Brandts Welt

Rätsel der Mähroboter

Jan Brandt
|
Von Jan Brandt
| 12.11.2021 19:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
GA-Kolumnist Jan Brandt
GA-Kolumnist Jan Brandt
Artikel teilen:

GA-Kolumnist Jan Brandt erzählt diesmal über Mähroboter, die plötzlich verschwunden waren und an einem Ort auftauchten, mit dem keiner gerechnet hatte.

Ich muss euch gleich was erzählen“, sagte Esther, „eine unglaubliche Geschichte“, sie hatte ein paar Freunde zum Abendessen eingeladen, und hinterher saßen wir bei Bier und Wein im Wohnzimmer. Ich sprach von meinen Eltern, dass sie sich gerade einen Mähroboter angeschafft hatten, „alle im Dorf haben jetzt einen“, und das nahm Esther zum Anlass, von einem Gespräch mit einer Freundin, einer Journalistin zu berichten, Maren, die am Tag zuvor mit einem Staatssekretär im Innenministerium zusammengesessen habe.

Jan Brandt

Der Schriftsteller Jan Brandt, 1974 in Leer geboren, in Ihrhove aufgewachsen und heute in Berlin lebend, studierte Geschichte und Literatur in Köln, London und Berlin und absolvierte eine Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule München. Sein Debütroman, das große Ostfriesland-Epos „Gegen die Welt“, stand 2011 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

Maren habe ein Interview führen wollen, er, der Staatssekretär, aber habe immer wieder vom Thema abgelenkt und Anekdoten aus seinem Leben erzählt.„Also“, sagte Esther und stellte ihr Weinglas auf den Tisch zurück. „Seid ihr bereit?“ Alle nickten, aber erst als Stella sie aufforderte, es nicht so spannend zu machen, legte Esther los. „Die Geschichte ist die: Dieser Staatssekretär ist gerade erst nach Berlin gezogen, hat sich eine Villa im Grunewald gekauft mit einem schönen, großen, Garten, viel Wiese, ein paar alte Bäume, ein Teich, das ganze Grundstück ist von Mauern umgeben, das Haus von Kameras überwacht …“

Die drei Mähroboter lagen einträchtig nebeneinander

Das, was er für Deutschland erträumt, hat er privat schon verwirklicht“, platzte Stella dazwischen, aber niemand ging darauf ein. „Er hat zwar einen Gärtner“, sagte Esther, „aber der kommt nur einmal die Woche. Um den Rasen schön kurz zu halten, hat er sich einen Mähroboter gekauft. Nicht irgendeinen, vor allem nicht so einen wie der von deinen Eltern“, Esther blickte kurz zu mir herüber, dann wieder in die Runde, „sondern den Porsche unter den Mährobotern, so ein richtig teures Gerät, das auch äußerlich ordentlich etwas hermacht. Na ja, und irgendwann stellt er den an und fährt zur Arbeit …“ – „Einwanderer*innen am Einwandern hindern …“, unterbrach sie Stella. – „… und als er in seine Villa zurückkommt“, sagte Esther von Stellas Einwand unberührt, „ist der Mähroboter weg, verschwunden“.

Er geht durch den Garten, schaut sich die Überwachungsvideos an, die jedoch nur das Haus in den Blick nehmen, entdeckt nichts, erstattet Anzeige gegen unbekannt und kauft sich das gleiche Mährobotermodell noch einmal. Paar Tage später probiert er den neuen Mähroboter aus und fährt zur Arbeit. Und abends, als er zurückkommt, ist der auch weg. Er geht durch den Garten, schaut sich die Überwachungsvideos an, erstattet Anzeige und kauft sich zum dritten Mal den gleichen Mähroboter. Diesmal stellt er ihn jedoch erst an, als er zu Hause ist. Er hat Arbeitskollegen zum Grillen eingeladen und erzählt ihnen, was passiert ist, das Rätsel der Mähroboter, und während sie auf der Terrasse sitzen und Bier trinken …“ – „und damit angeben“, rief Stella, „wer von ihnen die meisten Asylbewerber*innen abgeschoben hat …“ – „… beobachten sie, wie der Mähroboter im Teich versinkt. Der Typ springt auf, die anderen hinterher, und als sie alle vorm Teich stehen, sehen sie zwischen den Kois die drei Mähroboter einträchtig nebeneinanderliegen.“

Ähnliche Artikel