Medizin

Ostfriesland: Intensivstationen für Herzinfarkte überlastet

Andreas Ellinger
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Von Andreas Ellinger
| 05.12.2021 19:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Wohin mit ostfriesischen Herzinfarkt-Patienten, wenn sich nach dem Herzkatheter auf die Intensivstation müssen? Foto: Ellinger
Wohin mit ostfriesischen Herzinfarkt-Patienten, wenn sich nach dem Herzkatheter auf die Intensivstation müssen? Foto: Ellinger
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Wer als Herzinfarkt-Patient auf eine Intensivstation muss, wird in Ostfriesland womöglich keine finden. In diesem Fachbereich war am heutigen Sonntagabend keine der Kliniken aufnahmebereit.

Ostfriesland/Hannover - Sonntagabend, kurz nach halb Sechs: Die „kardiologische Intensivstation“ des Klinikums Leer ist im niedersächsischen Ivena-Portal abgemeldet – also auf der Internetseite, auf der Rettungsdienste nach Kliniken mit freier Kapazität suchen. Diese Intensivstation zur Herzinfarkt-Behandlung kann folglich keine Patienten aufnehmen.

Im Ivena-Portal ist für ganz Ostfriesland nur diese eine „kardiologische Intensivstation“ gelistet. Im Emsland ist nur im Hospital Lingen eine registriert, im gesamten „Oldenburger Land“ lediglich eine in Brake. Beide sind ebenfalls abgemeldet. Alle drei kardiologischen Intensivstationen sind nicht nur für den stationären Bereich, sondern auch für die „Notfallversorgung“ abgemeldet.

Ein Herzkatheter-Messplatz ist besonders wichtig

Am Mittwoch verhielt sich das genauso. Unsere Zeitung hat das niedersächsische Gesundheitsministerium gefragt, wo in so einer Situation ein Herzinfarkt-Patient, beispielsweise aus Aurich, behandelt wird. Die Antwort: „Der Patient wird in die Ubbo-Emmius-Klinik gebracht“ – also nach Aurich selbst. „Diese ist 24 Stunden an sieben Tagen pro Woche mit zwei Herzkatheter-Messplätzen aufnahmebereit“, schreibt das Ministerium.

Die Trägergesellschaft der Auricher Klinik schränkt ein: Das Herzkatheter-Labor stehe „zu über 95 Prozent der Zeit im Jahr zur Verfügung“. Überprüfbar ist das nicht. Denn die Trägergesellschaft, die dem Landkreis Aurich und der Stadt Emden gehört, hat keine Freigabe für die entsprechenden Daten des Ivena-Portals erteilt. Eine Datenfreigabe bezüglich der Intensivstation hat sie ausdrücklich verweigert.

Die „Cash Cow“ der Kliniken ist aufnahmebereit

Am Sonntag war der Fachbereich „Herzkatheter“ in Aurich aufnahmebereit – der am Klinikum Leer ebenfalls. In Fachkreisen wird das Herzkatheter-Labor als „Cash Cow“ der Kliniken bezeichnet. Also als Fachbereich, der gewinnträchtig ist. Das könnte darauf hindeuten, dass der Betrieb von Krankenhaus-Fachbereichen mit finanziellen Anreizen sichergestellt werden kann.

Wie verhält sich das bei Intensivstationen? Das Gesundheitsministerium schreibt bezüglich der Auricher Klinik: „Zur Weiterbehandlung“ – nach dem Herzkatheter-Messplatz – „steht dort neben einer interdisziplinären Intensivstation auch eine Intermediate Care Station (IMC) zur Verfügung, die in einer Vielzahl der Fälle ausreichend ist.“

Abhängigkeiten im ostfriesischen Gesundheitswesen

Problem am Mittwoch: Aurichs Intensivstation war ebenfalls abgemeldet. Problem am Sonntag: Die Auricher Intensivstation und die Auricher IMC-Station waren abgemeldet. Eine Sprecherin der Trägergesellschaft hatte am Donnerstag von „sehr variablen Zahlen der Verfügbarkeit der Intensivstationen unserer Häuser“ berichtet. Neben Aurich gehören noch die Kliniken Emden und Norden zum Unternehmen.

Sonntag, 17.40 Uhr: Alle Intensivstationen in Ostfriesland waren im Ivena-Portal abgemeldet, konnten also keine Patienten mehr aufnehmen – auch die Emder Intensivstation, die nicht bei der "Kooperativen Regionalleitstelle Ostfriesland", sondern in der Ansicht der "Feuerwehr- und Rettungsleitstelle" Emden gelistet ist. Screenshot: OZ
Sonntag, 17.40 Uhr: Alle Intensivstationen in Ostfriesland waren im Ivena-Portal abgemeldet, konnten also keine Patienten mehr aufnehmen – auch die Emder Intensivstation, die nicht bei der "Kooperativen Regionalleitstelle Ostfriesland", sondern in der Ansicht der "Feuerwehr- und Rettungsleitstelle" Emden gelistet ist. Screenshot: OZ

Was sagen die ostfriesischen Rettungsdienste zur Lage am Mittwoch? Von fünf angefragten Rettungsdiensten antworteten nur die Stadtverwaltung Emden und der Landkreis Wittmund, die einen Rettungsdienst (mit-)betreiben – und Gesellschafter der jeweils örtlichen Krankenhäuser sind, die intensivmedizinische Kapazitätsengpässe haben. Ein anderer Rettungsdienst hatte schon vor kurzem auf eine Anfrage zu den Klinik-Kapazitäten erklärt: „Aufgrund unseres Status als Beauftragte des Landkreises und der damit verbundenen Verschwiegenheitsverpflichtung können wir Ihre Anfrage nicht beantworten.“ Das deutet auf ein System der Abhängigkeit im ostfriesischen Gesundheitswesen hin.

Nach Herzkatheter auf Intensivstation – aber wohin?

Die Emder Stadtverwaltung zitiert Matthias Drüner, den Ärztlichen Leiter des Rettungsdienstes, der gleichzeitig Oberarzt am Klinikum Emden ist, das von der gleichen Trägergesellschaft wie das Auricher Klinikum betrieben wird: „Aus rettungsdienstlicher Sicht bestehen trotz der hohen Auslastung der Intensivstationen keine Probleme bei der Versorgung akuter Herzinfarkte.“

Die Stadtverwaltung erläutert: „Die Versorgung von Herzinfarkten geschieht zunächst einmal ohne Rücksicht auf die Intensivkapazität.“ Sie weist auf das Herzkatheter-Labor hin, das „in der Regel“ nicht abgemeldet sei. „Sollte im Extremfall ein Patient nach dem Herzkatheter auf die Intensivstation müssen, so ist es normalerweise so, dass dieser Patient entweder in ein anderes Krankenhaus verlegt wird, oder ein anderer Patient verlegt wird, um den Patienten auf der eigenen Intensivstation behandeln zu können.“ Aber wohin? Am Sonntag vielleicht nach Wilhelmshaven. Um halb Sechs waren außer sämtlichen ostfriesischen Intensivstationen auch jene in Westerstede, Friesoythe, Papenburg, Sögel und in den Oldenburger Kliniken abgemeldet.

Die Wittmunder Kreisverwaltung schreibt: „Es gibt kein besonderes Problem mit Kardio-Patienten, sondern es gibt allgemein das Problem, überwachungspflichtige Patienten mit akuten Erkrankungen adhoc heimatnah unterzubringen (Schlaganfall, Unfallopfer mit schweren Verletzungen und so weiter).“ Fortsetzung folgt in Kürze.

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