Gesundheitsversorgung

Ostfriesland: Rettungsdienst-Engpässe durch Klinik-Engpässe

Andreas Ellinger
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Von Andreas Ellinger
| 19.11.2021 20:49 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Im Ivena-Portal können Rettungskräfte nachschauen, in welche Krankenhäuser sie ihre Patienten bringen können. In der Nacht zum Freitag gab es im Bezirk der Kooperativen Regionalleitstelle Ostfriesland nur eine Internistische Intensivstation, die für eine stationäre Versorgung aufnahmebereit war – die des Leeraner Borromäus-Hospitals. Screenshot: OZ
Im Ivena-Portal können Rettungskräfte nachschauen, in welche Krankenhäuser sie ihre Patienten bringen können. In der Nacht zum Freitag gab es im Bezirk der Kooperativen Regionalleitstelle Ostfriesland nur eine Internistische Intensivstation, die für eine stationäre Versorgung aufnahmebereit war – die des Leeraner Borromäus-Hospitals. Screenshot: OZ
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Wenn ostfriesische Krankenhäuser zu wenig Aufnahme-Kapazitäten für Patienten haben, kostet das die Rettungsdienste zusätzliche Kapazitäten. Was sind die Ursachen der Problematik?

Ostfriesland/Hannover - Wenn die Krankenhäuser einer Region einen Fachbereich wie die Internistische Intensivstation abgemeldet haben, müssen Rettungsdienste schauen, welches die nächstliegende Klinik in einer Nachbarregion ist, die in diesem Bereich noch Kapazitäten frei hat. In Ostfriesland wirken sich solche Defizite in der medizinischen Versorgung verschärft aus. Im Norden gibt es keine Nachbarn mit Krankenhäusern, sondern nur die Nordsee. Im Westen grenzen die Außenems und die Niederlande an.

Auf dieses Problem der „Randlage“ verweist Tomke Albers, der Leiter der „Kooperativen Regionalleitstelle Ostfriesland“ – der Rettungsleitstelle für die Landkreise Leer, Aurich und Wittmund. Das verlängere teilweise die Einsatzzeiten der Rettungsdienste, sagt er – weil weitere Wege zum nächsten aufnahmebereiten Krankenhaus zurückgelegt werden müssten. Aus dem Auricher Bereich zum Beispiel müsse teilweise nach Varel, Westerstede oder Oldenburg gefahren werden. Dadurch dauere es länger, bis Fahrzeug und Personal für den nächsten Einsatz bereitstünden. In solchen Situationen müsse mitunter ein anderer Wagen zwischen zwei Rettungswachen postiert werden, um die Hilfsfrist von 15 Minuten möglichst einhalten zu können.

Lebensbedrohliche Notfälle sind Ausnahmefälle

Bei der Einsatzbereitschaft der Kliniken muss offenbar zwischen lebensbedrohlichen Notfällen und anderen Patienten unterschieden werden. Das geht unter anderem aus der Antwort der Auricher Kreisverwaltung hervor. Nach dem Niedersächsischen Krankenhausgesetz müssten Kliniken, mit denen eine Notfallversorgung sozialversicherungsrechtlich vereinbart sei, sicherstellen, „dass sie zur Notfallversorgung von lebensbedrohlich Verletzten und Erkrankten in der Lage sind“.

Tomke Albers berichtet, dass Rettungskräfte immer wieder im Sinne eines Patienten abwägen müssten, was besser ist – ihn in die Notaufnahme einer vollen Klinik zu fahren und Wartezeit in Kauf zu nehmen? Oder ihn 20 Minuten länger zu transportieren, zu einem aufnahmebereiten Haus?

Die Gründe für abgemeldete Klinik-Fachbereiche

Unsere Zeitung hat Anfragen an Rettungsdienste in den Landkreisen Aurich, Leer und Wittmund sowie in der Stadt Emden gerichtet – außerdem an die Rettungsleitstellen in Wittmund und Emden sowie an das Klinikum Leer, das Borromäus-Hospital in Leer, die Trägergesellschaft der Kliniken Aurich, Emden, Norden und an das Krankenhaus Wittmund.

In den Antworten werden verschiedene und teilweise auch von einander abweichende Gründe für die Abmeldung von Klinik-Fachbereichen genannt. Aufgeführt werden unter anderem Fachkräftemangel, ein hoher Krankenstand beim Personal (der aus den Belastungen der Pandemie resultieren könnte), Covid-19-Patienten, eine jahreszeitbedingt hohe Zahl an Patienten mit anderen Infektionskrankheiten, eine Reserve mit freien Betten für Corona-Patienten und ein „Nachholbedarf“ bei Krankenhausleistungen, die während der Corona-Wellen abgesagt werden mussten.

Der Landesregierung sind die Probleme bewusst

Die Situationen in den Kliniken unterscheiden sich dabei im Ergebnis: Teilweise gibt es zu viele unbesetzte Stellen, teilweise sind offenbar die Personalpläne zu knapp bemessen und teilweise die Bettenkapazitäten zu gering, um in einer Situation wie der aktuellen durchgehend aufnahmebereit für etwaige neue Patienten zu sein.

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Der Landesregierung ist die Problematik bekannt: „Schon vor der Pandemie zeigte sich landesweit, dass es immer wieder durch Kapazitätsengpässe einzelner Fachbereiche in den Krankenhäusern zu Abmeldungen kam“, schreiben das niedersächsische Innenministerium und das Gesundheitsministerium in einer gemeinsamen Stellungnahme an unsere Zeitung. „Im Herbst 2021 zeigt sich in vielen Rettungsdienstbereichen in Niedersachsen eine deutliche Steigerung der Einsatzzahlen im bodengebundenen Rettungsdienst und daraus folgend auch Kapazitätsengpässe einzelner Fachbereiche in den Krankenhäusern.“

Zudem komme es „teils zu verlängerten Bindungszeiten der einzelnen Rettungsmittel, da es auf Grund der massiven Belastung der Notaufnahmen zu längeren Wartezeiten oder gegebenenfalls auch zu längeren Anfahrtszeiten kommt“. Diese länger als normal gebundenen Fahrzeuge und Fachkräfte stünden folglich erst später für neue Rettungseinsätze zur Verfügung, was zu Dispositionsproblemen bei den Leistellen führen könne. Klinik-Engpässe können also Rettungsdienst-Engpässe verursachen.