Osnabrück
Umgang mit geerbtem Reichtum: Wie ein Verein reichen Erbinnen hilft
Susanne Meier hat vor 20 Jahren ein Millionenvermögen geerbt. Welche Herausforderungen damit auf sie zukommen, wusste sie damals nicht. Sie schloss sich dem Netzwerk Pecunia an, eine Art Selbsthilfegruppe für reiche Erbinnen.
Susanne Meier war Anfang dreißig, als sie von ihrem Vater ein Vermögen in Millionenhöhe erbte - Geld, Immobilien, Firmenanteile, Wertpapierdepots. Darauf vorbereitet war Meier nicht. „Mein Vater hat immer nur gesagt, dass wenn er einmal nicht mehr da ist, wir Kinder ausgesorgt haben“, erzählt sie. Wie viel genau er ihnen hinterlassen würde, wusste sie damals nicht. Auch nicht, welche Probleme und Herausforderungen mit dem Tod des Vaters Anfang der 2000er und dem Erbe auf sie zukommen würden. Damals fühlte sie sich allein und exponiert, wie sie heute sagt. Dass sie ihren Weg gefunden hat, hat ihrer Überzeugung nach auch mit dem Verein Pecunia zu tun, eine Art Selbsthilfegruppe für Erbinnen, deren einzige Bedingung es ist, mindesten 500.000 Euro geerbt zu haben. Doch der Reihe nach.
Meier heißt in Wirklichkeit anders. Anonymität und Diskretion sind der heute 50-Jährigen sehr wichtig, aus Angst vor Bedrohung, vor Neid, davor ausgenutzt und angebettelt zu werden. Von ihrem Reichtum wissen nur ihre engsten Freunde. „Man wird sehr misstrauisch“, sagt sie.
Meier hatte eine bürgerliche Kindheit, absolvierte die Schule, machte eine Ausbildung zur medizinisch-technischen Assistentin, studierte Betriebswirtschaft, war in der Steuerberatung tätig, ehe sie eine Modeschule besuchte. Rückblickend sagt sie: „Wir waren keine Bonzen, wie es so schön heißt.“
Keine Anerkennung vom autoritärem Vater
Ihre Mutter war früh tödlich verunglückt. Ihren Vater sah sie vor allem arbeiten. Er war in der Finanzbranche tätig. Als Jurist mit Doppelstudium und Promotion baute er in den 1980ern einen Versicherungskonzern mit auf, war dort in einer anspruchsvollen Führungsposition, verdiente gut. Eine gute Ausbildung seiner Kinder war ihm wichtig. „Doch von mir als Mädchen wurde nicht erwartet, dass ich meinen Lebensunterhalt mal selbst verdienen soll. Wichtiger war, dass ich heirate und Kinder bekomme“, sagt Meier, die lange unter dem Frauenbild ihres autoritären Vaters litt. „Ich habe von meinem Vater nie die Anerkennung bekommen, die ich brauchte.“
Trotzdem was es ihr Vater der ihr im Leben Halt gab. „Ich bin eine typische Vatertochter und habe mich immer an ihm orientiert. Als er gestorben war, fiel diese Orientierung plötzlich weg und ich musste mich neu ausrichten, das war nicht einfach für mich.“
Hinzu kamen familiäre Meinungsverschiedenheiten über das Vermögen und eine jahrelange Erbauseinandersetzung mit der Stiefmutter. „Mit ihr hatten wir kein Glück“, sagt Meier. Ihr fehlte der Rückhalt in der Familie, sie fühlte sich unverstanden und hatte Sehnsucht nach Austausch mit Gleichgesinnten in ähnlicher Situation, wie sie sagt. Innerhalb der Familie konnte sie über ihre Probleme mit niemandem sprechen, das Reden über Geld, Anlagen und Investitionen vermischten sich schnell mit innerfamiliären Werten, Rollen und Konflikten. „Das führte mich irgendwann zu Pecunia“, sagt Meier.
Pecunia-Frauen tauschen sich aus - auch über Schwierigkeiten
Bei dem Verein handelt es sich um ein Netzwerk für Erbinnen, das sich an Frauen richtet, die einen vertrauensvollen Austausch über ihr Erbe suchen. Frauen, die ihr Erbe mit Dankbarkeit und Freude annehmen können aber auch Frauen, denen das geerbte Vermögen Schwierigkeiten bereitet und die darauf nicht vorbereitet waren, über das sie mit niemandem reden können. Gegründet wurde das Netzwerk im Jahr 2000 unter anderem von Ise Bosch, deren Großvater den Industriekonzern Bosch aufgebaut hat.
Für den Normalverbraucher mag das sonderbar klingen − „deine Probleme hätte ich auch gerne“ lautet oftmals die gängige Meinung. „In der Öffentlichkeit wird sowas schnell als Luxusproblem abgetan“, sagt Meier. „Doch es ist nicht fair, wenn die einzig legitimen Probleme Geldsorgen sein dürfen.“
Rund 140 Mitglieder zählt der Verein inzwischen, darunter Lehrerinnen, Anwältinnen, Künstlerinnen, Unternehmerinnen, hauptamtliche Philantropinnen. Es sind Frauen, die Fragen haben, manchmal auch zweifeln, und die Antworten suchen. Wie gehe ich mit meinem Erbe sinnvoll um? Habe ich so viel Geld überhaupt verdient? Muss ich Geld spenden? Was will, kann und darf ich mir leisten? Bei Pecunia können die Frauen offen und ohne Tabus über solche Fragen reden. Sie berichten über ihre Erfahrungen als Erbin, ohne dass sich jemand dafür rechtfertigen muss, dass sie geerbt hat.
Nur mit Verschwiegenheitserklärung und Vermögensnachweis
Diskretion steht dabei über allem, Verschwiegenheit ist oberstes Gebot. Um das zu gewährleisten gibt es ein strenges Aufnahmeverfahren: Als Eintrittsbedingung muss eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnet und ein Vermögennachweis vorgelegt werden. Die Nachnamen der Frauen werden grundsätzlich nur abgekürzt, keine muss der anderen verraten, was oder wie viel sie geerbt hat. Nachdem sich vor einigen Jahren eine Reporterin bei einer Jahrestagung eingeschlichen hatte, sind die Pecunia-Frauen noch vorsichtiger geworden.
Einmal im Jahr treffen sich die Frauen zur Jahrestagung. Bei den Treffen gibt es ein breites Spektrum an Vorträgen etwa über zinsfreies Geld, gewaltfreie Kommunikation in Erbschaftskonflikten, Mikrofinanzen oder soziales Unternehmertum. Auch vermitteln Expertinnen Wissen und Tipps für Investments, Spendentätigkeit und Stiftungswesen und immer wieder steht auch der Umgang mit Medien auf dem Programm.
Pecunia hilft, das Erbe selbstbestimmt zu gestalten
„Frauen erben anders als Männer“, sagt Meier. Allein schon deshalb, weil viele einen Nachholbedarf im Umgang mit Finanzen hätten. „Als studierte Betriebswirtin und mit meiner Berufserfahrung kenne ich mich mit Geld aus und weiß etwa mit Angeboten von Finanzberatern entsprechend umzugehen. Andere hingegen müssen erst noch lernen, bei Geldfragen selbstbewusst aufzutreten.“ Pecunia hilft ihnen dabei ihre Kompetenzen zu entwickeln, ihre Rolle als Erbin zu finden und selbstbestimmt ihr Erbe zu gestalten, sagt Meier.
Auch ihr hat das Netzwerk geholfen, vor allem im Zwischenmenschlichen, wie sie sagt. Bei Pecunia hat sie Freundschaften geschlossen. „Ich habe im Laufe der Zeit gelernt, welche Fragen ich wem stellen kann, von wem ich mir ehrlichen Rat einholen kann und wem ich vertrauen kann. Das ist eine Gefühlssache, die man mit der Zeit entwickelt.“
Ihr Geld investiert Meier heute in Start-ups sowie an der Börse. Mit Vorliebe kauft sie unterbewertete Aktien und setzt langfristig auf deren positive Entwicklung. Value Investing nennt sich das Ganze. „Ich möchte mit dem ererbten Vermögen arbeiten und von den Erträgen leben, die ich mit meiner eigenen Wirtschaftskraft erziele.“
Spenden und die eigenen Wünsche erfüllen
Großen Luxus leistet sie sich keinen, sagt sie. Ab und an kauft sie sich mal ein Schmuckstück, verreist gerne, erlernt neue Sprachen, besucht Investorenkonferenzen. Auch engagiert sie sich ehrenamtlich und spendet hin und wieder Geldbeträge an eine gemeinnützige Stiftung, die die Entwicklung von psychisch kranken Kindern fördert.
Spenden und mit dem Geld verantwortungsvoll umzugehen sei ihr wichtig, sagt Meier. „Aber ich finde es genauso legitim, sich seine eigenen Wünsche zu erfüllen und seine eigenen Maßstäbe zu entwickeln, wie man mit dem Geld umgehen möchte und damit seinen eigenen Weg zu finden.“ Dafür offen einzustehen − auch das habe sie bei Pecunia gelernt.