Kolumne: Alles Kultur
Für alle ein bisschen heller
Auf unserem Online-Auftritt veröffentlichen wir an sechs Tagen pro Woche eine Kolumne. Montags geht es um unsere Kultur.
Am Sonntag wurde die erste Kerze des jüdischen Chanukka-Festes und des christlichen Adventskranzes angezündet.
Bei Chanukka geht es um zwei Wunder: Einmal, dass eine Handvoll Menschen es vor 2185 Jahren geschafft hat, ihren heiligen jüdischen Tempel in Jerusalem vor der Hellenisierung zu bewahren. Das zweite Wunder geschah, indem diese dunklen Stunden durch ein Licht erhellt wurden, das länger brannte, als es eigentlich möglich war. Nach Anbruch der Dunkelheit wurde am Sonntag symbolisch die erste Kerze der Chanukkia, des achtflammigen Chanukka-Leuchters angezündet. In den nächsten Tagen jeweils eine weitere – es wird immer heller.
Zur Person
Annie Heger (38), geboren in Aurich und heute hauptsächlich in Berlin lebend, ist abgebrochene Religionslehrerin, abgebrochene Diätassistentin und geprüfte Heilpraktikerin für Psychotherapie, aber vor allem ist sie als Künstlerin bekannt. Sie singt, ist Schauspielerin und moderiert Shows, Festivals, Varietés und Galas. Außerdem ist sie Plattdeutsch-Aktivistin, unter anderem als Intendantin des „PLATTart“-Festivals.
So wie auch der Advent mit jeder Kerze auf dem Kranz auf dem Weg zum Weihnachtsfest heller wird. Mit jedem weiteren Kerzenlicht besinnen sich Christ*innen auf den hellen Stern von Bethlehem, mit dem Gott die Menschen aus dem Dunkeln führen möchte, damit sie an der Krippe das größte Licht finden: Jesus und sich selbst.
Sagt ehrlich, das mit dem Advent wussten die meisten, aber das mit Chanukka eher nicht, oder? Die Selbstverständlichkeit, überall im Alltag die eigene Kultur und Religion gerade zu den Feiertagen wiederzufinden, ist ein Privileg, dessen wir uns oft nicht bewusst sind. Ich behaupte sogar, dass sich viele dessen nie bewusst sind, weil es so selbstverständlich ist. In diesem Land herrscht christliche Dominanz: Ramadan letztes Jahr lieber verschieben, aber Weihnachten retten; das christliche Kreuz ist in diesem Land das Symbol für den Tod; alle andersglaubenden Menschen sollen sich bitte einfach mitgemeint fühlen. Das klingt für mich nicht nur nach christlicher Dominanz, sondern nach Ungleichbehandlung. Ich finde religiös motivierte Bräuche und Symbole im öffentlichen Raum gut, aber ich bitte Euch, unsere Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen.
Wichtig ist, dass wir alle momentan das Gefühl haben, unsere Zeit erhellen zu müssen. Lasst uns uns der Privilegien und Freiheiten bewusst werden, dann wird auch die Zeit, in der wir gerade sind, wieder ein bisschen heller. Für alle.
Kontakt: kolumne@zgo.de