Wuppertal
Wuppertaler Museum inszeniert Gipfeltreffen der Expressionisten
Sie lieferten den Look der jungen Bundesrepublik, die Maler von „Brücke“ und „Blauer Reiter“. Wie sehen wir ihre Kunst heute? Das Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum lädt zur Wiederentdeckung.
Alte Liebe rostet nicht. Egal, ob Helmut Schmidt oder Helmut Kohl, ob SPD oder CDU, sie blieben ihr treu. Erst bei Angela Merkel bekam diese Liebe ihren ersten tiefen Riss, die Liebe der Politik zu den Bildern der Expressionisten. 2019 ließ Merkel Bilder Emil Noldes aus ihrem Büro im Kanzleramt entfernen. Der Klassiker war wegen seiner zu großen Nähe zum Nationalsozialismus in Verruf geraten. Ernst Ludwig Kirchners „Sonntag der Bergbauern“ (1923/24) aber, ein Gemälde im Cinemascope-Format, bildet weiter den Fond der Sitzungen des Kabinetts in Berlin. Es bleibt dabei: Der Expressionismus ist der künstlerische Look der Bundesrepublik. Höchste Zeit also für eine Revision. Wie steht es um die alte Liebe der Bundesdeutschen zur expressiven Kunst? Hier weiterlesen: Schaulaufen der Eitelkeiten - so funktioniert eine Vernissage.
Die ruppige Boygroup der „Brücke“
Wer wissen will, wie es um seine Liebe des Lebens steht, schaut seinen Partner noch einmal mit frischem Blick an - vielleicht nach Jahren zum ersten Mal. Das Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum wagt jetzt das Beziehungsexperiment. 90 Gemälde und 70 Grafiken und Zeichnungen bilden ein wahres Epochenpanorama dieser Kunst zwischen 1905 und 1914. Wichtiger noch aber als die schiere Weite des Überblicks ist das Gipfeltreffen, das Museumsdirektor Roland Mönig und Kuratorin Anna Storm inszeniert haben. Hier die 1905 in Dresden gegründete „Brücke“, dort der sich um 1910 in München formierende „Blaue Reiter“: Diese Regie konfrontiert die ruppige Boygroup mit dem Musenhof mit Damen. Lieblinge des Publikums und der auf Repräsentation bedachten Politik waren und sind sie alle. Hier weiterlesen: Das Museum als Baustelle - geht die Ära der Blockbuster zu Ende?
Nazis verbieten Expressionisten
Kein Wunder. Die Geschichte des Expressionismus folgt im 20. Jahrhundert einer Fieberkurve mit rasanten Pendelausschlägen. Während Kaiser Wilhelm regiert schockieren Ernst Ludwig Kirchner und August Macke, Wassily Kandinsky und Karl Schmidt-Rottluff das Publikum mit Bildern, die in starken Farben glühen. Solche Kunst verspricht das freie, das gesteigerte Leben. Der Erste Weltkrieg, Urkatastrophe des Jahrhunderts, bricht diesen Schwung, später verbieten die Nationalsozialisten die Kunst der Expressionisten als „entartet“. Nach 1945 sind sie wieder da. Die junge Bundesrepublik und später auch die DDR inszenieren sich mit „Brücke“ und „Blauer Reiter“. Expressive Kunst avanciert zum Look von Gesellschaften, die jung, modern und aufgeschlossen wirken wollen. Verfemte Künstler werden zu neuen Sinnstiftern. Hier weiterlesen: Sehnsucht nach einer Kunst ohne Widersprüche - Emil Nolde und die Moderne.
Mitten im Mainstream
Und heute? Die Malerei von „Brücke“ und „Blauer Reiter“ ist längst im Mainstream des breiten Publikumsgeschmacks angekommen. Ihrer Wirkung hat das kaum etwas genommen. In Wuppertal strahlen die Bilder regelrecht um die Wette. Kein Wunder. Ob Kirchner oder Franz Marc, der junge Nolde oder Gabriele Münter - ihre Malerei orchestriert starke Farben zu strahlender Wirkung. Der Komplementärkontrast ist ihr Energiezentrum. Rot gegen Grün, Violett gegen Gelb: Die Bilder der Expressionisten sind laut und strahlend, weil sie Hitze und Kälte konfrontieren. Ob die Brücke über den Fluss, das Paar im Atelier oder das nackte Mädchen im Schilf - in dieser Farbregie wächst jedes Motiv zu einer auch heute noch die Sinne überwältigenden Lebensfeier.
Kunst von Lothar-Günther Buchheim
Roland Mönig und Anna Storm schöpfen aus einem reichen Fundus. Für die Schau haben sich das Wuppertaler Haus, die Kunstsammlungen Chemnitz und das von Lothar-Günther Buchheim („Das Boot“) in Bernried am Starnberger See gegründete Museum zusammengetan. Leider ist das große Panorama der Expressionisten selbst nicht unbedingt expressiv geraten. Die Kuratoren haben sich für die Chronologie, eine beruhigte Hängung, also die klassische Lösung entschieden. In aufgeräumten Sälen ohne Wandtexte oder Farbakzente darf der Blick auf den Bildern selbst ruhen. Das lädt zum genauen, weil vergleichenden Sehen ein. Thematische Verbindungen kommen so weniger in den Blick, zumal „Brücke“ und „Blauer Reiter“ kaum einmal direkt konfrontiert werden.
Kunst gegen Konvention
Aufschlussreich ist die Schau trotzdem, weil sie den Blick für eine Kunst neu schärft, die in den letzten Jahren unter das Etikett des Expressiven unterschiedslos subsumiert worden ist. Die Kuratoren machen mit ihrer Regie neu sichtbar, wie die jungen Wilden damals auf unterschiedlichen Wegen ihrem Ziel einer Kunst gegen die Konvention entgegenstreben. Die „Brücke“-Stars wie Kirchner, Heckel oder Max Pechstein setzen auf Intuition und unmittelbaren Ausdruck, bleiben dabei aber auch dem figurativen Bildmotiv treu. Die Könner des „Blauen Reiter“ wie August Macke oder Franz Marc steuern auf eine vergeistigte Abstraktion zu. Die „Brücke“-Bilder sind konfrontativ, die Werke des „Blauen Reiter“ sensitiv. Zusammen bilden sie einen blühenden Akkord der Farben und Malweisen, dessen Sirenenklang bis heute betörend schön klingt. In Wuppertal möchte man ihm stundenlang lauschen.
Wuppertal, Von-der-Heydt-Museum: Brücke und Blauer Reiter. 21. November 2021 bis 27. Februar 2022. Di., Mi., Fr.-So., 11-18 Uhr, Do., 11-20 Uhr. Zur Information über die Ausstellung geht es hier.