Berlin

Drei Wahrheiten, die Deutschland im Corona-Winter verkraften muss

Michael Clasen
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Von Michael Clasen
| 18.11.2021 08:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
In der Kritik: die geschäftsführende Bundeskanzlerin Angela Merkel und Jens Spahn. Foto: Kay Nietfeld/dpa/Archiv
In der Kritik: die geschäftsführende Bundeskanzlerin Angela Merkel und Jens Spahn. Foto: Kay Nietfeld/dpa/Archiv
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Corona-Deutschland ist zum Sorgenpatienten Europas geworden. Ist es eine „Tyrannei der Ungeimpften“, wie der Weltärztepräsident klagt, oder eher eine „Tyrannei der Unfähigen“? Die Zeit läuft - auch für jeden Geimpften! Eine Analyse.

Kein Plan, keine Strategie, keine Führung, dafür umso mehr Irrtümer, Fehleinschätzungen und gebrochene Versprechen: Ob die scheidende Kanzlerin Angela Merkel oder ihr Gesundheitsminister Jens Spahn oder auch RKI-Chef Lothar H. Wieler: Zu oft agierten Deutschlands oberste Krisenmanager wie im Blindflug.

Es gibt positive Ausnahmen wie die Chefs der Nordländer. Niedersachsen, Hamburg, Bremen und Schleswig-Holstein haben mehr richtig gemacht als andere Bundesländer, wie allein die Impfquoten zeigen. Es ist kein Zufall, dass Bayern, Thüringen und Sachsen mit niedrigen Impfquoten jetzt Rekordinzidenzen und volle Intensivstationen aufweisen. Das war zu erwarten. 

Darin sind sich auch die sonst so streitbaren Virologen wie Christian Drosten und Hendrik Streeck im Kern einig. Fast 100 000 Todesfälle in Zusammenhang mit dem Coronavirus gibt es bereits in Deutschland. Wenn jetzt die künftige Ampel-Regierung und die Länder keinen nationalen Kraftakt hinbekommen, wird dieses Corona-Weihnachten noch bitterer als das vorherige. Drei schmerzhafte Wahrheiten muss das Land verkraften:

1. Das Booster-Chaos ist unverzeihlich

Es war ein katastrophaler Fehler von Bund und Ländern, vor wenigen Wochen die Impfzentren zu schließen. Es müssen jetzt unmittelbar die Impf-Kapazitäten massiv wieder hochgefahren werden. Die Hausärzte allein sind damit überfordert. Zudem sind sich viele Geimpfte noch gar nicht darüber bewusst, dass sie sich boostern lassen müssen. Studien aus Schweden und Israel zeigen: Ohne Drittimpfung sinkt der Impfschutz nach wenigen Monaten auf ein kritisches Niveau. Israel lässt die Gültigkeit des Impfpasses nach sechs Monaten ablaufen. Das ist keine Schikane, sondern der Tatsache geschuldet, dass die Impfstoffe dann ihre Schutzwirkung gegen die Delta-Variante signifikant reduziert haben könnten. Die Ständige Impfkommission lenkt leider erst jetzt und somit Monate zu spät ein und empfiehlt nun auch eine Drittimpfung für alle Erwachsenen ab dem sechsten Monat. 

Besser wäre es, nach fünf Monaten zu boostern, um weitere Impfdurchbrüche und Infektionen zu verhindern. Das soll nun aber nur in Ausnahmen möglich sein. Es ist daher sehr befremdlich gewesen, dass Ärzte in den vergangenen Wochen Impfwillige abgewiesen haben, weil sie entweder jünger als 70 Jahre alt waren oder ihre Zweitimpfung weniger als sechs Monate zurücklagen. Es muss jetzt eine breit angelegte Impfkampagne gestartet werden - nicht nur, um die weiterhin viel zu große Impflücke zu schließen, sondern auch um alle schon Geimpften sicher über den Winter zu bringen. Ohne schnelle Boosterimpfungen werden regionale Lockdowns drohen. Jeder Geimpfte muss verinnerlichen, dass für ihn die Pandemie keineswegs Geschichte ist, sondern ohne Booster eine Bedrohung darstellt.

2. Die Notlage ist in einigen Regionen Realität

Es war verheerend, vonseiten des Gesundheitsministers, mancher Ärztevertretern und Ampel-Koalitionären den Eindruck zu vermitteln, die Corona-Notlage sei beendet. Einige sprachen vom „Freedom Day“. Juristisch betrachtet, ist es ein durchaus berechtigtes Anliegen, die epidemische Lage von nationaler Tragweite zu beenden, um die Kompetenzen des Bundestages zu stärken. Doch etliche Spitzenpolitiker suggerierten im Wahlkampf und danach bewusst, dass Deutschland angesichts der Verfügbarkeit von Impfstoffen das Gröbste überstanden hätte. Dabei gab es Warnungen vor schwierigen Wintermonaten im Falle einer zu geringen Impfquote zuhauf. Jetzt muss Deutschland realisieren, dass das Worst-Case-Szenario eingetroffen ist. In Österreich gibt es im Salzburger Raum schon die Vorbereitungen für eine Triage, weil die Krankenhäuser überlastet sind. In Deutschland müssen verschiebbare Operationen bereits wieder gecancelt werden. Viele Krebs-, Herz- und Schlaganfallpatienten dürften schon jetzt in einigen Krisenregionen nicht mehr optimal versorgt werden. Erschwerend kommt hinzu, dass in den vergangenen Monaten viele Pflegekräfte wegen der Belastungen ihren Beruf beendet oder ihre Arbeitszeit reduziert haben. Das führt dazu, dass die Zahl der betreibbar gemeldeten Intensivbetten seit Anfang des Jahres von 26.500 auf 22 000 gesunken ist. Deshalb wird es kaum einen Ausweg geben, als in den Hotspots regionale Lockdowns zu beschließen, zunächst für Ungeimpfte, aber womöglich auch für Geimpfte, wenn sich das Infektionsgeschehen nicht beruhigen lässt.

Die Ampel-Koalitionäre haben ihre Corona-Politik in den vergangenen Tagen massiv verschärft. Das ist gut so, denn Corona verzeiht keine Träumerei. Aber selbst wenn die Impfungen wieder an Tempo gewinnen, dauerte es bis weit nach Weihnachten, bis ein Effekt zu sehen sein wird. In der Zwischenzeit müssen Deutschlands besonders betroffenen Regionen wohl in den Krisenmodus zurück. Ausgenommen sollten davon Schulen und Kindergärten sein: Viele Studien zeigen, dass sie mit entsprechenden Schutzmaßnahmen wie Maske und Testung kein Pandemietreiber sind. Die Kleinsten der Gesellschaft dürfen nicht wieder die Fehler der Großen ausbaden.

3. Corona-Kritiker nicht gleich abkanzeln

Die vierte Corona-Welle trifft die deutsche Gesellschaft auch deshalb besonders hart, weil sie mittlerweile vielfach gespalten ist. Die gesellschaftlichen Eliten erleben einen enormen Vertrauensverlust. Die Gräben gehen quer durch Familien, Freundes- und Kollegenkreise. Jeder kennt mittlerweile einen Corona-Leugner oder Impfgegner, mit dem er kaum noch ein Wort wechselt. Weder Wut noch Panik bringen das Land aber durch die Krise. Es wäre auch fatal, jede Kritik oder Skepsis gleich als Geschwurbel abzukanzeln oder religiöse Motive zu verachten. Nicht jeder Impfverweigerer ist ein Aluhutträger.

 Allein mit Druck wird man die Menschen nicht überzeugen. Die Corona-Krise legt zugleich gnadenlos offen, dass der Glaube an die Allmacht von Staat und Wissenschaft ein Irrglaube ist. Israels digitalisiertes Gesundheitswesen zeigt etwa, wie rückständig das hiesige ist. Israel hat mit dem Boostern der Bevölkerung bereits im Sommer begonnen, als Deutschlands politische Führung fröhlich das nahende Ende der Impfzentren und der Pandemie ausrief. Jetzt herrscht hier wieder Corona-Alarm - und nicht allein wegen der Impfgegner. Oder wer hat Merkel, Spahn & Co gehindert, das Richtige zu sagen und zu tun? Mehr Macht als die Groko hatte noch nie eine Bundesregierung.

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