgen – damit ich als Kontrollinstanz auf Augenhöhe mit den Behörden bin, jedenfalls im Idealfall.

Frage: Sie haben im Buch ganz deutliche Kritik am deutschen Strafrecht formuliert. Die Prozesse würden zu täterorientiert geführt, es gebe nicht genug Raum für die Opfer und deren Angehörigen. Die Gerichte und Staatsanwaltschaften betonen immer wieder, dass es für eine funktionierende Justiz eine Prozessökonomie geben müsse – im Grunde, um Arbeit zu sparen. Was sagen Sie dazu?

Krogmann: Inzwischen bin ich Presse-Chef des Weißen Rings, einer Opferschutzorganisation, und ich glaube, dass in den vergangenen Jahren in diesem Bereich schon viel passiert ist. Zunehmend kommen die Opfer in den Blick, beispielsweise durch die Nebenklage. Aber: Die Justiz, und das zeigte sich am Fall Högel ganz deutlich, hat dieses prozessökonomische Denken und diese extreme Täterorientierung verinnerlicht. Es geht einzig darum, dem Täter die Schuld oder Unschuld nachzuweisen und ihn dann möglicherweise zu verurteilen. Die Opfer sind in den meisten Fällen vor Gericht reine Beweismittel: Zeugen. Es muss aber doch um die Menschen gehen, die Unrecht und Leid erlitten haben! Sie und die Gesellschaft haben ein Antwortbedürfnis, das die Justiz befriedigen muss. Die Antworten bleiben aber aus, wenn es nur um die Bestrafung des Täters geht und vielleicht um den Schutz der Allgemeinheit vor dem Täter. Bleiben wir beim Beispiel Högel: Die Justiz brauchte keine 100 Mordfälle, um ihn zu lebenslanger Haft verurteilen zu können. Fünf Fälle genügten 2015. Aber haben nicht 100 Familien das Recht, alles über den Tod ihres Angehörigen zu erfahren? Und müssen wir nicht alle aus den möglicherweise begangenen Fehlern und Systemproblemen lernen? Die Justiz ist der Gesellschaft diese Antworten schuldig, finde ich. Es verändert sich aber bereits etwas, das konnte man im Mordprozess 2018/19 unter Vorsitz von Richter Sebastian Bührmann gut beobachten. Er ist sehr respektvoll mit den Angehörigen umgegangen und hat versucht, Antworten zu finden – was dem Gericht am Ende leider nicht in allen Fällen gelungen ist.

Frage: Sie haben über Jahre die Trauer und das Leid der Mordopfer-Angehörigen begleitet. Was hat das mit Ihnen gemacht?

Krogmann: Ich habe als Reporter viele Geschichten, die mit Leid zu tun hatten, geschrieben, über Kriminalität, über Menschen, die schwerst erkrankt waren, über Kinder im Hospiz. Wenn man ein halbwegs empathischer Mensch ist – und dafür halte ich mich –, lässt einen das überhaupt nicht kalt und auch nicht immer gut schlafen. Wenn ich aber das Gefühl hatte, den Ton der Geschichte getroffen zu haben, dann war das immer ein Abschluss. Wenn ich wusste, dass die Geschichte vernünftig erzählt wurde, dann konnte ich sie loslassen.. Ich hatte das getan, was ich tun konnte. Das Problem bei Högel: Der Fall nahm nie ein Ende, der Fall ging immer weiter. Wir haben immer nur über Zwischenstände berichtet, es gab nie einen Abschluss. Wenn es super läuft, bist du ungefähr auf Augenhöhe der Ermittler. Aber selbst die Ermittler haben ja nur einen bestimmten Kenntnisstand, der sich permanent verändert. Und dann sitzt du immer wieder bei Opferangehörigen zu Hause, die aus der Trauer nie herauskommen: zunächst der plötzliche Tod des Angehörigen, dann die Nachricht: Mord. Natürlich lässt mich das nicht kalt. Es ist ja kein Zufall, dass ich zum Weißen Ring gegangen bin. Ich arbeite auch dort journalistisch, recherchiere, erzähle Opfergeschichten – doch ich bin in einem Punkt nicht neutral: Ich stehe auf der Seite der Opfer. Aber was die Mordserie Högel angeht: Ich wäre inzwischen froh, wenn der Fall mit dem Buch für mich enden würde. Für mich darf das jetzt aufhören.

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