Verbrauchertipp

Plastikfrei einkaufen: Geht das überhaupt?

Christine Schneider-Berents
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Von Christine Schneider-Berents
| 21.11.2021 16:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ein Einkaufskorb voll mit Lebensmitteln und anderen Dingen für den täglichen Bedarf, die gar nicht oder zumindest kunststofffrei verpackt sind. Foto: Ortgies
Ein Einkaufskorb voll mit Lebensmitteln und anderen Dingen für den täglichen Bedarf, die gar nicht oder zumindest kunststofffrei verpackt sind. Foto: Ortgies
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Wer konsequent Waren und Lebensmittel ohne Plastikverpackung einkaufen will, muss umdenken, von Gewohnheiten Abschied nehmen und verzichten können. Warum das so ist, beantwortet ein Selbstversuch.

Ostrhauderfehn - Jeden Donnerstagmorgen, wenn ich den gelben Sack mit dem Verpackungsmüll zur Abholung an die Straße stellte, denke ich: Verflixt noch mal, schon wieder so viel Plastikkram. Und ich frage mich: Wo kommt all das Zeug her, und wie lässt es sich vermeiden? Auf der Suche nach einer Antwort starte ich deshalb mit dem wöchentlichen Einkauf für den Haushalt einen Selbstversuch und lande schon nach wenigen Metern im Supermarkt auf dem harten Boden der Tatsachen – vor dem Keksregal.

Dreifach verpackt: Diese Kekse stecken in einer Kunststoffschale, die von einer Alufolie ummantelt ist. Die äußere Verpackung besteht aus Karton. Foto: Ortgies
Dreifach verpackt: Diese Kekse stecken in einer Kunststoffschale, die von einer Alufolie ummantelt ist. Die äußere Verpackung besteht aus Karton. Foto: Ortgies
Ich liebe Kekse. Davon hat der Supermarkt meiner Wahl in Ostrhauderfehn, dem Dorf, in dem ich lebe, ein großes Angebot. Leider ist ausnahmslos alles in Kunststoff eingeschweißt und damit ab jetzt für mich tabu. Gleiches gilt für Chips, für Süßigkeiten und für all die Leckereien, die es vor Weihnachten zu kaufen gibt: Lebkuchenherzen, Stollen-Konfekt, Spekulatius, Dominosteine, Zimtsterne, Butterplätzchen. Nichts davon darf mehr in meinen – aus Weideästen geflochtenen – Einkaufskorb. Es ist deprimierend.

Weniger Müll zum Schutz der Umwelt

Ich stelle fest: Wer Plastikmüll zum Schutz der Umwelt minimieren oder ganz abschaffen will, muss verzichten können. Der sollte alte und bequeme Gewohnheiten über Bord schmeißen, seine Ansprüche überdenken und – die Kekse und den Stollen selbst backen. Für fast alle anderen Dinge des täglichen Bedarfs gibt es Alternativen zu den in Folien verpackten Waren und Lebensmitteln: Obst, Gemüse und Nüsse kann man auf Wochenmärkten und in vielen Läden lose kaufen. Wer die Tomaten, den Blumenkohl und die Äpfel im Supermarkt nicht unverpackt aufs Laufband an der Kasse legen möchte, steckt sie vorher in ein Stoffsäckchen. Das kauft man einmal und benutzt es immer wieder.

Milch, Sahne, Öl und Essig sind in Flaschen erhältlich, ebenso Wasser und Säfte. Mehl, Zucker, Gewürze, Haferflocken sowie Butter und Camembert sind in Papier verpackt. Marmeladen und andere Brotaufstriche gibt es im Glas, ebenso Joghurt und Erdbeergrütze zum Nachtisch. Schwieriger wird es bei Pizzen und anderen Fertiggerichten aus der Gefriertruhe sowie Fisch. Viele dieser Produkte sind in Kunststoff eingeschweißt, nur wenige in Pappkartons verpackt. Wer aber nach denen sucht, wird in den Truhen fündig.

Einiges wird gestrichen

Herkömmliche Zahnbürsten werden in einer Verpackung aus Plastik und dünner Pappe angeboten. Bambuszahnbürsten aus nachwachsenden Rohstoffen stecken in einer recycelbaren Pappschachtel. Foto: Ortgies
Herkömmliche Zahnbürsten werden in einer Verpackung aus Plastik und dünner Pappe angeboten. Bambuszahnbürsten aus nachwachsenden Rohstoffen stecken in einer recycelbaren Pappschachtel. Foto: Ortgies
Das gilt übrigens auch für Haarshampoo, Duschgel, Deo und Zahlpasta. Die gibt es als feste Seifen, Cremes und in Tablettenform. Selbst Toilettenpapier ist in einer Papierverpackung erhältlich. Meistens findet man diese Produkte ganz unten im Regal eines Ladens oder irgendwo versteckt platziert zwischen dem handelsüblichen Sortiment an Pflege- und Hygieneartikeln in Kunststoffflaschen, Kunststofftuben und Kunststoffdöschen.

Bei einigen Dingen denke ich darüber nach, sie komplett von meiner Einkaufsliste zu streichen. Nudeln, Reis und Müsli, trockene Linsen und Erbsen kann ich an meinem Wohnort nicht ohne Plastikumhüllung kaufen. Dafür müsste ich ins Nachbardorf zum Bioladen fahren oder nach Leer. In der Stadt gibt es ebenfalls Bioläden, aber auch einen Unverpackt-Laden und mindestens zwei Einkaufszentren, die ihr Angebot an Waren ohne Folienverpackung vergrößert haben.

Blicke anderer Kunden ignorieren

Überhaupt kein Problem ist – anders, als man das wegen strenger Hygienevorschriften erwarten könnte – der Einkauf von Fleisch, Wurst, Frisch- und Schnittkäse sowie Fleischsalat. Das bekomme ich beispielsweise auf den Dorf beim Fleischer meines Vertrauens, einem alteingesessenen Handwerksbetrieb. Dafür muss ich ihm nur die von mir mitgebrachten und immer wieder verwertbaren Behältnisse aus Kunststoff auf den Tresen stellen, sodass er diese befüllen und nicht anfassen muss. So lässt es sich vermeiden, dass Keime übertragen werden.

In vielen Fleischereien kann man Aufschnitt, Käse und beispielsweise Fleischsalat in mitgebrachte Behälter füllen lassen. Brot kann man im Stück in einer Jutetasche nach Hause tragen und in einem Brottopf frisch halten. Foto: Ortgies
In vielen Fleischereien kann man Aufschnitt, Käse und beispielsweise Fleischsalat in mitgebrachte Behälter füllen lassen. Brot kann man im Stück in einer Jutetasche nach Hause tragen und in einem Brottopf frisch halten. Foto: Ortgies
Für den Fleischer und dessen Team bedeutet mein Einkaufsverhalten mehr Arbeit. Es ginge schneller, sie könnten die Wurst in Folie einwickeln. Dennoch unterstützen sie das Bemühen, weniger Plastikmüll zu erzeugen. Da stört es mich nicht, dass mich manch anderer Kunde mit einem geringschätzigen Blick straft. Beim Bäcker meines Vertrauens sind mir bisher keine Kunden begegnet, die ich mit meinem Einkaufverhalten nerve. Das wundert mich nicht, denn mein Brot wird nicht geschnitten. Es wandert im Stück in eine mitgebrachte Jutetasche. Das spart Zeit – fürs Schneiden und fürs Verpacken in eine Plastiktüte.

Mein Fazit nach dem Selbstversuch: Man kann Lebensmittel und andere Waren für den täglichen Bedarf ohne Plastikverpackung kaufen. Es gibt sie in großen Mengen. Nach manchen Dingen, wie die Zahnputztabletten muss man suchen. Das alles ist kein Problem – jedenfalls nicht für mich und unseren Zweipersonenhaushalt. Außerdem hat nicht jeder ein Auto, um von Dorf zu Dorf oder in die nächste Stadt zu fahren, nur um beispielsweise an unverpackte Nudeln zu gelangen. Außerdem sind plastikfrei verpackte Produkte manchmal teurer als andere. So kosten beispielsweise vier Rollen Toilettenpapier in Papier verpackt 2.75 Euro; das Familienpaket mit zehn Rollen in Plastik gehüllt kostet 3,25 Euro – ist also ungefähr halb so teuer. Und was meine Liebe zu den Keksen angeht: Es ist aus mit uns.

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