Bildung
Familie aus Papenburg kämpft um eine Förderschule
Die sechsjährige Feemke-Sophie ist taubstumm. Ihre Eltern sehen sie an einer Förderschule Geistige Entwicklung (GE) am besten aufgehoben. Doch die gibt es im Emsland nicht.
Papenburg - Im Sommer 2022 wird Feemke-Sophie eingeschult. Ihre Eltern sehen die Sechsjährige an einer Förderschule Geistige Entwicklung (GE) am besten aufgehoben. Doch die gibt es im Emsland nicht. Feemke-Sophie ist ein aufgewecktes und fröhliches Kind. „Sie bereichert unser Familienleben ungemein“, sagen ihre Eltern Lena und Andreas Schulte aus Papenburg. Mit ihrer Zwillingsschwester Jule-Marie spielt und zofft sie sich so, wie es sich für Kinder in diesem Alter gehört. Und das, obwohl Feemke-Sophie von Geburt an mit einer Beeinträchtigung zu leben hat.
Die Zwillinge kamen zehn Wochen vor dem errechneten Geburtstermin auf die Welt. Schon während der Schwangerschaft äußerte der behandelnde Frauenarzt die Befürchtung, dass ein Kind mit schweren Behinderungen das Licht der Welt erblicken könnte. „Unserer Vorfreude auf die Kinder tat dies keinen Abbruch“, erinnert sich das Ehepaar, das insbesondere in schweren Zeiten wie diesen Kraft aus seinem Glauben schöpft.
„Ihr Kind wird taubstumm bleiben“
Nach einer Hirnblutung hat sich Feemke-Sophie nach Worten der Mutter „ins Leben kämpfen müssen“. Erste Auffälligkeiten ergaben dann die Hörtests nach der Geburt. „Ihr Kind wird taubstumm bleiben“, habe ein behandelnder Arzt den Eltern gesagt. „Den haben wir danach nie wieder aufgesucht“, teilt die Mutter mit. Tatsächlich ist ein Ohr beschädigt, das andere jedoch gesund.
In ihrer Entwicklung war Feemke-Sophie in den ersten Lebensjahren dennoch stark beeinträchtigt. Bis zum Sommer 2019. „Da bekam sie ihr Hörgerät und explodiert seitdem in ihrer Entwicklung“, teilt Vater Andreas nicht ohne Stolz mit. Besonders auf sprachlicher Ebene habe sie viel aufholen können. „Mittlerweile beteiligt sie sich sogar am Essenstisch an unseren Familiengeschichten.“ Doch trotz dieser Entwicklungssprünge macht sich Lena Schulte nichts vor. „Sie wird zwar viel aufholen können, aber immer ein Kind mit Förderbedarf bleiben.“ Die Eltern sind sich aber sicher, dass Feemke-Sophie bei einer entsprechenden Förderung ein normales Leben führen kann. „Es muss ihr nur die Möglichkeit gegeben werden.“
Wichtige Entscheidung steht an
Und an dieser Stelle stehen die Schultes vor einer wichtigen Entscheidung. Im kommenden Sommer verlässt Feemke-Sophie die Integrationsgruppe der Kindertagesstätte St. Michael. Die Schulpflicht ruft. „Bei ihr wurde der Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung festgestellt“, erklärt die Mutter. Da liegt es auf der Hand, dass das Mädchen dann auch eine entsprechende Förderschule besucht. Doch im Emsland ist das nicht möglich. Denn während es in umliegenden Landkreisen Förderschulen GE gibt, können Kinder im Emsland mit entsprechendem Förderbedarf eine der drei Tagesbildungsstätten in Papenburg (St. Lukas), Meppen (Jakob-Muth-Schule) oder Lingen (Mosaikschule) besuchen. „Da ist Feemke-Sophie aber unterfordert, während sie in einer normalen Grundschule überfordert sein wird“, erklärt der Vater. Eigentlich sei keine der beiden Alternativen eine Option.
Was fehlt, ist nach seinen Worten die Förderschule GE, die genau die große Lücke zwischen Tabi und einer Regelbeschulung im Rahmen der Inklusion ausfülle. Was der Tabi fehle, sei der Förderschwerpunkt Lernen, was auch mit der deutlich geringeren Anzahl an Förderschullehrern zusammenhänge.
Forderung nach Förderschule
Der Politik im Emsland ist die Forderung nach Einrichtung einer Förderschule GE nicht neu. Mehrfach hatte die SPD-Kreistagsfraktion in den vergangenen Jahren den Antrag auf Einrichtung eingebracht. Stets wurde er mit den Stimmen der CDU-Mehrheitsfraktion abgeschmettert, die ebenso wie die Kreisverwaltung keinen Bedarf sieht. „Ich würde mir wünschen, dass diejenigen, die dagegenstimmen, das Gespräch mit betroffenen Eltern suchen und dabei ein Einblick in unser Leben bekommen“, so Lena Schulte. Sie verstehe überhaupt nicht, was gegen eine Förderschule GE im Emsland spreche. „Den Tagesbildungsstätten – die eine hervorragende Arbeit leisten – wird nichts weggenommen.“ Dass beide Einrichtungen parallel funktionieren, zeigen nach Auffassung der ausgebildeten Heilerziehungspflegerin die umliegenden Landkreise.
Grundsätzlich können Eltern aus dem Emsland ihre Kinder bei einer Förderschule in einem der benachbarten Landkreise anmelden. Im Landkreis Leer war dies zu Beginn dieses Schuljahres aus Platzgründen allerdings nicht mehr möglich. Für Eltern aus dem nördlichen Emsland hat sich dadurch der Wunsch nach einer eigenen Förderschule GE nochmals verstärkt. Ihrem Anliegen Nachdruck verleihen betroffene Eltern mit einer Online-Petition, die Anfang Oktober angelaufen ist und bislang mehr als 1200 Unterzeichner (Stand 30. November) hat.
Hoffen auf denneuen Kreistag
„Wir wünschen uns nur, dass Feemke-Sophie eine reelle Chance bekommt, sich an einer Förderschule Geistige Entwicklung auszuprobieren“, stellt Lena Schulte fest. Dieses Wahlrecht gebe es für Eltern im Emsland derzeit nicht. Einige Mitstreiter haben nach Angaben der Schultes bereits resigniert. „So weit sind wir noch nicht. Wir setzen unsere Hoffnung auf den neuen Kreistag und auf unsere neue Bürgermeisterin Vanessa Gattung.“