NS-Zeit
„Haben die Hölle sichtbar gemacht“
Zwei Zeitungsreporter legten 1963 den Grundstein für die Entstehung der Gedenkstätte Esterwegen. Bei ihren Forschungen über die Emslandlager waren sie damals auf viele Widerstände gestoßen.
Esterwegen - In den 1960er-Jahren haben zwei Reporter der Ems-Zeitung trotz großen Widerstands über die Emslandlager der Nazis berichtet – und viele Dokumente zusammengetragen, die sie jetzt an die Gedenkstätte übergeben haben. Sie sind heute gestandene Journalisten, die auf internationale Karrieren zurückblicken können: Doch 1963 waren Hermann Vinke (81) und Gerhard Kromschröder (80) gerade Anfang 20, als sie beruflich bei der Ems-Zeitung aufeinandertrafen.
Der Start ins Berufsleben hätte schwieriger kaum sein können. Beide hatten sich auf die Fahnen geschrieben, die Geschichte der Emslandlager der Nazis zu veröffentlichen. Über Jahre recherchierten sie, trugen viele Dokumente zusammen und sprachen mit den Menschen. Sie stießen dabei auf viel Widerstand, nicht nur aus der Bevölkerung, sondern auch seitens der Behörden, was sie letztlich auch den Job in Papenburg kostete. Beharrlich sind sie geblieben, das zeigt nicht nur die berufliche Laufbahn der einstigen Lokalreporter aus dem nördlichen Emsland. Auch ihr Plan, den sie bis Ende der 1960er-Jahre verfolgten, hat sich danach verselbstständigt: Denn mit ihren Nachforschungen und Veröffentlichungen zu den Emslandlagern sind sie die Ideengeber für die heutige Gedenkstätte auf dem Gelände des früheren KZ Esterwegen. Ihre Dokumente haben sie jetzt an die Gedenkstätte übergeben. Damit sind sie wieder am Ausgangspunkt angekommen.
Mit Esterwegenfing alles an
„So schließt sich der Kreis“, sagt Vinke. Denn mit Esterwegen fing alles an. Sein aus Frankfurt stammender Kollege Kromschröder stimmt nickend zu. Damals, als Volontär bei der Ems-Zeitung, hatte er schon vor seiner Zeit im Emsland vom KZ Esterwegen oder dem „Hauptmann“ Willi Herold gehört, wie er berichtet.
„Aber als ich zum ersten Mal vor dem Eingang stand, war ich total perplex und dachte: Das gibt es wirklich?“, sagt Kromschröder im Gespräch mit unserer Redaktion. Allerdings war vom Lager nichts mehr zu sehen, es war in ein Lager der Bundeswehr umfunktioniert worden: „Es gab keine Erinnerung an die Hölle im Moor.“ Auch der Lagerfriedhof an der Bundesstraße 401 sei komplett verwildert gewesen: „Die Grabsteine waren umgefallen, die Geschichte wuchs zu“, so Kromschröder. Das wollten die zwei jungen Männer verhindern, wie der aus Rhede stammende Vinke – damals mit 23 schon Redaktionsleiter in Papenburg – erklärt. So startete die Recherche, die oftmals abends nach erledigtem Tageswerk an Fahrt aufnahm. Es hatte sich herumgesprochen, dass die Männer auf der Suche nach Informationen waren – und es gab auch Hilfe. „Wir haben da noch was“, das sei ein Satz gewesen, der häufig zu hören gewesen sei, sagt Vinke.
Schlimme Fotos von den 15 Lagern
So erreichten die Männer Dokumente, darunter viele teils schlimme Fotos von den insgesamt 15 Lagern im Emsland oder der Exhumierung der Opfer Herolds. Menschen wurden befragt, „Bewacher und Bewachte“, so Kromschröder. Alles lief anonym ab, „offiziell wollte niemand etwas von den Konzentrationslagern vor den Haustüren wissen.“ Schwierig wurde es bei offiziellen Anfragen, denn die Behörden mauerten und logen, „es gebe keine Dokumente zu irgendwelchen Lagern“, erinnern sich die Männer, die seither Freunde sind. Glück hatten sie etwa, als ein Mitarbeiter des damaligen Katasteramts Sögel ihnen einen Auszug einer Karte übergab, auf der das KZ Esterwegen eingezeichnet war. Auch einige Kollegen aus dem Hause der Ems-Zeitung waren Gesprächspartner. „Einige, die als Schriftsetzer arbeiteten, hatten im Krieg im Lager Esterwegen gearbeitet und davon erzählt. Das war ja im Emsland eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme“, wie Gerhard Kromschöder berichtet.
Mit den bereits zusammengetragenen Informationen stand der Veröffentlichung nichts mehr im Weg. „Wir haben die Hölle sichtbar gemacht“, sagt Kromschröder – allen Widerständen zum Trotz. Sie galten als „Nestbeschmutzer“, wurden als „Verräter“ beschimpft und seien bei ihren Einsätzen mit dem Dienstwagen sogar beobachtet worden. Dennoch blicken beide gern auf die Zeit zurück: „Es war kein Leiden, es war ein Lernen“, meint Vinke. Beim Gang durch die Gedenkstätte sehe er „mit Freude und Befriedigung, dass aus unseren Anfängen heute ein Lernort geworden ist“, sagt Kromschröder. Für die weitere Arbeit in der Gedenkstätte soll das nun übergebene Material dienen.
„Dokumente haben doppelte Geschichte“
Ein Vertrag über die Dauerleihgabe ist abgeschlossen worden, die Ordner werden nach und nach in Esterwegen ankommen, sehr zur Freude der Co-Geschäftsführer Sebastian Weitkamp und Martin Koers. „Die Dokumente haben ja eine doppelte Geschichte. Sie zeigen zum einen die Geschichte der Emslandlager von 1933 bis 1945, aber sie sind auch zugleich Zeugnisse einer sehr schwierigen Auseinandersetzung mit eben diesem Thema in der Region“, so Weitkamp.
Ergänzt werden die Dokumente durch Material über die Widerstandskämpferin Cato Bontjes van Beek aus Fischerhude bei Bremen, über die Vinke zwei Bücher geschrieben hat. Ihre Nichte Saskia Bontjes van Beek übergibt ebenfalls einen Teil ihres Archivs. Darin dokumentiert ist neben dem Leben und Tod der jungen Frau im Jahr 1943 ebenfalls der steinige Weg ihrer Großmutter, die über viele Jahre um die Rehabilitierung ihrer Tochter kämpfte und letztlich auch vor Gericht gewann, so Bontjes van Beek. Die Parallelen zu den beiden Reportern sind gegeben. Denn auch wenn die Journalisten Ende der 1960er-Jahre wohl aufgrund ihrer „ketzerischen Tätigkeiten“ ihre Jobs verloren, ging die Erinnerungsarbeit im Emsland weiter. Das Dokumentations- und Informationszentrum Emslandlager (DIZ) übernahm laut Vinke eine wichtige Aufgabe – und führte letztlich zum Bau der Gedenkstätte durch den Landkreis.
Neue Möglichkeiten für Gedenkstätte
Dass die jetzt übergebenen Dokumente in Esterwegen eine neue Heimat finden, bietet der Gedenkstätte neue Möglichkeiten: „Es beleuchtet die Geschichte der Emslandlager, aber auch deren Nachgeschichte und erweitert das Spektrum um die Biografie der Widerstandkämpferin Cato Bontjes van Beek aus Bremen und Berlin“, sagt Koers.