Zeitzeugen-Geschichte
Leeraner Initiative steht für Toleranz und Akzeptanz
Ab 1961 kommen viele Türken als Arbeitskräfte nach Leer. 1980 wird die Türkisch-Deutsche Freundschaftsgesellschaft gegründet. Die Initiative eint Menschen unterschiedlicher Nationalitäten.
Leer - Wer mit Serhat Özdemir reden möchte, vereinbart am besten einen Termin. Einfach mal bei ihm vorbeischauen, das geht nicht. Der Mann hat viel zu tun, ständig klingelt das Telefon in seinem Büro. Das befindet sich in den Räumen der Türkisch-Deutschen Freundschaftsgesellschaft im Haus Nummer 40 in der Kirchstraße in Leer. Der 53-Jährige spricht mal kurdisch, mal türkisch. Je nachdem, wer was von ihm möchte, wechselt er auch zwischen Deutsch und Englisch. „Ein paar Sätze auf Persisch oder Arabisch bekomme ich ebenfalls hin. Zu uns kommen viele Menschen. Nationalitäten und Religionen spielen keine Rolle“, sagt er.
Serhat Özdemir arbeitet seit etwas mehr als einem Jahr als Migrationsberater für die Türkisch-Deutsche Freundschaftsgesellschaft. Die wurde im Herbst 1980 von seinem Vater Kazim zusammen mit anderen – Türken, Kurden und Deutschen – gegründet. Kazim Özdemir und Helmut Juniel übernahmen seinerzeit den Vorsitz des gleichnamigen Vereins. Im Vorstand wirkte damals unter anderem auch Osman Ular mit, der viele Jahre bei Olympia arbeitete. „Was mein Vater jahrelang ehrenamtlich gemacht hat, mache ich jetzt hauptberuflich“, erzählt Serhat Özdemir stolz.
Sozialarbeiter und Krisenmanager
Vor ihm war Friedhelm Loots aus Ostrhauderfehn als Migrationsberater für die Initiative tätig. Der hatte sich 34 Jahre lang um die Belange derjenigen gekümmert, die sich mit ihren Problemen an die Türkisch-Deutsche Freundschaftsgesellschaft gewandt hatten. „Das Land Niedersachsen erkennt die Notwendigkeit unserer Arbeit an. Es finanzierte schon Friedhelms Stelle und jetzt auch meine zu 90 Prozent. Die restlichen zehn Prozent übernehmen die Stadt und der Landkreis Leer“, so Özdemir.
Wenn er über seinen 2016 verstorbenen Vater spricht, tut er das voller Bewunderung. Der sei beliebt gewesen, bei Deutschen und Türken. Er habe vielen geholfen: bei der Wohnungssuche, bei Behördengängen, wenn Kinder Schwierigkeiten in der Schule hatten. „Mein Vater hat zugehört, erklärt, vermittelt. Er war Sozialarbeiter und Krisenmanager in einer Person“, sagt der Sohn.
Lehrer an der Ledaschule
Dabei hätte auch alles anders kommen können: Kazim Özdemir ist Internatsrektor in seiner Heimatstadt Siirt in Südanatolien, als er 1973 von der türkischen Regierung mit einem besonderen Auftrag nach Deutschland entsandt wird: Zum Bildungs-Attaché befördert, soll er dafür sorgen, dass die Kinder seiner Landsleute in der Fremde Türkischunterricht erhalten. Von Hannover aus macht er sich an die Arbeit, entwickelt Lehrpläne, koordiniert den Einsatz von Lehrkräften.
Türken und Leeraner ziehen an einem Strang Leer
Im Nachkriegsdeutschland boomt die Wirtschaft. Doch in den 1950er und 1960er Jahren fehlen Arbeitskräfte – in der Stahlindustrie, in den Autofabriken und auf den Werften. Deutschland schließt mit anderen Staaten Anwerbeabkommen, um ausländische Arbeitskräfte in die Bundesrepublik zu locken. Gedacht war, dass sie nur vorübergehend bleiben, schnell Geld verdienen und wieder gehen. Viele kehrten aber nicht in ihre Heimatländer zurück. Sie blieben, gründeten Familien oder holten diese nach und bauten sich hierzulande ein neues Leben auf. Mit der Türkei wurde der bilaterale Vertrag am 30. Oktober 1961 besiegelt. Das ist jetzt 60 Jahre her. Ähnliche Abkommen waren zuvor mit Italien (1955), Spanien und Griechenland (1960) vereinbart worden. 1963 kamen die ersten vier Türken nach Leer. 1965 lebten 250 Frauen (118) und Männer (132) aus der Türkei in der Ledastadt. Sie arbeiteten bei Olympia, in der Eisengießerei Boekhoff und auf der Jansen-Werft. Nicht allen fiel es leicht, in Leer Fuß zu fassen. Mangelnde Sprachkenntnisse und Wohnungsnot bereiteten Probleme. Um denen, die Unterstützung brauchten, zu helfen, wurde 1980 die Türkisch-Deutsche Freundschaftsgesellschaft gründet.
Als er 1977 Besuch von seiner Frau Hüsna und den damals drei kleinen Kindern Besuch bekommt, unternimmt die Familie eine Deutschlandtour. Danach soll es zurück in die Heimat gehen, für immer. Doch Hüsna Özdemir gefällt es in Deutschland so gut, dass sie bleiben will. Also schaut sich ihr Mann selbst nach einer Lehrerstelle um und zieht mit Frau und Kindern nach Leer. Dort arbeitet er fortan als Lehrer an der Ledaschule.
Die ersten Kurden stellten Asylanträge
Seinerzeit arbeiten bereits viele Türken in der Eisengießerei Boekhoff, beim Schreibmaschinenhersteller Olympia und auf der Jansen-Werft. Die meisten wollen nicht für immer bleiben, sie wollen schnell Geld verdienen und wieder heim. So sieht es auch das sogenannte Anwerbeabkommen vor, das im Oktober 1961 von der Türkei und von Deutschland geschlossen wurde, um türkische Arbeitskräfte unbürokratisch nach Almanya locken zu können.
Als Kazim Özdemir nach Leer zieht, spricht sich bei seinen Landsleuten schnell herum, dass er ihnen bei der Lösung von Problemen helfen kann. Unter den Ratsuchenden sind ab dem Herbst 1980, nachdem sich das Militär in der Türkei an die Macht geputscht hatte, auch zahlreiche Kurden. Sie sind nach Deutschland geflohen, um in der Heimat Unterdrückung und Verfolgung zu entgehen. In der Hoffnung auf ein besseres und freieres Leben beantragen sie Asyl. Viele Geflüchtete kommen nach Leer.
Sport, Sprachkurse und Hausaufgabenhilfe
„Sie hatten gehört, dass man sich hier um sie kümmert“, so Serhat Özdemir. Die Türkisch-Deutsche Freundschaftsgesellschaft ist ihre Anlaufstelle. Die hat Kinder- und Jugendgruppen. Man macht Musik, spielt Schach, treibt Sport. Fußball ist besonders angesagt. Die Erwachsenen engagieren sich in einer Folklore-Tanzgruppe und beteiligen sich an Friedens- und Stadtfesten. Zusammen mit der Volkshochschule werden unter anderem Sprachkurse angeboten. Schüler erhalten eine Hausaufgabenhilfe. Mit Informationsveranstaltungen wirbt der Verein für Toleranz und Akzeptanz in der Bevölkerung. „Das gelingt gut“, sagt Serhat Özdemir.
Eine Ausnahme bildet jedoch die ältere Generation von Türken, die bereits in den 1960er Jahren zum Arbeiten nach Ostfriesland gekommen ist. Sie verurteilen die freizügigere und demokratische Denkweise, die die Mitglieder der Türkisch-Deutschen Freundschaftsgesellschaft pflegen und leben. „Wer gewerkschaftlich organisiert ist, ist für die ein Kommunist“, so Migrationsberater Özdemir. Er schmunzelt.
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