Fynshav/Hamburg

Mega-Projekt in Dänemark: Eine Brücke zwischen Alsen und Fünen?

Karolina Meyer-Schilf
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Von Karolina Meyer-Schilf
| 11.11.2021 08:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Dänemark: Wer derzeit von Alsen nach Fünen will, muss einen großen Umweg fahren. Foto: Carsten Rehder/dpa
Dänemark: Wer derzeit von Alsen nach Fünen will, muss einen großen Umweg fahren. Foto: Carsten Rehder/dpa
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Im verschlafenen Fynshav könnte man fast einen Western drehen: Es fehlen nur die Buschrollen. Das könnte sich bald ändern: Im Gespräch ist eine Brücke zwischen Alsen und Fünen.

Fynshav ist ein geruhsamer kleiner Ort: 812 Einwohner leben hier. Es gibt eine Bushaltestelle, um die sich ein Supermarkt, eine Tankstelle, ein Pizzaservice und ein Schnellimbiss gruppieren. Wäre Fynshav nicht auf Alsen, sondern in Oregon, könnte man hier fast einen Western drehen: Es fehlen nur durch staubige Straßen wehende Buschrollen.

Das Ende der Welt

Aber Fynshav liegt nicht im staubigen mittleren Westen, sondern direkt am Kleinen Belt. Das Ufer fällt steil ab an Alsens Küste. Wer hier mit dem Auto ankommt, fühlt sich ein bißchen wie am Ende der Welt: Voraus nur das Blau des Himmels und darunter die glitzernde Ostsee.

Der kleine Ort Fynshav ist so verschlafen, dass nicht einmal unten, am Fährhafen, das Leben brodelt. Es gibt neun Spuren zum Einordnen für Autos und Lkw, eine Schranke mit Bezahlautomat und ein kleines Wartehäuschen.

Megaprojekt Als-Fyn Broen

Denn Fynshav, das bedeutet vor allem: Warten. Dabei ist das hier Alsens Tor zur Welt, jedenfalls zur östlichen. Fähren verkehren auf die Insel Ærø und nach Fünen. Eine der Fähren könnte es bald nicht mehr geben, jedenfalls nicht, wenn es nach der Foreningen Als-Fyn Broen geht - einem Verband, der sich massiv für eine feste Querung zwischen den Inseln einsetzt.

Eine Brücke soll gebaut werden, die Alsen und Fünen miteinander verbindet. Es ist ein Mammutprojekt, die derzeit in Rede stehenden Baukosten würden zwischen zwei bis drei Milliarden Euro betragen. Die Regierung in Kopenhagen hat jetzt grünes Licht gegeben für eine vertiefte Machbarkeitsstudie. Dass sich das Projekt lohnt, davon sind Inge Dahl und ihre Mitstreiter beidseits des Kleinen Belts überzeugt. „Wir wollen Süddanemark besser verbinden - für Wirtschaftsförderung, Tourismus und Ansiedlung“, sagt Dahl, die Vorsitzende der Foreningen Als-Fyn Broen ist und in Assens auf Fünen lebt. 

Sie versprechen sich eine bessere Anbindung der beiden süddänischen Regionen, was insbesondere Pendlern und Familien zugute kommen soll - aber auch Synergieeffekte in Kultur und im Gesundheitswesen.

Fähren gehören zu Dänemark wie Softeis

Wer derzeit von Alsen nach Fünen will, muss einen großen Umweg fahren - oder eben die Fähre nehmen. Die braucht 50 Minuten und verkehrt jetzt, im Winter, zwischen 6 Uhr morgens und 18 Uhr.

Aus deutscher Sicht gehören Fähren zu Dänemark wie Hotdogs und Softeis. Doch immer mehr von ihnen verschwinden. Sie fallen den effizienteren Brücken- und Tunnelprojekten zum Opfer: Der Øresund, der Große Belt oder auch der Fehmarnbelt zeugen davon. Dort, wo man früher auf die Fähre wartete, an Bord dann gemütlich seinen Kaffee trank und dabei versonnen aus dem Fenster aufs Wasser blickte, fährt man nun oder künftig in wenigen Minuten selbst von Küste zu Küste.

Fähren, so scheint es fast, sind nur noch etwas für Nostalgiker. „Wir haben das Jahr 2021“, sagt Hafenmeister Carsten Jensen Kock aus Mommark dazu. „Die Brücke ist ein super Projekt. Ich hoffe, dass sie kommt.“ 

Kock selbst kennt sich aus mit Transformation: Denn einst legten die Fähren aus Fünen und Ærø in Mommark an - atemberaubende Wendemanöver in dem kleinen verwinkelten Hafenbecken inklusive. Dann wurden die Fähren zum effizienteren Anleger nach Fynshav verlegt - und Mommark begann zu sterben. Der Hafen versandete immer mehr und war schließlich nicht einmal mehr für Segler ein attraktives Ziel. 

Tradition und Moderne

Bis Kock übernahm: Stück für Stück machte er den Hafen wieder attraktiv. Heute gibt es dort ein vorzügliches Restaurant, er verleiht Kajaks, verkauft Eis und räuchert Fisch. Und im Sommer spielt er zum Sonnenuntergang am Hafenbecken auf seinem Horn eine kleine Fanfare.

Tradition und Moderne liegen vielleicht nirgendwo so nah beieinander wie in Dänemark. Die Fähren gehören zum Bild dazu, aber wenn es um Effizienz geht und eine Alternative machbar ist, sind Traditionen für die Dänen kein Selbstzweck.

„Wir schauen immer ein bißchen neidvoll nach Dänemark“, sagt auch Jerome Stuck, Infrastrukturexperte bei der IHK Flensburg, die das Projekt aufmerksam verfolgt und unterstützt. „Die Dänen sind unglaublich pragmatisch“, sagt er, und lobt das dänische Planungs- und Beteiligungsmodell, durch das Großprojekte viel zügiger realisiert werden können als in Deutschland. 

Pragmatischer Ansatz

In Dänemark findet die Bürgerbeteiligung in einem sehr frühen Stadium statt, so dass wesentliche Bedenken ausgeräumt sind, wenn es wirklich an die Realisierung geht. Auch der dänische Naturschutzbund ist für seinen Pragmatismus bekannt, was zuletzt bei der Fehmarnbeltquerung deutlich wurde: Während der deutsche Nabu immer noch prozessiert, unterstützen die dänischen Naturschützer das Tunnel-Projekt.

Die IHK Flensburg verspricht sich von dem Brückenprojekt zwischen Alsen und Fünen viel: „Der Fahrtweg zwischen Flensburg und Kopenhagen würde sich um 45 Kilometer verringern“, sagt Stuck. Anstatt 50 Minuten mit der Fähre zu fahren, wären es nur noch fünf bis sieben Minuten über die Brücke. Davon profitiert die Wirtschaft auch in Flensburg, denn nicht nur der Warentransport wäre effizienter, sondern auch für Pendler aus Südfünen wäre etwa ein Arbeitsplatz in Flensburg plötzlich machbar - und umgekehrt.

Folgen für Natur und Segler

Proteste gibt es aber natürlich auch in Dänemark. Anwohner auf Fünen etwa befürchten nicht zu Unrecht stärkere Verkehrsbelastung und Lärm, auch Umweltschützer sorgen sich: Im Kleinen Belt liegen mehrere Natura-2000-Gebiete, die durch einen Brückenbau vermutlich Schaden nehmen würden. 

Und auch für Segler würde ein Brückenbau einen Einschnitt bedeuten: Je nach Bauweise und Durchfahrtshöhe würde die freie Fahrt auf dem Kleinen Belt deutlich eingeschränkt.

Die Machbarkeitsstudie soll nun klären, ob aus dem Brückenprojekt etwas werden kann oder nicht. Für Carsten Jensen Kock aus Mommark ist die Sache allerdings klar: „Ich weiß gar nicht, warum man das nicht machen sollte.“

Und das kleine, verschlafene Fynshav? Das würde durch das Megaprojekt vermutlich wachgeküsst - wenn auch etwas unsanft. 

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