Zeitzeugen-Geschichte
Mit dem Kennenlernen kommt das Vertrauen
In den 1960er Jahren kamen die ersten türkischen Arbeitskräfte nach Leer. 20 Jahre später folgten kurdische Flüchtlinge. Günther Boekhoff war von 1973 bis 2001 Bürgermeister einer Stadt im Wandel.
Leer - „Olympia hatte viel Arbeit, aber nicht genug Arbeitskräfte. Der Eisengießerei Boekhoff ging es genauso, und auch auf der Jansen-Werft fehlten Leute“, erinnert sich Günther Boekhoff. Er war viele Jahre Bürgermeister der Stadt Leer, von 1973 bis 1996 ehrenamtlich und von 1996 bis 2001 hauptamtlich.
In den Aufbaujahren nach dem Krieg florierte die Wirtschaft, die Leeraner Firmen hatten gut zu tun und einen großen Bedarf an Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. In dieser Situation sei ein Anwerbeabkommen, wie es 1961 von der Türkei und Deutschland geschlossen worden sei, wichtig gewesen. „Wo sonst hätte man die Beschäftigten herbekommen?“, fragt er. Die Unternehmen hätten von dem bilateralen Vertrag profitiert und die Arbeitsmigranten auch, so der 83-Jährige. Die Frauen und Männer aus der Türkei, die zum Arbeiten nach Leer gekommen seien, seien nicht als Fremde, sondern als Kollegen betrachtet worden. „So habe ich es in vielen Begegnungen wahrgenommen. Es mag auch anders gewesen sein, gehört habe er davon nichts“, so Boekhoff.
Gleichwohl könne er sich an einem Vorfall Ende der 1980er/Anfang der 1990er Jahre erinnern. Seinerzeit wollte ein türkisches Ehepaar mit zwei Mädchen in eines der Mehrparteienhäuser des Bauvereins in der Christine-Charlotten-Straße einziehen. Die einheimischen Bewohner seien dagegen angegangen. „Genutzt hat es ihnen nichts. Der Bauverein ließ die Familie einziehen“, so Günther Boekhoff. Es habe gar nicht lange gedauert, und die Ostfriesen hätten sich mit ihren neuen Nachbarn aus der Fremde gut verstanden. Man habe sogar Feste zusammen gefeiert. „Wichtig ist, dass man miteinander spricht, sich kennenlernt. Dann kann auch das Vertrauen wachsen“, sagt die langjährige Politiker.
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