Zeitzeugen-Geschichte
Leben zwischen zwei Kulturen
60 Jahre alt ist ein türkisch-deutscher Vertrag, um türkische Arbeitskräfte in die Bundesrepublik zu locken. Viele kamen nach Leer. 20 Jahre später folgten Kurden. Ihre Kinder leben in zwei Kulturen.
Leer - Wenn Hisret Akan von sich erzählt, spricht er über einen Menschen, der in zwei Kulturen aufgewachsen ist. „Auf der einen Seite mussten und wollten wir Kinder den Ansprüchen unserer Eltern gerecht werden und unsere Identität bewahren. Auf der anderen Seite wollten und mussten wir uns in der Fremde integrieren“, sagt der Ostrhauderfehner. Das als Kind und Jugendlicher unter einen Hut zu bekommen, sei eine große Herausforderung gewesen.
Hisret Akan gehört zu einer Generation, deren kurdische Eltern in den 1980er Jahren aus der Türkei geflohen sind und in Deutschland Asyl beantragt haben. Anders als die türkischen Arbeitskräfte, die aufgrund eines von der Türkei und Deutschland 1961 geschlossenen Anwerbeabkommens in die Bundesrepublik reisten, um zu arbeiten, kamen die Kurden als Asylbewerber. Sie hatten ihre Heimat verlassen, weil sie dort unter der Herrschaft der damaligen Militärregierung zunehmend Unterdrückung und Verfolgung ausgesetzt waren.
Flucht vor Krieg und Elend
„Wir saßen zwischen allen Stühlen. Die Regierung mochte uns nicht, weil wir Kurden sind. Die muslimischen Kurden mochten uns nicht, weil wir Yeziden sind“, erklärt Aziz Akan das Dilemma, in dem er und seine Frau Gulistan steckten. Mit vier kleinen Kindern machten sie sich auf den Weg, ihr Sohn Hisret war erst vier Jahre alt. Ein Schlepper brachte sie weg von Bacin. Das ist ein kleines Dorf in der Provinz Mardin in Südanatolien, nahe der syrischen Grenze. „Der Verlust der Heimat, die Erfahrung von Krieg und Elend, prägen bis heute das Leben meiner Eltern. Sie sind nie wieder in Bacin gewesen“, sagt Hisret Akan. Ihr Heimweh jedoch sei groß. Vielleicht sei das einer der Gründe, warum sich die ältere Generation schwer damit tue, in der Fremde anzukommen. Das freie Leben der westlichen Gesellschaft sei seinen Eltern bis heute fremd.
Die Familie wohnte nach ihrer Ankunft in Leer viele Jahre in der Ubbo-Emmius-Straße. Hisret Akan besuchte als Grundschüler die Plytenbergschule, später ging er in die Orientierungsstufe am Ostersteg, dann zur Hauptschule. Danach besuchte er die Berufsfachschule für Bau und Metall an der Blinke, erlernte später allerdings den Beruf des Restaurantfachmannes. Er habe als Jugendlicher immer viele Freunde gehabt – Migranten und Ostfriesen. „Bei denen habe ich gesehen, wie Deutsche leben. Das Abendbrot mit der Familie beispielsweise kannte ich nicht. Bei uns wurde gemeinsam gefrühstückt und zu Mittag gegessen. Abends gab es etwas zu essen, wenn man Hunger hatte.“
Mehrere Identitäten
Gefragt nach seiner Identität, antwortet Hisret Akan: „Ich bin Kurde, Yezide und Ostfriese.“ Man müsse sich anpassen an die Gepflogenheiten des Landes, in dem man lebe. „Verbiegen darf man sich aber nicht“, warnt er. Sonst verliere man sich selbst. Anders als er seien seine drei Kinder durch und durch Deutsche. „Die sind schon die nächste Generation“, sagt der Vater. Seine Wurzeln lägen in Südanatolien, zu Hause sei er in Ostrhauderfehn. „Hier haben meine Frau Semsihan und ich seit 2010 ein eigenes Restaurant. Alles ist gut“, sagt Hisret Akan.
Mihdi Acar war ein Jahr alt, als er mit seinen Eltern nach Leer kam. Als kleiner Junge besuchte er in den Kindergarten Rasselbande in der Moormerlandsiedlung. Dort lernte er, Deutsch zu sprechen. Nach Grundschule und OS ging es für ihn am Ubbo-Emmius-Gymnasium weiter. „Wir sind Yeziden. Ein Weihnachtsfest wie bei den Christen feiern wir nicht. Wir begehen im Dezember das Ida Ezi-Fest zu Ehren Gottes. Dazu gab es für uns Kinder immer Geschenke – so konnten wir in der Schule erzählen, auch etwas bekommen zu haben, erinnert sich Acar. Dafür und für vieles andere ist er seinen Eltern dankbar: „Wir hatten nie viel Geld. Dennoch haben unser Vater und unsere Mutter immer versucht, alles möglich zu machen.“
Eltern flohen ebenfalls
Die Eltern von Jalmaz Acar aus Leer sind ebenfalls aus der Türkei geflohen, weil sie dort als Kurden und Yeziden Angst um ihr Leben haben mussten. Sükri und Suad Acar kamen 1989 aus Nusaybin nach Leer. „Nicht, dass Sie meinen, Mihdi und ich sind verwandt. Wir haben nur den gleichen Nachnamen. Acar ist in der Türkei so verbreitet wie in Deutschland Müller, Meyer, Schulze“, erklärt Jalmaz Acar.
Seine Familie lebte früher in Neermoor und ist heute in Weener zu Hause. „Ich weiß nicht, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich in Berlin oder Duisburg aufgewachsen wäre. Ich kann aber sagen: Ostfriesland ist ein guter Ort, wenn man fremd ist und sich integrieren will. Die Menschen hier sind anderen gegenüber aufgeschlossen“, ist seine Erfahrung. Sein Vater habe eine Pizzeria in Weener gehabt. Die sei noch heute im Familienbesitz. Bis auf eine Schwester, die in Stuttgart einen Friseursalon habe, seien er und alle anderen Geschwister in der familieneigenen Gastronomie tätig, sat Jalmaz Acar. Er selbst sei zudem einer von drei Geschäftsführern einer Immobilienfirma, führe ein Restaurant in Leer, habe ein weiteres verpachtet. „Für mich läuft es gut“, sagt der Unternehmer.
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