Diepholz
So geht ZF mit den Standorten am Dümmer in die Zukunft
Nicht nur die Corona-Pandemie, auch die Kosten am Produktionsstandort Deutschland und der Chipmangel hinterlassen bei ZF am Dümmer Spuren. So will der Multidivision-Standort in die Zukunft gehen.
Der Automobilzulieferer ZF gehört zu den größten der Welt. Einen großen Anteil am Erfolg des Konzerns insgesamt hat auch die Division Pkw-Fahrwerktechnik, die vom Dümmer aus gesteuert wird. Sie trägt rund ein Fünftel zum Umsatz von zuletzt rund 6,7 Milliarden Euro des Gesamtkonzerns bei. Doch auch an ihr gehen der Wandel der Branche, die Corona-Pandemie und der aktuelle Chipmangel nicht spurlos vorbei. Nachdem bereits angekündigt wurde, dass das Werk in Damme aufgegeben wird, da der Mietvertrag 2023 ausläuft, steht nun fest, wie die ZF-Division mit ihren rund 50 Standorten weltweit in die Zukunft gehen wird.
Nicht jedes ZF-Werk der Division in Deutschland hat eine Zukunft
Dabei gibt es gute und schlechte Nachrichten. Zu letzteren gehört: Langfristig werden nicht alle deutschen Standorte der Division erhalten bleiben können, sagt Divisionschef Peter Holdmann. „Wir geben den Standort Deutschland nicht auf. ZF investiert sogar weiter überproportional in Deutschland“, betont er. Der Zielbildprozess laufe auch für die meisten Standorte sehr positiv, dennoch werde nicht jedes Werk in Deutschland gehalten werden können. „Das trifft gerade auch die Fahrwerkdivision. Für zwei Werke haben wir bisher kein Zielbild gefunden,“, so Holdmann. Eine gute Nachricht für die Region: Die Dümmer-Werke, die zurzeit rund 3200 Mitarbeiter beschäftigen, sind nicht betroffen.
Dennoch sollen auch dort in den kommenden Jahren Mitarbeiter abgebaut werden. Allerdings nicht durch betriebsbedingte Kündigungen, darauf haben sich Arbeitnehmervertreter und die Standortleitung geeinigt. Nachdem Ende vergangenen Jahres ein Freiwilligenprogramm von rund 60 Prozent der in Frage kommenden Mitarbeitern angenommen wurde, soll es nun ein weiteres Sonderprogramm mit Angeboten zu Altersteilzeit und Aufhebungsverträgen geben. Darüber hinaus und insbesondere, wenn sich nicht genug Mitarbeiter finden, die das Angebot annehmen wollen, besteht die Möglichkeit, eine tarifliche Kurzarbeit einzuführen. Dafür wird das Unternehmen bis Ende 2026 auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten.
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Produktion am Standort Deutschland ist teuer
Es gibt mehrere Gründe, die laut Divisionschef Holdmann diesen Schritt nötig machen. Dazu zählt: Der Produktionsstandort ist teuer, nicht alle Produkte sind in Deutschland wettbewerbsfähig zu produzieren. „Wir haben in Deutschland die höchsten Lohnkosten und höchsten Energiekosten. Wie soll das gehen? Wir haben Wettbewerber, die seit Jahren im Ausland fertigen. Gerade im Fahrwerkbereich sind viele Produkte leider austauschbar“, macht Holdmann das Dilemma deutlich.
Dabei betont er: „Wir in der ZF-Division Pkw-Fahrwerktechnik sind keine Transformationsopfer. Es gibt gewisse Anforderungen aus der E-Mobilität, die uns sogar in die Karten spielen.“ Ein Beispiel: Der Anteil von Hinterradlenkungen werde steigen. Diese produziert die ZF-Division jedoch nicht am Dümmer, sondern in der Südsteiermark. „In Deutschland wäre die Produktion nicht profitabel“, so Holdmann.
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Kunststofffertigung am Dümmer bündeln
Dennoch hat auch der Dümmer Zukunft. Dort wird, so die Pläne von ZF, künftig die Kunststofffertigung konsolidiert. „Wir haben einige neue Produkte in diesem Bereich. Und die Fertigung ist hochautomatisiert“, sagt Holdmann. Zwischen 50 und 70 Mitarbeitern wird dieser Bereich künftig den Job sichern.
Aktuell arbeiten in der Halle in Diepholz, in die die Produktion einziehen wird, allerdings zwischen 160 und 170 Mitarbeiter. Sie fertigen sogenannte Shifter. Der Bereich gehört zu einer Produktlinie, die ZF verkaufen will. „Der Prozess läuft“, sagt Holdmann über den Verkauf des Bereichs, der nicht zu seiner Division gehört. Unabhängig davon werde die Halle jedoch langfristig leer werden - denn die Shifter gehören zu den Produkten, die in Elektro-Fahrzeugen nicht mehr benötigt werden.
Auf das kommende Jahr schaut Peter Holdmann verhalten optimistisch. „Ich gehe nicht davon aus, dass der Chipmangel ausgestanden ist. Aber ich erwarte keine Situation, wie wir sie im September und Oktober dieses Jahres erlebt haben.“ Die Bestellungen der Kunden liefen Holdmann zufolge noch erratischer als im Corona-Jahr 2020. Anders als damals habe ZF jedoch nicht seinerseits die Materialbestellungen bei ihren Lieferanten auf Null fahren könne. Das bedeute derzeit eine Cash-Belastung, die so nicht geplant gewesen und auch nicht zu bewältigen sei.
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Kompetenz für Cubix am Dümmer ansiedeln
Die Division Pkw-Fahrwerktechnik, deren Werke in Deutschland vor allem für den deutschen und europäischen Markt fertigen sind besonders betroffen. „Wir haben Werke, die in ihrer Produktion bis zu 30 Prozent unter dem Vorjahr und der Planung für 2021 liegen. Seit Ende September haben wir Mitarbeiter am Multidivisionsstandort teilweise wieder in Kurzarbeit schicken müssen“, sagt Holdmann.
Auch langfristig gebe es kein Wachstum der Branche in Europa. Entsprechend lägen die Potenziale für ZF vor allem in China und Südostasien. „Dennoch investieren wir in Deutschland“, betont Holdmann.
Unter anderem am Dümmer. So wird die Kompetenz für die Software Cubix, die ZF auch in diesem Jahr auf der IAA vorgestellt hat, langfristig am Dümmer angesiedelt. Zusätzlich werde in die Entwicklung investiert - und in dem Bereich Arbeitsplätze geschaffen. Mit bis zu 60 neuen Jobs rechnet Holdmann.