Interview
„Bei dem Konzert war bestimmt das halbe Rotlichtviertel“
Carl Carlton ist einer der erfolgreichsten Ostfriesen im Musikgeschäft. Am Freitag spielt er in Hinte. Wir haben mit ihm über die Anfänge, wilde Zeiten und die Zusammenarbeit mit Weltstars gesprochen.
Hinte/Emden - Carl Carlton wurde 1955 unter dem so bürgerlich wie ostfriesisch klingenden Namen Karl Walter Ahlerich Buskohl geboren. In den 70er-Jahren verließ er seine Heimat Ihrhove, um später eine internationale Karriere als Musiker zu machen. Nach vielen Zwischenstationen lebt er mittlerweile auf der Mittelmeerinsel Gozo. Zurzeit tourt er mit seiner Band „Carl Carlton & the Songdogs“ durch Deutschland. Da darf ein Zwischenstopp in der Heimat nicht fehlen. Zwischen den Proben für die Konzertreihe, die am Freitag nach Hinte führt, nahm er sich Zeit für ein Gespräch über Schicksal, wilde Zeiten einen verpeilten Joe Cocker und die Bedeutung von Musik.
Was und warum
Darum geht es: die Karriere eines der erfolgreichsten Musikers Ostfrieslands: Carl Carlton
Vor allem interessant für: Musikbegeisterte und alte Weggefährten von Carl Carlton
Deshalb berichten wir: Ein Leser und Bekannter von Carl Carlton hatte sich gemeldet und gesagt, dass der 66-Jährige sich für die Sanierung der Alten Post in Emden und seine Heimat sehr interessiert. Weil Carlton zurzeit in Deutschland ist und am Freitag in Hinte auftritt, haben wir ihn gefragt, ob er Zeit für Interview hat. Er sagte sofort zu. Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de
Frage: Moin, Herr Buskohl.
Carl Carlton: Moin. Sorry, bin ich zu spät?
Frage: Nein, alles gut, wir waren für 11.45 Uhr verabredet. Es ist jetzt 11.47 Uhr.
Carlton: Ach ja! Oh Mann, meine Uhr geht falsch.
Frage: Ist sie etwa noch nicht auf die Winterzeit eingestellt?
Carlton: Doch doch. Ich stelle sie nur manchmal fünf Minuten vor, damit ich auch ja pünktlich bin.
Frage: Das sind also die Tricks, damit es mit einer Musikerkarriere klappt?
Carlton (lacht): Ich bezweifele mal, dass das andere Kollegen auch so machen. Ich kenne jedenfalls keinen. Es ist wohl eher so ein Carl-Ding.
Frage: Glauben Sie eigentlich an Schicksal oder so etwas wie eine göttliche Fügung?
Carlton: Absolut, ja.
Frage: Ich frage das vor allem mit Blick auf Ihren Werdegang. Was, denken Sie, war für Ihren Erfolg entscheidender: Glaube und Leidenschaft oder Zufall und die richtigen Kontakte?
Carlton: Eine Mischung aus allem. Natürlich muss man zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Man muss die richtigen Leute treffen, die einem den Weg ebnen oder dir zeigen, was möglich ist. Darin sehe ich dann schon so etwas wie Schicksal oder vielleicht eine göttliche Fügung. Aber es geht nicht ohne eigenes Talent, das weiterentwickelt werden muss. Man ist ja nicht gleich vom ersten Tag an perfekt und wartet dann nur noch darauf, abgeholt zu werden.
Frage: Sie haben schon früh beide Eltern verloren. Ihre Mutter ist gestorben und ihr Vater hat sich das Leben genommen. Welche Rolle hat die Musik für Sie gespielt, um diese Schicksalsschläge wegzustecken?
Carlton: Sie war enorm wichtig. Ich war ja noch sehr jung, als das innerhalb von wenigen Monaten passiert ist. Mir ist in dieser Zeit klar geworden, dass ich hier alles zurücklassen und die Tür erstmal hinter mir zumachen muss. Ich habe ein Angebot aus Holland bekommen und bin dann allein weggegangen – für die Musik. Ich fand die Szene da tierisch interessant. In Groningen spielten zu der Zeit alle Weltbands von den Stones bis zu den Beachboys. Ich habe da die Wurzeln des Rock‘n‘Roll kennengelernt und hatte großes Glück. Was Besseres konnte mir nicht passieren.
Frage: Im Jugendzentrum Alte Post in Emden erinnert ein Poster an diese Zeit und die Anfänge Ihrer Karriere. Es ist das Plakat für ein Konzert mit Ihrer Band „Vitesse“.
Carlton: Ja, ich habe davon gehört. Jan Brandt (Schriftsteller und Journalist, der ebenfalls aus Ihrhove stammt; Anm. d. R.) hat es mir erzählt.
Frage: Was für Erinnerungen haben Sie an Emden, die Post und das Konzert?
Carlton (lacht): Dass es eine wilde Zeit war. Ich muss dazu sagen, dass wir über 300 Konzerte im Jahr gespielt haben. An viele Einzelheiten erinnert man sich da nicht mehr. Aber die Post war natürlich besonders, weil es Heimat war und man viele alte Bekannte wiedergesehen hat. Ich habe mich eine Zeit lang in Emden durchgeschlagen und in Kneipen gearbeitet Bei dem Konzert waren die alten Saufköppe und bestimmt das halbe Rotlichtviertel dabei.
Frage: Sie haben als Musiker und Produzent später mit vielen Weltstars zusammengearbeitet. Für wen würden Sie nochmal sofort alles stehen und liegen lassen, wenn das Telefon klingelt?
Carlton: Da gibt es zwei: Robert Palmer (britischer Popmusiker; Anmerkung der Redaktion) und Levon Helm von „The Band“. Beide sind unheimlich wichtig für mich gewesen. Das passte menschlich und sie waren die besten Lehrer, die ich mir vorstellen kann.
Frage: Sie haben auch mit so unterschiedlichen Musikern wie Joe Cocker und Tina Turner gespielt. Wer von beiden war anspruchsvoller und schwieriger?
Carlton: Tina ist echt eine Macherin, eine strenge Bandleaderin, aber mit ganz großem Herz. Joe ist ein Sänger, der ein ganzes Management braucht, um das alles geregelt zu bekommen. Der würde nicht mal eine Probe alleine hinkriegen (lacht).
Frage: Und wie ist es, mit Udo Lindenberg und Peter Maffay zu arbeiten?
Carlton: Oh, das ist auch ein großer Unterschied wie Yin und Yang. Udo ist ein Gesamtkünstler, der auch selber schreibt – zumindest früher – und genau weiß, wohin er will und wie die Show auszusehen hat. Peter ist mehr der Interpret und eher der Typ singender Manager.
Frage: Am Freitag treten Sie mit Ihrer Band in Hinte auf. Was erzählen Sie Ihren Musikerkollegen über Ihre Heimat?
Carlton: Einige Jungs kennen das schon. Wir sind ja immer mal wieder hier, um zu spielen. Leider hat man heute nicht mehr so viel Zeit. Früher war das anders. Da sind wir mit dem Bus an die Ems gefahren und ich habe den Leuten gezeigt, wo ich als Junge unterwegs war. Ob Ian McLagen oder Bobby Keys von den Stones – die haben alle auf dem Deich gestanden.
Frage: Das Musikbusiness hat sich während Ihrer Karriere enorm verändert. Freut es Sie, dass Ihr Sohn Max Buskohl, der unter anderem bei Deutschland sucht den Superstar im Fernsehen zu sehen war, in dieser Welt Fuß fassen möchte? Oder raten Sie ihm davon ab?
Carlton: Ich sehe es leider etwas negativ. Es gibt immer noch einen Underground und die Möglichkeit, sich individuell zu entwickeln. Aber es wird eben auch immer schneller und oberflächlicher. Viele in der Musikindustrie sind gierig und korrupt. Mir fehlen da oft die Inhalte. Es werden nur noch selten Hits von Künstlern gemacht, sie werden von der Industrie nur noch verbreitet. Mir fehlt die Kreativität.
Frage: Das Internet ermöglicht Künstlern heute, viel schneller bekannt zu werden . . .
Carlton: Das ist gut, aber eigentlich ist es doch auch einfach scheiße! Die meisten jungen Bands, die ihre Sachen ins Netz stellen, haben nicht die Erfahrung, wie es ist, in kleinen Clubs zu spielen und langsam zu wachsen. Klicks und Videos bei Youtube ersetzen keine Konzerte. Viele können vielleicht gut spielen, aber das Gefühl für Musik und das Publikum kriegst du nur auf der Bühne. Ich rede jetzt nicht über Nostalgie. Ich meine das Handwerk. Ein Schauspieler sollte auch erst durch viele Theater in unterschiedlichen Städten gegangen sein. Nur so lernst du es wirklich.
Karten für das Konzert von Carl Carlton und seiner Band „Songdogs“ gibt es im Vorverkauf für 39,50 Euro im Maxx in Emden sowie online unter ticket2go.de. An der Abendkasse kosten die Karten 48 Euro. Die Veranstaltung findet unter Anwendung der 2G-Regelung statt.