Osnabrück
Rinderexport vom Emsland nach Marokko: Nach Verbot doch durchgeführt
Zwischen Messingen und Marokko liegen mehrere Tausend Kilometer Autobahn und die Meerenge von Gibraltar. Auf diesen Weg wurden jetzt 448 Rinder geschickt. Und das, obwohl ein Gericht zuvor ein Verbot bestätigt hatte. Wie kann das sein?
Fünf Tage und acht Stunden hatte das Transportunternehmen für die Strecke eingeplant. Einmal quer durch Frankreich und Spanien mit nur einem Fahrer. Anfang Oktober sollte die Reise der Rinder Richtung Benslimane in Marokko beginnen.
Doch der Landkreis Emsland als zuständige Behörde untersagte die Beförderung. Die Transportzeit, befand der Kreis, sei unnötig lang und verstoße damit gegen EU-Vorgaben. Während der Fahrer gemäß entsprechender Arbeitsschutzvorschriften je 9,5 Stunden in Spanien und Frankreich ruhte, sollten die Rinder auf dem Transportfahrzeug bleiben. Sie hätten in dieser Zeit wohl stehend darauf warten sollen, dass es weitergeht. (Weiterlesen: Tiertransporte: Veterinäre berichten von katastrophalen Zuständen)
Aus Sicht des Landkreises ging das so nicht. Es sei nicht gewährleistet, dass den Tieren nicht unnötige Leiden zugefügt wurden. Auch die vom Antragsteller eingeplante lange Pause von mindestens 24 Stunden, während derer die Tiere entladen werden sollten, reiche nicht aus, um den europarechtlichen Bedingungen gerecht zu werden.
Der Transport wurde verboten. Ein Eilantrag des Unternehmens am Verwaltungsgericht in Osnabrück scheiterte. So wie geplant durften die Rinder nicht auf die Reise gehen.
Zehntausende Rinder jedes Jahr
Die Entscheidung erzeugte viel Aufmerksamkeit. Seit Jahren wird über solche Langstreckentransporte gestritten. Gerade Niedersachsen und hier die Landkreise Emsland und Aurich sind Drehkreuze für solche Transporte. In der Vergangenheit steuerten beispielsweise Tiertransporte aus Bayern gezielt Aurich an, weil die Abfertigungspraxis hier weniger streng zu sein scheint.
Niedersachsen und Brandenburg gehören zu den Hauptexporteuren von Rindern in Drittstaaten. Rund 22000 Kälber werden jährlich aus Niedersachsen exportiert, aus Brandenburg sind es rund 40000. Mit ihnen werden häufig Milchkuhherden aufgebaut. Andere Bundesländer untersagen solche Exporte teils bereits oder erließen besondere Auflagen. (Weiterlesen: Tiertransporte: 50.000 Rinder teils bis nach Usbekistan exportiert)
In alle Himmelsrichtung werden Tiere aus Deutschland verfrachtet. Nicht nur nach Nordafrika, auch bis ins ferne Asien etwa nach Usbekistan. Zuletzt forderte beispielsweise die sogenannte Zukunftskommission Landwirtschaft - eine Expertenrunde mit Vertretern aus Landwirtschaft, Wissenschaft und Nichtregierungsorganisationen - solche Langstreckentransporte grundsätzlich zu unterbinden.
Landkreis genehmigt dann doch
Doch was geschah mit den Rindern in Messingen nach der Gerichtsentscheidung? Der Transport startete trotz allem. Das Unternehmen plante um, schickte je zwei Fahrer pro Lkw auf die Reise. „In Folge war der Transport zu genehmigen. Die Tiere wurden nach Marokko in den ursprünglich geplanten Bestimmungsbetrieb, einen Milchviehbetrieb, versendet“, teilt eine Sprecherin des Landkreises Emsland unserer Redaktion mit.
Tierschutzbund-Präsident Thomas Schröder macht das fassungslos. Der lange Transport bedeute mit einem wie mit zwei Fahren Stress und Leid für die Tiere. Zudem müssten auch diese Tiere irgendwann geschlachtet werden. Dabei würden „sicher nicht“ die deutschen Tierschutzstandards eingehalten. Die direkte politische Verantwortung für die Entscheidung sieht Schröder zwar beim Landrat im Emsland. Aber auch die Politik als Gesetzgeber sei gefragt: „Die neue Bundesregierung muss jetzt liefern und sofort ein Verbot durchsetzen. Alles andere ist nicht mehr hinnehmbar“, forderte Schröder.
Grundsatzentscheidung angestrebt?
Die Rinder aus Messingen werden demnächst übrigens erneut das Verwaltungsgericht in Osnabrück beschäftigen. Neben dem Eilverfahren hat das Transportunternehmen nach Auskunft des Gerichts ein Hauptverfahren angestrengt. Offenbar soll eine grundsätzliche Entscheidung dazu gefällt werden, wie viele Fahrer denn nun mitreisen müssen.
Das Unternehmen selbst ließ eine Anfrage unserer Redaktion zum Transport zunächst unbeantwortet. Vom Landkreis Emsland hieß es, „tierschutzrelevante Abweichungen“ seien bei dem nun abgewickelten Transport nicht festgestellt worden. Allerdings lägen auch noch nicht alle notwendigen Unterlagen vor.