Corona in Ostfriesland
Impf-Booster: Ist die Sechs-Monats-Frist in Stein gemeißelt?
Noch-Gesundheitsminister Spahn nennt die Frist für die Impfauffrischung eine „Richtschnur, die natürlich nicht tagesgenau einzuhalten ist“. Das hat Hoffnungen gemacht, die jetzt enttäuscht werden.
Ostfriesland - Ist die Sechs-Monats-Frist für die Auffrischungsimpfung nur als eine „Richtschnur zu verstehen, die natürlich nicht tagesgenau einzuhalten ist“ oder ist sie in Stein gemeißelt? Die Sache mit der Richtschnur hat der noch amtierende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) geschrieben – und damit für ordentlich Unsicherheit in Ostfriesland gesorgt. Seit Tagen erreichen die Redaktion Anrufe und E-Mails von Impfwilligen, die buchstäblich im Regen stehen gelassen wurden – weil sie mitunter nur einen Tag zu früh in der Schlange standen. Der Grund: Die Ständige Impfkommission (Stiko) sieht das mit Spahns Richtschnur etwas anders.
Zwar empfiehlt sie jetzt allen Geimpften ab 18 Jahren den Booster, an der Wartezeit hat sich aber nichts geändert. Aktuell gilt: „Die Auffrischimpfung soll in der Regel im Abstand von sechs Monaten zur letzten Impfstoffdosis der Grundimmunisierung erfolgen.“ Eine Verkürzung auf fünf Monate könne im Einzelfall oder wenn genügend Kapazitäten vorhanden seien, erwogen werden, heißt es. Das klingt eher nach Ausnahme als Regel. Doch am Ende entscheiden weder Spahn noch die Stiko darüber, ob die Menschen beim Impfen abgewiesen werden – denn: „Letztendlich liegt die Entscheidung immer bei den impfenden Ärztinnen und Ärzten vor Ort“, heißt es aus dem niedersächsischen Gesundheitsministerium.
Drei Stellen – und drei Meinungen
Manfred Böhling aus der Pressestelle schreibt, dass das medizinische Personal in Eigenverantwortung und unter Berücksichtigung der Begebenheiten vor Ort durchaus entscheiden könne, Personen zu boostern, deren Zweitimpfung noch keine sechs Monate zurückliege. Der Standpunkt des Landes: „Wenn vor Ort ausreichend Impfstoff vorhanden ist und die Situation es erlaubt, besteht aus unserer Sicht keine Veranlassung, Menschen wegzuschicken, deren Impfung etwas weniger als sechs Monate zurückliegt.“
Zusammengefasst gibt es also drei Empfehlungen von drei Stellen: Die Stiko sagt, dass Ausnahmen erwogen werden könnten, der Bund wiederum hält die Stiko-Empfehlung nur für eine Richtschnur, von der „natürlich“ abgewichen werden könne, und das Land sieht eigentlich keine Veranlassung, die Menschen wegzuschicken. Im Grunde ist das alles aber auch gar nicht ausschlaggebend, weil laut dem Land das medizinische Personal vor Ort die Entscheidungsgewalt habe. Und vor dessen Türen herrscht teilweise die pure Enttäuschung, weil es – wie so oft in der Pandemie – keine einheitliche Linie gibt.
Kreis Leer nennt konkrete Stichtage
Nahezu alle Beschwerden, die in der Redaktion eingegangen sind, kamen von Menschen aus dem Kreis Leer. Das impfende Personal läge die Stiko-Empfehlung „päpstlicher als der Papst aus“, heißt es etwa. „Der Landkreis Leer hält an der Sechs-Monats-Frist fest und hat damit begonnen, seit der Aktualisierung der Stiko mit Stichtagen für die Ankündigung der Impfaktionen zu arbeiten“, schreibt Annika Smit aus der Pressestelle. Bei der Impf-Aktion am Freitag sei dieser beispielsweise der 19. Mai gewesen. Das kommuniziert das Kreishaus auch offen – beispielsweise in gefetteter Schrift auf der Kreis-Webseite.
Laut Smit sind die personellen Kapazitäten der Impf-Teams und der vorzubestellende Impfstoff noch begrenzt. „Mit der Sechs-Monats-Frist kann die Bekräftigung der Stiko, zunächst Personen zu boostern, die auch damals für eine Impfung priorisiert wurden, nachgekommen werden“, so die Pressesprecherin. Wer vor dem Ablauf der sechs Monate geboostert werden wolle, müsse das in einer Arztpraxis tun lassen. Auch die Kreise Aurich und Wittmund schreiben, dass sie sich nach der Empfehlung der Stiko richteten. Das bedeutet: Wessen Impfung keine vollen sechs Monate zurückliegt, muss sich keine großen Hoffnungen machen.
Emden hat Kriterien festgelegt
Anders sieht es in der Stadt Emden aus: Auf Basis der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse habe man sich dort auf Abgrenzungen entschieden, bei denen schon nach fünf Monaten geimpft werden könne, teilt Pressesprecher Eduard Dinkela mit. Das seien etwa ein hohes Alter, bestimmte Vorerkrankungen mit einer Beeinträchtigung des Immunsystems oder ein hohes Ansteckungsrisiko, beispielsweise bei der Arbeit mit Covid-Patienten. „In unklaren Fällen wird dies von Fall zu Fall mit ärztlicher Rücksprache entschieden“, so Dinkela. Es sei derzeit auch nicht geplant, von dieser Praxis abzuweichen.
Der Kreis Aurich setzt weiterhin ausschließlich aufs Impfen mit Termin, das sich unter www.landkreis-aurich.de vereinbaren lässt. Die Kreise Leer und Wittmund sowie die Stadt Emden halten zunächst am terminfreien Impfen fest. Laut Ralf Klöker vom Kreis Wittmund werde aber überlegt, ein zweites Mobil-Team einzusetzen, um häufiger Aktionen anbieten zu können. Und: „Falls die Nachfrage nach Impfungen weiter steigt und aus den – derzeit – offenen, mobilen Impfangeboten wieder teilstationäre oder stationäre Angebote werden sollten, können wir uns auch eine Rückkehr zu einem Terminsystem vorstellen.“ Das sei mit dem beauftragten DRK abgesprochen. Der Landkreis Leer impft laut Smit derzeit mit zwei Teams, die so schnell wie möglich auf fünf aufgestockt werden sollen.