Seeltersk
Was genau ist eigentlich eine Muttersprache?
Wie so oft verstehen normale Menschen auch unter dem Begriff Muttersprache etwas anderes als einschlägig arbeitende Wissenschaftler. Der Saterfriesisch-Beauftragte erklärt, was es damit auf sich hat.
Was ist das eigentlich, eine Muttersprache? Es ist eine so einfache Frage, denn wer das Wort hört, denkt wahrscheinlich sofort: Das ist natürlich die Sprache der Mutter. In der Wissenschaft ist es jedoch nicht so einfach.
Zur Person
Henk Wolf (geb. 1973) arbeitet als Sprachwissenschaftler für die Rijksuniversiteit Groningen und als wissenschaftlicher Beauftragter für Saterfriesisch bei der Oldenburgischen Landschaft. Er hat ein Büro im Rathaus der Gemeinde Saterland in Ramsloh und schreibt für den GA in einer wöchentlichen Kolumne über Saterfriesisch.
Ich bin Sprachwissenschaftler und befasse mich vor allem mit dem Satzbau. Wie viele meiner Kollegen gehe ich davon aus, dass Menschen sich nur in wenigen Sprachen so sicher fühlen, dass sie ohne Unterricht einfach Sätze bauen, die sich völlig auf ihr Sprachgefühl stützen. Diese Sprachen haben sie im Kindesalter „aufgeschnappt“ und zwar so gut, dass sie fast genau so sprechen, wie ihre Eltern. In meiner Branche der Sprachwissenschaft nennen wir solche Sprachen Muttersprachen. Das bedeutet, dass jemand, der als Kind mit mehreren Sprachen intensiv in Kontakt gewesen ist, auch mehrere Muttersprachen haben kann. Ein Saterländer könnte theoretisch also drei Muttersprachen haben, wenn er von Kindesbeinen an fließend Saterfriesch, Plattdeutsch und Hochdeutsch spricht.
Soziolinguisten sehen die Welt ganz anders. Für sie ist die Muttersprache die Sprache mit der sich ein Mensch am allerengsten verbunden fühlt – meistens die Sprache, die im Elternhaus am häufigsten gesprochen wurde. Dies ist in weitaus den meisten Fällen die Sprache, in der sich die Mutter am liebsten äußert. Nun würden sich wahrscheinlich einige meiner soziologischen Kolleginnen aus Groningen beschweren, weil sie den Begriff „Muttersprache“ am liebsten gar nicht in den Mund nehmen. Sie betonen, dass man aufgrund der Sprachbeherrschung und der Beziehung zur Sprache keinen klaren Trennstrich zwischen Sprachen ziehen kann: Es gibt Menschen, die als Erwachsene eine Sprache perfekt lernen, es gibt Menschen, die am allerliebsten eine Sprache sprechen, die ihre Eltern nie gesprochen haben. Muttersprachen von Nicht-Muttersprachen zu unterscheiden, ist für sie ein Versuch, Sprachen in zwei Gruppen zu unterteilen, die es gar nicht gebe.
Kontakt: seeltersk@ga-online.de
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