Münster

„Francoise Gilot war die einzige Frau, die Pablo Picasso trotzte“

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 23.11.2021 16:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Malerin und Schriftstellerin Francoise Gilot steht in den Kunstsammlungen Chemnitz vor ihrem Bild «Night Sky» aus dem Jahre 1999. Gilot war Picassos Muse, Geliebte und die einzige Frau, die dem Giganten des 20. Jahrhunderts den Laufpass gegeben hat. Foto: Wolfgang Thieme/dpa Foto: Wolfgang Thieme
Malerin und Schriftstellerin Francoise Gilot steht in den Kunstsammlungen Chemnitz vor ihrem Bild «Night Sky» aus dem Jahre 1999. Gilot war Picassos Muse, Geliebte und die einzige Frau, die dem Giganten des 20. Jahrhunderts den Laufpass gegeben hat. Foto: Wolfgang Thieme/dpa Foto: Wolfgang Thieme
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Sie war die Frau, die Nein sagte: Françoise Gilot hat Pablo Picasso verlassen - als einzige seiner Frauen. Picasso-Experte Markus Müller erklärt, was das für die Emanzipation der Frau bedeutet.

Sie gilt als Galionsfigur der Emanzipation: Françoise Gilot. Als einzige der Frauen Picassos sagte sie sich von dem Jahrhundertgenie los und startete ihre eigene Karriere als Künstlerin. Am 26. November 2021 wird Gilot 100 Jahre alt. Markus Müller, Direktor des Kunstmuseums Pablo Picasso in Münster, erklärt die schwierigen Beziehungsgeflechte Picassos und was das Leben von Françoise Gilot einzigartig macht. Hier weiterlesen: Wie kamen die Bilder Picassos nach Münster? Markus Müller gibt Auskunft.

Françoise Gilot - ist sie die einzige Frau Picassos, die Pablo Picasso überlebt hat?

Es gibt mehrere Frauen, die Picasso an Jahren überlebt haben wie Marie-Thérèse Walther oder Jacqueline Roque. Hier weiterlesen: Planet Picasso - der Jahrhundertkünstler und die Frauen.

Aber Françoise Gilot ist doch die einzige Frau, die die Beziehung zu und mit Picasso lebensgeschichtlich überstanden hat, nicht?

Absolut. Das ist ihr Alleinstellungsmerkmal. Sie war die Frau, die Nein sagte, die einzige, die Picasso trotze. Sie ist die Galionsfigur einer selbstbestimmten Weiblichkeit geworden. Darin ist sie singulär.

Wie erging es den anderen Frauen Picassos?

Die Choreographie der Beziehungen ist in aller Regel durch Picasso bestimmt worden. Er verließ seine Frauen, wie jemand, der eben Zigaretten holen geht. Seine Partnerinnen befanden sich in einer emotionalen und auch materiellen Abhängigkeit von ihm. Er hat sie durch Werke alimentiert. Françoise Gilot ist die einzige dieser Frauen, die sich aus diesem Beziehungsgeflecht herauswinden konnte. Hier weiterlesen: Schatzhaus für Picasso - das Picasso-Museum in Münster.

Wann hat sie ihn verlassen?

Gilot hat Picasso 1953 nach einer zehn Jahre andauernden Beziehung verlassen. Sie ist im Folgejahr noch einmal mit den Kindern für die Sommerferien zu ihm zurückgekehrt.

Waren sie verheiratet?

Nein, das wäre auch nicht gegangen. Picasso konnte nicht neu heiraten, weil seine Ehefrau Olga sich geweigert hat, einer Scheidung zuzustimmen. Deshalb konnte Picasso auch erst nach ihrem Tod sich wieder verheiraten. Seine zweite Ehefrau war Jacqueline Roque. Hier weiterlesen: Planet Picasso - der Jahrhundertkünstler.

Was hat bei Françoise Gilot zu der Trennung geführt?

Es war ihr freier Entschluss. Es scheint so, dass sich das Verhältnis der beiden schon gegen Ende der vierziger Jahren merklich abgekühlt hat. Es gibt das Porträt Françoises, das kurz nach der Geburt des zweiten Kindes Paloma entstanden ist. Picasso kommentiert es mit den Worten, sie sehe darauf aus wie ein leidender Christus. Picasso gab ihr zu verstehen, dass er sich für eine solche Frau nicht mehr interessiere. Auf diesem Porträt sieht Gilot verhärmt aus, nicht mehr wie die Madonna, die sie vorher war. In diesem Kontext prägt Picasso den von Françoise Gilot kolportierten Ausspruch, es gebe zwei Kategorien von Frauen - Madonnen und Fußabtretematten. Françoise muss die Verwandlung von der ersten Kategorie in die zweite erleben. Anfang der fünfziger Jahre fing er an, sie mit anderen Frauen zu betrügen.

War Pablo Picasso überhaupt beziehungsfähig?

Wohl eher nicht. Das erkannte auch schon klarsichtig Picassos Mutter. Sie warnt dessen erste Ehefrau Olga, eine Beziehung mit ihrem Sohn einzugehen. Die Mutter wusste, wie Picasso tickte. Sie sagte zu Olga Chochlowa: „Du armes Mädchen, Du weißt nicht worauf Du Dich einlässt. Wenn ich ein Freund wäre, würde ich Dich bitten, es unter keinen Umständen zu tun. Ich glaube nicht, dass irgendeine Frau mit meinem Sohn glücklich werden könnte. Er ist nur für sich da, nicht für anderen.“ Wirklich beziehungsfähig war Picasso nicht, auch wenn die letzten 20 Jahre an der Seite seiner zweiten Frau Jacqueline Roque das Gegenteil zu beweisen scheinen. Es gibt auch den altersmilden, sanfteren Picasso, was vielleicht damit zusammenhing, dass seine Libido im Alter reduziert ist. Die zweite Ehefrau hält eher die Zügel in der Hand.

War die Trennung von Picasso ein kleiner Schritt von Françoise Gilot, aber ein großer Schritt für die Emanzipation der Frau?

Ja, sicher. Je unsympathischer und düsterer das Psychogramm von Picasso gezeichnet wird, umso größer ist die Lichtaureole, die Françoise Gilot umgibt. Man sollte sie aber auch nicht glorifizieren. Sie lebt mit Picasso ein singuläres Schicksal. Es ist eine außergewöhnliche Situation, mit einem Ausnahmekünstler liiert zu sein. Man sollte daraus kein Beispiel für andere ableiten. Sie sagte im Interview später, sie habe gewusst, dass die Beziehung zu Picasso eine Katastrophe werden würde, aber eine Katastrophe, die sich lohnen würde, zu leben.

Aber Picasso hatte seine Abgründe, nicht?

Ja, und Françoise Gilot wusste das. Ich spreche von ihr als der Frau, die Blaubarts Geheimnis kannte. In dem Märchen von Charles Perrault geht es um einen König, der seinen Frauen sagt, dass sie ein bestimmtes Zimmer nicht betreten dürfen. Er gibt ihnen den Schlüssel, sagt aber, dass sie den Raum nicht betreten dürfen. Die Neuvermählte hält sich nicht an dieses Gebot, betritt den Raum und findet die Leichen ihrer Vorgängerinnen. Françoise Gilot wusste, dass sie sich mit König Blaubart einließ. Sie ging nicht naiv in diese Beziehung. Die Frage ist, inwieweit sie ein kalkuliertes Risiko einging. Es ist die Tragik ihres Lebens, dass sie als Muse Picassos berühmt wird, aber selbst als Künstlerin berühmt werden möchte.

Hat sie diese Situation denn reflektiert?

Ja, es ist die Frage, ob sie sich während ihrer Jahre mit Picasso fortlaufend Notizen gemacht hat. Der Co-Autor ihres Buches „Leben mit Picasso“, Carlton Lake, schreibt, dass sie dies getan habe. Gilot selbst hingegen beteuerte immer wieder, dass sie nie die Absicht gehabt habe, Memoiren zu schreiben. Ein wenig wirkt es aber so. Sie hat Picasso geliebt. Die Beziehung war jedenfalls intensiver als die mit ihrem späteren Ehemann, dem Mediziner Jonas Salk, dem Erfinder des Polio-Impfstoffes.

Ist denn ihr Erinnerungsbuch das wichtigste Buch, das über Picasso geschrieben worden ist?

Das Buch kommt 1964 heraus, zehn Jahre, nachdem sie Picasso verlassen hat. In dem Buch finden sich seitenlange Dialoge und Monologe Picassos über seine Kunst. Kenner Picassos sagen, dass der Künstler so nie gesprochen habe. Die Darstellung ist geschönt. Als Quelle der Aussagen Picassos ist das Buch mit Vorsicht zu genießen. Das Buch ist gleichwohl wichtig, weil es die Genese von Bildern beschreibt und sein Beziehungsgeflecht darstellt. Das gilt ebenso für die Psyche Picassos.

Das Buch war aber sofort umstritten, nicht?

Ja, es erschien schnell in vielen Übersetzungen. Picasso ging durch alle Instanzen, um das Erscheinen des Buches zu verhindern. Er bekam dabei Rückendeckung von der kommunistischen Partei, die in der Zeitschrift Lettres Françaises eine Petition erscheinen lässt, die von vielen Künstlern und Intellektuellen unterzeichnet wird, auch von Pierre Soulages und Joan Miró. Die Aussage ist, dass ein Buch verhindert werden muss, dass geeignet ist, den Mythos Picasso zu beschmutzen. Verrat an Picasso: Dieses Image haftet Françoise Gilot in Frankreich bis heute an.

Ist denn Gilot nicht eine wichtige Initialfigur für die Wiederentdeckung von Künstlerinnen, die man zuvor immer nur als Partnerinnen großer Künstler wahrgenommen hat?

Ja, unbedingt. Zu denen gehören zum Beispiel Sophie Taeuber-Arp und Sonia Delaunay. Im besten Fall gehören diese Kombinationen zu den schöpferischen Paaren, im schlechten Fall werden sie zum Duo infernale. Letzteres traf auf Picasso und Françoise Gilot zu.

War Gilot schon zu Picassos Zeiten eine Künstlerin?

Sie ist Tochter eines Unternehmers gewesen. Ihre Mutter hatte künstlerische Ambitionen. Gilot studierte Jura und studierte an den freien Kunstakademien in Paris. 1943 lernte sie Picasso kennen. Böse Zungen behaupten, dass Françoise Gilot bewusst den Zufall gesucht habe, Picasso in dem Café Le Catalan kennenzulernen. Das glaube ich aber nicht. Als Schülerin sammelte sie schon Fotos von Picasso und war sicher glücklich, eine lebende Legende getroffen zu haben. Sie hatte Ambitionen als Künstlerin. Allerdings verhielt es sich in ihren Jahren mit Picasso so, wie es der Ausspruch von Auguste Rodin sagt: Nichts gedeiht im Schatten großer Bäume. Das hätte Gilot wissen können.

Aber später hat sie sich als Künstlerin entwickelt.

Ja, sie wird auch ernst genommen. Allerdings sagt man von ihr auch immer, sie sei die ehemalige Muse Picassos. Sie hat heute einen eigenen Kurator und finanziert aufwendige Publikationen zu ihrem Werk. Ihre Arbeiten werden gerade jetzt in Saint-Remy de Provence unter dem Titel „Les Années françaises“ ausgestellt. In vielem folgen diese Werke Picasso. Sie ist allerdings nicht in seinem Schatten verkümmert. Als Malerin hat sie mehrere große Vorbilder, vor allem Henri Matisse. Sie ist weniger eine große Zeichnerin als eine große Farbkünstlerin. Sie hat sich von Picasso nicht erdrücken lassen.

Wie ist ihr persönlicher Eindruck von Françoise Gilot?

Ich bin ihr zweimal begegnet, einmal in Paris bei einer Vernissage mit anschließendem Diner und einmal im Büro ihres Sohnes Claude. Sie ist sehr selbstbewusst und souverän. Claude zum Beispiel wird in dem Moment, in dem seine Mutter den Raum betritt, wieder zum Kind. Die Fotos zeigen nur vermeintlich eine fragile Person. In Wirklichkeit ist sie sehr imposant.

Der Machismo Picassos, die Frau, die sich von ihm emanzipiert - ist das bis heute eine Konstellation von Mann und Frau, die kritisch befragt werden kann?

Nein, nicht wirklich, weil die Konstellation der beiden sehr speziell war. Dieses Verhältnis entspricht nicht den alltäglichen Lebensverhältnissen der Vielen. Gleichwohl ist Gilot eine Lichtgestalt für alle, die nach der selbstbewussten Frau suchen. Ein Picasso-Forscher hatte erst vor Monaten mit Gilot in New York telefoniert. Nach seiner Aussage sagte Françoise Gilot, sie habe Paris unter deutscher Besatzung überlebt und sie werde nun auch New York unter Corona überleben. Das zeigt, welche Persönlichkeit sie ist.

Hat Picasso seine Frauen dominiert oder waren sie nicht auch für ihn ein unerlässlicher Beziehungskosmos?

In der Regel war Picasso dominant. Er hat als Schöpfer von seinen Musen profitiert. Es gibt diese Dialektik zwischen Werk und Leben. Durch viele Äußerungen Picassos und seiner Freunde wissen wir, dass er auch eine Genugtuung daran verspürte, dass Frauen, die er verlassen hatte, ohne ihn kaum lebensfähig waren. Er ging mit Jean Cocteau durch eine Pariser Straße und sagte: Hier wohnt Dora Maar, die sich zu Tode langweilt. Es war typisch für ihn, den Frauen zu zeigen, dass sie alles durch ihn und nichts ohne ihn waren. Seine letzte Frau nennt ihn die Sonne. Er ist der Sonnenkönig, der strahlt. Man bekam seine Strahlen ab, solange man zu seinen Favoriten gehörte.

Lesetipp: Das Buch „Picasso. Seine Frauen. Eine Hommage“ von Marilyn McCully und Markus Müller wird im März 2022 im Hirmer Verlag München erscheinen.

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