Kunst
Erst Flucht, dann „Malerin des Emslands“
Im emsländischen Lathen gibt es eine „Toni-Müller-Straße“. Aber wer war Toni Müller? Eine Spurensuche im Emsland und darüber hinaus.
Lathen - Wer heute im Emsland die Frage nach Toni Müller stellt, erhält oft als Antwort: „Toni Müller? Nie gehört.“ Dabei gibt es in Lathen die Toni-Müller-Straße. Doch wer war Toni Müller?
Ein erster Hinweis kommt von Heinz Kremer vom Fachbereich Planen und Bauen der Samtgemeinde Lathen. „Die Benennung der Toni-Müller-Straße erfolgte auf Beschluss des Verwaltungsausschusses 1982“, weiß er. Im Rahmen einer Bürgerbeteiligung und auf Vorschlag des damaligen Heimat- und Verkehrsvereins sei die Benennung erfolgt.
Antonie Müller war eine Malerin
Der korrekte Name: Bei dem Vornamen Toni handelt es sich in diesem Fall nicht um die Kurzform des männlichen Vornamens Anton, sondern um eine Verkürzung des weiblichen Vornamens Antonie. „Der volle Name lautet Antonie Emilie Müller“, sagt Volkmar Lent. Der 85-jährige Mediziner und emeritierte Professor für Urologie aus Andernach muss es wissen, denn er ist der Großneffe von Toni Müller, und er hat viel über seine Großtante zusammengetragen.
Präsent sei sie auch heute noch in mehreren Familien in Lathen sowie in der näheren Umgebung durch ihre Werke. „Toni Müller hat eine Strahlkraft, die weit über die Grenzen Lathens hinausgeht“, sagt Samtgemeindebürgermeister Helmut Wilkens. Den nächsten Hinweis gibt Bürgermeisterin Luise Redenius-Heber. Sie bezeichnet Toni Müller als „die Malerin des Emslandes“, und sie verweist als mögliche Zeitzeugen auf Elisabeth Schlichter aus Lathen und Bernhard Ahrens aus Kathen-Frackel.
Kaum jemand kannte sie noch persönlich
Erinnerungen an die Malerin: Elisabeth Schlichter und Bernhard Ahrens besitzen Gemälde der Malerin, und sie wissen über Toni Müller zu berichten, doch an einen direkten persönlichen Kontakt zur Künstlerin können sie sich nicht erinnern. „Wir waren damals noch zu klein“, sagt der heute 83-jährige Bernhard Ahrens, „persönlich kann ich mich an Toni Müller nicht erinnern, aber sie muss bei uns auf dem Hof gewesen sein.“
Ahrens verweist auf ein Gemälde, das den Ahrens-Hof zeigt, sowie auf ein Gemälde, auf dem ein Haus an der heutigen Bundesstraße 70 zu sehen ist. „Das ist das Altenteil meines Großvaters“, erklärt Bernhard Ahrens. Elisabeth Schlichter fügt hinzu: „In der Familie Schlichter wurde Toni Müller nur Toto genannt.“ Volkmar Lent berichtet über die vielen Nachforschungen, die er zusammen mit seinen Geschwistern Herwarth und Siegrun zur Großtante unternommen hat. So wurden unter anderem die Archive der Gemeinde Lathen sowie die des örtlichen Heimatvereins durchforstet. Viele Anhaltspunkte ergaben sich auch aus den zahlreichen Briefen, welche die Künstlerin an ihre Familie geschickt hat und die verwahrt wurden.
Bewegte Lebensgeschichte
Was man über Toni Müller weiß: Geboren wurde die Künstlerin am 26. Dezember 1866 als viertes von acht Kindern in Lennep, heute ein Stadtteil von Remscheid. Sie studierte beim Maler Hendrik Luyten an der Kunstakademie in Antwerpen. Aufgrund des Ersten Weltkrieges musste die Deutsche Toni Müller 1914 Belgien verlassen.
Spätestens seit 1916, wahrscheinlich aber auch schon eher, lebte und arbeitete sie in Lathen. Verwandtschaftliche Verbindungen führten die Malerin an die Ems. Vermutlich um die Jahreswende 1944/45 verließ Toni Müller aus Angst vor dem Geschehen zum Ende des Zweiten Weltkrieges hin Lathen und fand Unterschlupf bei einer ehemaligen Schulfreundin auf einem Gut bei Guben in der Lausitz. Toni Müller verstarb im Alter von 79 Jahren am 14. Juni 1945 in einer Klinik in Berlin-Niederschönhausen.
Studiert beim „Max Liebermann von Belgien“
Das künstlerische Schaffen: Maßgeblich geprägt wurde Toni Müller durch ihren Lehrmeister Hendrik Luyten, einen Vertreter des Impressionismus, der gern auch als „Max Liebermann von Belgien“ bezeichnet wurde. Als weiteres großes Vorbild der Künstlerin muss der niederländerische Barockmaler Rembrandt angesehen werden, dem sie große Hochachtung entgegenbrachte.
Ähnlich wie bei ihren Vorbildern spielen auf Toni Müllers Gemälden Licht und Schatten eine große Rolle. Zu finden sind Konturen im Gegenlicht, Profile, die durch ein Oberlicht betont werden, oder Figuren, die sich aus dem Dunkel abheben.
Landschaftsbilder von Lathen und Kathen
In ihrer Lathener Zeit entstanden viele Porträts sowie zahlreiche Landschaftsbilder und darin eingebettet, Bauernhöfe, Kirchen und Mühlen. Insofern spiegeln ihre Werke, die in Lathen, Kathen, Frackel, Hilter, Fresenburg, Kluse und Steinbild, aber auch in Papenburg und Lingen entstanden sind, die Gegend und die Zeit wider. Volkmar Lent berichtet über seine Großtante: „Ihre Malerei war niemals politisch, sondern immer kunstvoll und zeitlos.“ Wie Toni Müller lebte: Der Ort Braskaet bei Antwerpen muss für sie so etwas wie eine zweite Heimat gewesen sein. Ihre Werke – auch die späten, die in Lathen entstanden – zeichnete sie mit der Signatur AE Müller-Brasschaet.
Volkmar Lent vermutet, dass es seine Großtante nach ihrer Flucht aus Flandern aufgrund der landschaftlichen Ähnlichkeit ins Emsland zog statt ins Bergische Land, wo ihre Familie zu Hause war. In Lathen lebte Toni Müller zunächst im Hause von Johannes Möller und später – dank einer Freundschaft zu Hedwig Schlichter – in deren Haus, wo sie auch ihr Atelier hatte. Die Kinder der Familie nannten sie ausnahmslos „Toto“. Toni Müller half ihnen bei den Schularbeiten, brachte ihnen Französisch und Englisch bei und büffelte mit ihnen lateinische Vokabeln. Von dem Verkauf ihrer Gemälde allein konnte sie nicht leben. Sie war auf Unterstützung angewiesen. Bekannt war auch, dass sie an Schwerhörigkeit litt. Sie trug stets ein langes schwarzes Hörrohr aus dünnem Horn mit sich. Mit dem Fahrrad fuhr sie durch Lathen und die nähere Umgebung zum Malen. Ihre Staffelei befestigte sie auf dem Gepäckträger. Um andere Verkehrsteilnehmer auf ihre Schwerhörigkeit aufmerksam zu machen, trug sie eine gelbe Blindenarmbinde, und am Lenker ihres Fahrrades hatte sie einen Rückspiegel angebracht.
Haus durch Bombe zerstört
Ab Mitte der 1930er-Jahre berichtet Toni Müller in ihren Briefen von größeren gesundheitlichen Problemen. 1940 schrieb sie aus dem Krankenhaus Marienheim in Lathen. Wegen der anwachsenden Kinderschar im Hause Schlichter zog Toni Müller 1938 in ein benachbartes Wohnhaus mit einem kleinen Garten um. Was von Toni Müller blieb: Aus ihrer Schaffenszeit in Belgien ist wenig bekannt. Einige ihrer Werke dürften Käufer gefunden haben. Andere Gemälde ließ sie bei ihrer Flucht aus Braskaet in ihrem Atelier zurück. 1916 muss sie noch einmal in Belgien gewesen sein. Sie meldete die dort zurückgelassenen Bilder als gestohlen. Werke, die Toni Müller in ihrer Wohnung in Lathen verwahrt hatte, wurden zum Kriegsende durch einen Bombentreffer auf das Haus vernichtet.
Volkmar Lent berichtet, dass sein Bruder Herwarth und seine Schwester Siegrun 1985 eine Auflistung von 75/78 Werken von Toni Müller erstellten, die sie zuvor aufgespürt und dokumentiert hatten. Elf dieser Gemälde befinden sich im Besitz von Angehörigen der Familie Lent. Alle weiteren Werke befinden sich im Besitz von Bürgern der Samtgemeinde Lathen sowie des Umlandes. Lent hat jetzt ein Buch über seine Großtante herausgegeben und möchte nun alles daransetzen, um Werke seiner Verwandten in Belgien ausfindig zu machen. Auch arbeitet er an einem Konzept, um Briefe und gegebenenfalls Gemälde seiner Großtante an ein Museum zu übergeben.
Buch über die Malerin des Emslandes
Wer mehr über Toni Müller erfahren möchte: Druckfrisch erschienen ist der Bildband „Toni Müller – Malerin des Emslandes“, Bilder von 1917 bis 1936. Erhältlich ist das Buch derzeit über die Gemeinde Lathen (Tel. 05933/660).