Krankenhaus-Kapazitäten

Ist in Ostfriesland immer ein Herzkatheter-Labor aufnahmefähig?

Andreas Ellinger
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Von Andreas Ellinger
| 06.12.2021 21:52 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Bei Herzinfarkten ist Eile geboten. Was ist, wenn dann alle ostfriesischen Intensivstationen keine Patienten aufnehmen können? Foto: Armer/dpa
Bei Herzinfarkten ist Eile geboten. Was ist, wenn dann alle ostfriesischen Intensivstationen keine Patienten aufnehmen können? Foto: Armer/dpa
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Die ostfriesischen Kliniken melden immer wieder ihre Intensivstationen ab – am Sonntag taten das alle gleichzeitig. Wie ist es um die Aufnahmebereitschaft der Herzkatheter-Labore in Aurich und Leer bestellt?

Ostfriesland/Hannover - Hält das Landesgesundheitsministerium die kardiologische Intensivversorgung in Niedersachsen, insbesondere im Nordwesten des Landes, für ausreichend? Diese Frage zu den Behandlungsmöglichkeiten für Herzkranke hat unsere Zeitung gestellt, nachdem am Mittwoch im Ivena-Portal für Rettungsdienste alle drei „kardiologischen Intensivstationen“ im Nordwesten abgemeldet waren – am Klinikum Leer sowie an den Krankenhäusern Lingen und Brake. Das wiederholte sich am Sonntag – wobei gleichzeitig die „internistischen Intensivstationen“ sämtlicher Krankenhäuser in Ostfriesland abgemeldet waren, wo Herz-Patienten normalerweise ebenfalls aufgenommen werden könnten.

Was und warum

Darum geht es: Die Notfall-Versorgung von Herzinfarkt-Patienten soll gewährleistet sein, obwohl im Extremfall die Intensivstationen aller ostfriesischen Krankenhäuser gleichzeitig abgemeldet sind.

Vor allem interessant für: Herzkranke und Herzinfarkt-Risikogruppen (beispielsweise Raucher, Diabetes-Kranke, Übergewichtige).

Deshalb berichten wir: Die „kardiologische Intensivstation“ des Klinikums Leer und alle „internistischen Intensivstationen“ in Ostfriesland konnten am Sonntag – laut Ivena-Meldeportal – über Stunden hinweg keine Patienten aufnehmen.

Den Autor erreichen Sie unter: a.ellinger@zgo.de

„Es stehen ausreichend medizinisch-technische und räumliche Kapazitäten für die kardiologische Intensivversorgung zur Verfügung“, antwortete das Gesundheitsministerium und erklärte: „Nicht die Anzahl der Intensivbetten ist entscheidend, sondern die Anzahl der zur Verfügung stehenden, qualifizierten Mitarbeiter. Hier herrscht deutschlandweit ein bekannter Fachkräftemangel.“ Der Engpass sei „ausschließlich die Verfügbarkeit von qualifiziertem Fachpersonal“, betonte das Ministerium. „Die Krankenhausträger unternehmen alle Anstrengungen, dieses in ausreichender Zahl vorzuhalten.“

Fachkräfte-Suche der Kliniken Leer und Aurich

Das Klinikum Leer sucht derzeit beispielsweise Pflegekräfte für den intensivmedizinischen und kardiologischen Bereich – allerdings zur „Erweiterung unseres Leistungsspektrums“. Vor kurzem hatte das Klinikum mitgeteilt: Zu Fachbereichs-Abmeldungen im Ivena-Portal komme es in der Regel wegen voller Kapazitäten oder wegen krankheitsbedingt ausfallenden Personals, nicht wegen generellem Personalmangel. Auch eine assistenzärztliche Stelle, unter anderem für den Bereich der Herz-Medizin, hat das Krankenhaus ausgeschrieben.

Davon unterscheidet sich die Lage im Klinikverbund Aurich-Emden-Norden, dessen Standort Aurich laut Gesundheitsministerium über zwei Herzkatheter-Messplätze, eine fachbereichsübergreifende (interdisziplinäre) Intensivstation sowie über eine Intermediate Care Station (IMC) zur Behandlung von Herzinfarkt-Patienten verfügt. „Die IMC ist für die Behandlung von Patienten ausgelegt, die einer erhöhten Überwachung bedürfen, ohne zwingend auf der Intensivstation behandelt werden zu müssen“, erklärt die Trägergesellschaft. Ende Oktober informierte das Unternehmen über Personalengpässe in Verbindung mit Fachkräftemangel. Momentan sucht es unter anderem Pflegekräfte für die Intensivstationen an all seinen drei Standorten.

Per Hubschrauber in die „nächst geeignete Klinik“

Das Gesundheitsministerium schreibt im Kontext des Fachkräftemangels: „Trotzdem sind die Krankenhäuser im Nordwesten im Linksherzkatheter-Labor einsatzbereit und können zum Beispiel Herzinfarktpatienten schnell und qualifiziert versorgen.“ Patienten würden mit dem Rettungswagen oder per Hubschrauber „zur nächst geeigneten Klinik gebracht“. Das sei „für die Bevölkerung des Landkreises Aurich, der Stadt Emden und des weiteren Einzugsgebietes die Ubbo-Emmius-Klinik in Aurich“. Und folglich nicht das Klinikum Leer, das im Ivena-Portal die einzige „kardiologische Intensivstation“ Ostfrieslands anbietet. Die Bezeichnung „kardiologische Intensivstation“ hat aus Sicht des Klinikverbundes Aurich-Emden-Norden „rein deklaratorischen Charakter“.

Das Leeraner Klinikum hatte unserer Zeitung vor kurzem mitgeteilt, dass für Herzinfarktpatienten eine jederzeitige Aufnahmebereitschaft bestehe, „da es in der Region keine Alternativen gibt“. Auf Nachfrage schickte das Klinikum die „Klarstellung“, dass die „Region“ mit „unserem Einzugsgebiet gleichzusetzen“ sei und es sich nicht um die einzige kardiologische Versorgungsmöglichkeit in Ostfriesland handle. Mehr noch: „Separat ausgewiesene kardiologische Intensivbetten gibt es im Klinikum Leer nicht.“ Das Klinikum Leer hat nach eigenen Angaben eine „interdisziplinäre Intensivstation“ und zwei Linksherzkatheter-Messplätze – also die Einrichtungen, über die auch die Auricher Klinik laut deren Trägergesellschaft und laut Gesundheitsministerium verfügt.

„Kardiologische Intensivstation“ – eine „hauseigene Bezeichnung“

Warum ist das Klinikum Leer dann in Ostfriesland – so wie das Krankenhaus Brake im Bereich „Oldenburger Land“ und das Lingener Hospital im Emsland – exklusiv mit einer „kardiologischen Intensivstation“ im Ivena-Portal vertreten? Das Gesundheitsministerium schreibt: „Die Bezeichnung ,kardiologische Intensivstation‘ ist eine hauseigene Bezeichnung des Klinikums Leer. Damit ist keine abweichende Kompetenzbeschreibung gegenüber interdisziplinären Intensivstationen verbunden.“ Und weiter: „In der Ubbo-Emmius-Klinik in Aurich wird nicht nur das Gleiche geleistet wie im Klinikum Leer“, sondern es gebe auch eine Elektro-Physiologische Unit (EPU) zur Behandlung von Herz-Rhythmus-Störungen. „Das ist mehr als an anderen Orten.“

Unsere Zeitung hat daraufhin mehrere Fragen an das Klinikum Leer und an die Auricher Trägergesellschaft geschickt, um deren Leistungsvermögen im Bereich der Herzkatheter-Labore und der Intensivstationen zu klären und vergleichen zu können. Dabei geht es beispielsweise darum, wie viele Ärzte für die Herzkatheter-Messplätze zur Verfügung stehen und ob es auf den Intensivstationen ein ärztliches Dreischichtsystem gibt. Außerdem hat unsere Zeitung die Kliniken einmal mehr um die Freigabe von Meldedaten gebeten, die im Ivena-Portal immer nur für rund sieben Stunden öffentlich einsehbar sind. Dieses Mal geht es um Daten, aus denen hervorgeht, in welchen Zeiträumen die Herzkatheter-Labore als aufnahmebereit gemeldet waren.

Kliniken erteilten bisher keine Freigabe für ihre Meldedaten

Bezüglich der Auricher Klinik hatte das Gesundheitsministerium mitgeteilt, dass sie im Bereich der Herzkatheter-Messplätze sieben Tage die Woche rund um die Uhr aufnahmebereit sei. Die Trägergesellschaft schrieb hingegen, dass ihr Herzkatheter-Labor „zu über 95 Prozent der Zeit im Jahr zur Verfügung steht“.

Die Freigabe von Ivena-Meldedaten, aus denen sich die Abmeldezeiten der Intensivstationen ergeben, hatten beide Krankenhaus-Unternehmen vor kurzem abgelehnt. Das Klinikum Leer gehört dem Landkreis Leer, die Trägergesellschaft dem Landkreis Aurich und der Stadt Emden. Fortsetzung folgt – sobald noch mehr Informationen vorliegen.

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