Osnabrück

Großer Gott! Was uns ihre Musikauswahl über Angela Merkel verrät

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 01.12.2021 14:43 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kommt vor Schloss Bellevue zum Großen Zapfenstreich für Ex-Bundespräsident Chr. Wulff. Am 2. Dezember 2021 verabschiedet sich die Bundeswehr mit einem Großen Zapfenstreich von der geschäftsführenden Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Foto: Michael Hanschke/dpa Foto: Michael Hanschke
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kommt vor Schloss Bellevue zum Großen Zapfenstreich für Ex-Bundespräsident Chr. Wulff. Am 2. Dezember 2021 verabschiedet sich die Bundeswehr mit einem Großen Zapfenstreich von der geschäftsführenden Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Foto: Michael Hanschke/dpa Foto: Michael Hanschke
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Pragmatismus pur: Angela Merkel ist die Frau der Mitte. Oder doch nicht? Zum Abschied setzt die Bundeskanzlerin ein Zeichen. Was ihre Musikauswahl zum Großen Zapfenstreich bedeutet.

Die Raute, der Hosenanzug, die Scheitelfrisur: Angela Merkels Markenzeichen verdichten sich zu einer einzigen visuellen Signatur ihrer leitenden politischen Idee - der Mitte. Wer hat nicht über die Raute als Mantra der Macht gerätselt, den Hosenanzug als Dienstkleidung einer Pragmatikerin bespöttelt. Und erst Merkels Frisur! War die nicht erst in den letzten Jahren halbwegs akzeptabel? Angela Merkel gilt als verlässlich, bieder, beherrscht, bisweilen sehr deutsch. Doch jetzt gewinnt ihr Charakter unverhofftes Profil, ausgerechnet in der letzten Sekunde von 16 langen Regierungsjahren. Denn die Musikauswahl, die Merkel sich zu ihrem Abschied mit dem Großen Zapfenstreicht ausgesucht hat, die hat es in sich. Hier weiterlesen: „Mutti“ Merkel: Wie weiblich ist politische Macht wirklich?

Auch interessant: Rest der Republik: Merkel und der militaristische Mummenschanz

Lockerheit für das Zeremoniell

Nina Hagen, Hildegard Knef, dazu der Klassiker des Kirchenlieds - eine eigenwillige Mischung. Hat die Kanzlerin nicht immer ihre Gesichtszüge beherrscht, auch in den heftigsten politischen Turbulenzen? Einfach weggemerkelt, was sie störte, was sich nicht ändern ließ? Doch jetzt zeigt sie Kante. Soldaten im Fackelschein, den Karabiner geschultert: Der Zapfenstreich ist ein steifes Zeremoniell von zweifelhaftem Charme. Merkels Mucke lockert militärische Würde. Oberster Uniformknopf auf! Statt Stechschritt gibt es langsamen Walzertakt und Schlagerpersiflage.

Sinn für Selbstironie

Punkgöre Nina Hagen macht sich mit „Du hast den Farbfilm vergessen“ über spießige Ferienfreuden der DDR lustig, Diva Hildegard Knef feiert mit „Für mich soll´s rote Rosen regnen“ die Selbstverwirklichung der 68er. Und dazu gibt es mit „Großer Gott, wir loben dich“ grundsolides Gottvertrauen. Drei Titel, ein Leben; drei Musikstücke und ein Charakter, der seine Brüche und Sehnsüchte nicht versteckt. Merkels Amtsvorgänger Gerhard Schröder verabschiedete sich noch großspurig mit Frank Sinatras „I did it my way“, Karl-Theodor zu Guttenberg sagte als Verteidigungsminister mit den stumpf stampfenden Rhythmen von Deep Purples „Smoke on the water“ kein bisschen leise Servus. Angela Merkel stellt diese Herren in den Schatten - mit einem Sinn für Selbstironie, den ihr viele nicht zugetraut hätten.

Persiflage auf die DDR

Denn die damals 19 Jahre alte Nina Hagen machte sich mit dem Song „Du hast den Farbfilm vergessen“ über den grauen Alltag der DDR lustig. Hagen besingt eine junge Frau und das Malheur eines Urlaubs auf Hiddensee. Ihr Partner hat den Farbfilm nicht dabei. Jetzt wird ihnen niemand glauben, dass es im Urlaub so war, wie die Hagen später in „Ich glotz TV“ röhren würde: „Alles so schön bunt hier“. Die Persiflage gilt der kleinen Glückseligkeit des Schlagers wie dem normierten Leben in der DDR. Die 1954 in Hamburg geborene Merkel schaut auf ihr Leben auf der anderen Seite der Mauer zurück, ironisch und vielleicht auch mit leiser Wehmut.

Aufbruch mit Träumen

Mit Nina Hagen hat sich die Bundeskanzlerin für die Punkerin entschieden, mit Hildegard Knef für jene Diva, die sich ihre Freiheiten im Leben einfach nahm und dafür immer wieder angefeindet wurde. „Für mich soll´s rote Rosen regnen“ ist die Hymne der Selbstverwirklichung, publiziert 1968 zu einer Zeit, als Studentenrevolte und Willy Brandt und nicht die CDU das gesellschaftliche Klima prägten. Angela Merkel entscheidet sich für ein Chanson über ein Frauenleben vom Aufbruch mit den Träumen einer Sechszehnjährigen bis zur späten Weigerung der reifen Frau, sich Erwartungen und Rollenmustern zu fügen. So kontrolliert die Politikerin im Alltag auch wirken mochte, so freiheitsliebend und selbstbestimmt zeigt sie sich jetzt, auch wenn die Allüren einer Diva nie ihre Sache gewesen sind.

Merkel ermutigt die Frauen

Distanz halten, nicht einknicken, selbst denken und fühlen: Die Lieder von Nina Hagen und Hildegard Knef, die sich Angela Merkel ausgesucht hat, wirken wie ein Bekenntnis zu Freiheit und Ungebundenheit. Die scheidende Kanzlerin setzt damit ein Zeichen, das gesellschaftspolitisch gedeutet werden kann. Sie ermutigt gerade Frauen, den eigenen Weg zu gehen und sich dabei nicht beirren zu lassen. Angela Merkel zeigt sich als die Frau mit dem klaren Kompass, die den Nonkonformismus von Nina Hagen und Hildegard Knef ohne weiteres mit dem Kirchenchoral zusammenbringt.

Sie hinterlegt ihre Visitenkarte

„Großer Gott, wir loben dich“: Dieses Lied von 1771 singen Katholiken wie Protestanten gleichermaßen. Merkel zeichnet damit nicht nur die Kontur des „C“ im Namen ihrer politischen Partei markant nach, sie erweist auch ihrem Vater späte Referenz, der als evangelischer Pfarrer mit der Familie in die DDR ging. Sie verweist überhaupt auf kirchliche Bindung und Gottvertrauen - ein Statement in einer ganz und gar weltlichen Gesellschaft, in der die christlichen Konfessionen immer mehr an Boden verlieren. Ob die Musikauswahl, mit der Merkel nun ade sagt, mehr im allgemeinen Gedächtnis bleiben wird als ihr berühmter Hosenanzug? Das weiß keiner. Angela Merkel hinterlegt aber ihre Visitenkarte - in überraschend klarer Handschrift.

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