Berlin
„Tyrannei der Ungeimpften“: Wie Politik- und Netzwelt reagieren
Weltärztechef Frank Ulrich Montgomery hat in der Talkshow bei Anne Will von einer „Tyrannei der Ungeimpften“ gesprochen. In der Politik und im Netz gibt es zahlreiche Reaktionen – aber nur wenig Zustimmung.
Der Vorsitzende des Weltärztebundes Frank Ulrich Montgomery erhält nach seiner Aussage bei „Anne Will“ viel Kritik aus der Politik- und Netzwelt. Am Sonntagabend hatte er in der Talkshow von einer „Tyrannei der Ungeimpften“ gesprochen, die über die zwei Drittel Geimpften bestimmten.
Er verwende den Begriff bewusst, betonte er auf Nachfrage der Moderatorin. „In Ländern, in denen 97 Prozent geimpft sind, wie in Portugal, gibt es all diese einschränkenden Maßnahmen nicht mehr, weil man sie nicht mehr braucht“, sagte Montgomery. Aus der Politik erhielt er daraufhin leise Kritik, im Netz fallen die Reaktionen zwar deutlicher aus - aber auch sehr verschieden.
Lauterbach und Walter-Borjans wollen sich nicht anschließen
Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach wollte sich beispielsweise nicht der Äußerung Montgomerys anschließen. Der Deutschen Presse-Agentur sagte er am Montag: „Das kann man so nicht sagen. Wir haben keine Impfpflicht verabredet, und dementsprechend üben die Ungeimpften nur ihre Rechte aus. Ich halte nichts davon, die Geimpften und Ungeimpften gegeneinander auszuspielen.“
Was man brauche, sei eine konsequente Umsetzung von 2G. „Wir brauchen bundesweit 2G, je schneller, desto besser.“ Dies werde letztlich zu einer erhöhten Impfbereitschaft führen, weil man von einem zu großen Teil des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen sei. „Und natürlich ist es auch so, dass der Anteil der Ungeimpften, die sich infiziert haben und über die Infektion die Immunität erworben haben, leider zunimmt.“
CDU-Politiker hält eine solche Aussage für falsch
Ähnlich sieht es SPD-Chef Norbert Walter-Borjans, auch er wollte sich ausdrücklich nicht Montgomerys Aussage anschließen. „Es gibt ängstlichere und wenig ängstliche Menschen“, erklärte er am Montag auf einer Pressekonferenz. „Und diejenigen, die ängstlicher sind und sich deswegen noch nicht entschließen konnten, sich impfen zu lassen, kann man nicht als Tyrannen bezeichnen.“
Michael Hennrich, stellvertretender Vorsitzender des Arbeitskreises Gesundheit der Unionsfraktion im Bundestag, hält es für falsch, von einer „Tyrannei der Ungeimpften“ zu sprechen. „Ich finde so einen Satz wenig hilfreich, weil er uns in der Sache nicht weiterbringt, sondern eher die Abwehrhaltung verstärkt“, sagte er der Redaktion von „web.de“, „GMX“ und „1&1“.
Sozialethiker kritisiert Wortwahl Montgomerys
Auch der Sozialethiker Martin Booms kritisierte Montgomery für dessen Wortwahl. „Wir müssen insgesamt aufhören, Gruppen in der Gesellschaft zu moralisieren und gegeneinander auszuspielen. Wer Tyrannei sagt, unterstellt ja das Motiv, dass hier eigennützige Menschen sich nicht impfen lassen, um dann am Ende unter den allgemeinen Impfschutz mit hineinzuschlüpfen“, sagte er am Montag dem WDR.
Im Netz erhielt Montgomery teilweise Zustimmung. „Ich bin nicht sehr oft mit #Montgomery einer Meinung. Aber mit der #TyranneiDerUngeimpften hat er ausnahmsweise absolut Recht“, erklärte ein User auf Twitter. Eine weitere Nutzerin schrieb: „Gebe #Montgomery recht mit seiner Aussage #TyranneiDerUngeimpften, denn die Ungeimpften schränken unsere Freiheit ein! Wann führen wir #2G ein?“
Doch auch in den Sozialen Medien erntete der Weltärztechef reichlich Kritik. Ein User schrieb: „Der nächste Hassprediger. #Montgomery“, ein anderer: „Wikipedia: „Als Tyrannei bezeichnet man in stark abwertendem Sinn eine als illegitim betrachtete Gewalt- und Willkürherrschaft eines Machthabers oder einer Gruppe.“ Die HERRSCHAFTsgewalt liegt in Deutschland nach wie vor in den Händen der Regierenden. Herr #Montgomery schwurbelt!“
mit dpa